Corona soll auch zu einem Umdenken führen, um die Städte nachhaltiger und ökologischer zu machen. An der Bevölkerung vorbei wurden und werden bereits Pläne geschmiedet, wie es nach Corona weitergehen soll. Die geplanten Veränderungen werden tiefgreifende Einschnitte mit sich bringen.

Es ist keine große Neuigkeit, die Corona-Pandemie hat dem Einzelhandel stark zugesetzt. Betroffen sind vor allem Geschäfte in Ortszentren und Innenstadtlagen. Zwar verteilt die Politik noch Beruhigungspillen und verweist darauf, dass die Zahl der Insolvenzen seit Beginn der Pandemie nicht zugenommen habe, sondern sogar gesunken sei, aber aufgeschoben heißt nicht aufgehoben.

Der Handel verliert

Fest steht zumindest schon jetzt: Nach Corona werden sich die Innenstädte stark verändert haben. Viele Ladenlokale, auch alteingesessene Händler und Traditionsbetriebe werden die Pandemie nicht überstehen. Schaufensterbummel, das Stöbern in Boutiquen oder Buchläden und die Möglichkeit zu einem Spontankauf sind im vergangenen Jahr selten geworden. Ebenso der Besuch einer Bar, eines Gasthauses oder das Ausklingenlassen eines Tages gemeinsam mit Freunden in einem Gastgarten bei anregenden Gesprächen.

Selbst in den kurzen Phasen der Öffnungen blieben aufgrund von Hygieneregeln und um sich greifender Panik durch Regierungspropaganda die Menschen fern. Nicht umsonst warnte schon Ende November bzw. Anfang Dezember der Handelsverband Deutschland (HDE) vor einer nie dagewesenen Pleitewelle. Denn viele Geschäfte hatten schon vor Corona zu kämpfen, Lockdowns und der Wechsel vieler Kunden zu Onlinehändlern verschärften die Lage deutlich. Wobei diese schon zuvor nicht immer rosig war, Planungsfehler der Stadt- und Gemeindeoberen, die oftmals große Einkaufszentren auf der „grünen Wiese“ genehmigten, sorgten schon seit Jahren für eine Verödung der Innenstädte.

Aber was kommt danach, in der Post-Corona-Zeit. Zwar freute sich das Weltwirtschaftsforum bereits während des Lockdowns über leere Innenstädte und feierte die Reduzierung der Umgebungsgeräusche um bis zu 50 Prozent, dass dabei jedoch eine Vielzahl von Existenzen vernichtet wurde und wird, diese Erwähnung fehlt. Auch über die brachliegende Kultur wird kein Wort verloren…

Experimentierfeld „Stadt“

Mittlerweile beschäftigen sich auch schon Ministerien mit der Causa, etwa das deutsche Bundesministerium des Innern für Bau und Heimat (BMI), das bereits Projekte zur Thematik „Post-Corona-Stadt“ fördert. Heraus kam dabei die neue Leipzig-Charta, die die Stadt gerechter, grüner und produktiver machen soll. Ebenso fehlt nicht der Punkt Digitalisierung, wobei auch der seit den 2000er Jahren immer wieder verwendete Begriff der „Smart Cities“ nicht fehlt. Im Grunde betrifft die Entwicklung der „Post-Corona-Stadt“ sämtliche Bereiche. Bevölkerung, Verwaltung, Mobilität, Gesundheit, Umwelt, Zivilgesellschaft – und alles unter dem Mantel der Nachhaltigkeit. So heißt es in der Charta auch: „Städte sind Orte der Vielfalt, Kreativität und Solidarität. Kulturelle und politische Traditionen bilden die Grundlage für die Entwicklung der Stadt als Ausgangspunkt demokratischer Rechte und Werte. Zudem sind Städte Experimentierfelder für neue Problemlösungsansätze und soziale Innovationen. Qualitativ hochwertige, für alle offene und sichere öffentliche Räume machen die Stadt lebendig: Sie schaffen Räume für Begegnungen, Austausch und Integration.“

Gesellschaft umgestalten

Was sich im ersten Moment vielleicht ganz nett anhören mag, bedeutet im Grunde nichts anderes, als dass sich nun endlich die Möglichkeit und das Experimentierfeld bietet, die Stadt und somit die Gesellschaft so umzugestalten, wie sie den politischen Entscheidungsträgern genehm ist und legitim erscheint, aber nicht so, wie sie sich die Bürger vielleicht wünschen würden. Zwar ist von Demokratie und Mitspracherecht in dem Papier häufig die Rede, aber wann wurden die Bürger in letzter Zeit gefragt, ob sie mit den Maßnahmen der Entscheidungsträger einverstanden sind?
So ist es auch nicht verwunderlich, dass bei den Pilotprojekten der Stadtentwicklung auch das Thema Integration und „Flüchtlinge“ einen breiten Raum einnimmt. So wird in Tübingen die Initiative „Nachbarschaft und Vielfalt: strategische Wohnraumentwicklung für Geflüchtete“ gefördert. Auch ein Projekt in Thüringen, welches allerdings bereits 2019 abgeschlossen wurde, beschäftigte sich mit der Frage, wie ein leerstehendes städtisches Bürogebäude als Containerunterkunft für Flüchtlinge genutzt werden könnte. Geradezu zukunftsweisend, denn viele Büros werden in der Post-Corona-Stadt vermutlich verwaist sein und auf eine Nutzung warten.

Pleitewelle wird kommen

Da trifft es sich vermutlich gut, dass durch die maßnahmenbedingten Pleiten weitere Freiräume zur Erprobung zur Verfügung stehen werden. Denn allein für Deutschland rechnete der HDE bei geschätzten Umsatzrückgängen von rund 40 Milliarden Euro für den Handel im Jahr 2020 damit, dass ungefähr 50.000 mittelständische Einzelhändler ihre Geschäfte für immer schließen müssen. Dies betrifft auch vor allem den „innenstadt-relevanten Handel“, wodurch neben Büros auch bald eine Vielzahl von Geschäftslokalen leer stehen werden.
Allerdings können sich auch immer mehr Menschen das Wohnen im Erdgeschoss vorstellen, wie schon 2018 eine Studie des Maklerunternehmens S Real und der Online-Plattform Wohnnet belegte.

Migration wird verändern

So erklärte Michael Pisecky, Geschäftsführer der S Real Immobilienvermittlung GmbH, dass vor allem viele Zuwanderer das straßennahe Wohnen aus ihren Heimatländern gewöhnt seien und sich daher auch in Wien Ähnliches wünschen. Immerhin 48 Prozent der Befragten konnten sich damals vorstellen, in einem für Wohnnutzung adaptierten Geschäftslokal zu wohnen. Nötig wäre neben der Adaptierung lediglich eine Umwidmung der Räumlichkeiten. Auch vor dem Hintergrund, dass in der Post-Corona-Stadt der Autoverkehr weiter wirkungsvoll eingeschränkt und Begegnungszonen geschaffen werden, ein keineswegs abwegiger Gedanke.