Sie plauderten über Deals mit Drogen und Waffen, wen sie mit Säure übergießen wollen und wem ein Arm abgehackt werden müsse. Die „neuen Kriminellen“ Europas lassen die alten Ganoven wie Waisenknaben aussehen. Kriminalisten knackten EncroChat, die verschlüsselte Kommunikation des Kartells. Europaweit erfolgte im Juni im Rahmen der „Operation Venetic“ koordiniert der Zugriff.

In einer Lagerhalle in Wouwse Plantage nördlich von Antwerpen, Niederlande, stießen Polizeieinheiten auf ein verstecktes Geheimgefängnis. Schallisolierte Seecontainer waren mit Handschellen und Campingtoiletten dazu vorbereitet worden, Menschen gefangen zu halten. Teil der Anlage war eine Folterkammer. Die Opfer hätten in einem Zahnarztsessel festgeschnallt werden sollen, Scheren, Zangen und andere Folterinstrumente lagen bereits vorbereitet auf ihren Plätzen. Doch dies ist nur die Spitze des Eisbergs.

Verschlüsseltes Chatnetzwerk im Mittelpunkt

Die Behörden kamen dem riesigen Verbrechernetzwerk durch einen Hack ihres Verschlüsselungssystems auf die Spur. Die Unterweltler nutzten für ihre Kommunikation Software und Geräte von „EncroChat“, eine Art „Whatsapp“ für Schwerstkriminelle. Damit fühlten sie sich vollständig sicher und besprachen sämtliche Details ihrer Verbrechen völlig offen. Preislisten, Kundennamen, Drogenmengen – alles wurde besprochen und ausgetauscht. Im Juni wurde quer durch Europa die „Operation Venetic“ durchgeführt, während der bislang in Frankreich, den Niederlanden, Großbritannien, Norwegen und Schweden rund 1.000 Personen verhaftet wurden.

Millionen Chatnachrichten

Die Polizei musste sich der Herausforderung stellen, Millionen Chatnachrichten von 60.000 Nutzern des Netzwerkes auszuwerten. 10.000 davon residierten alleine im Vereinigten Königreich. 171 Festnahmen wurden in London vollzogen, insgesamt klickten in Großbritannien die Handschellen für 746 Personen. Weitere Festnahmen erfolgten in anderen europäischen Ländern. Einige Bandenbosse konnten scheinbar rechtzeitig fliehen, so die irische Unterweltgröße Daniel Kinahan, der sich nach Dubai zurückzog.

So funktionierte der Kriminellen-Chat

Die Hardware von EncroChat bestand aus modifizierten Android Geräten. Darauf wurde eigene Software installiert, sämtliche Nachrichten liefen über die Server des Anbieters. GPS, Kamera und Mikrofone wurden entfernt. Mit einem speziellen Code konnte das gesamte Handy auf Wunsch gelöscht werden. Zudem verfügten die Geräte über einen Tarnmodus, man konnte sie auch ganz normal mit Android starten. Wollte man ins Kriminellen-Netzwerk, wechselte man zum EncroChat-System. Die Geräte waren nur im Abo zu erwerben. Das Grundmodell kostete 1.000 Euro, ein Halbjahresabo für die Nutzung 1.500 Euro.

Nach Hack hatten Behörden Zugriff auf alles

Laut einer Recherche des umstrittenen Nachrichtenportals VICE gelang es den Behörden, einen speziellen Code zu entwickeln, der die Löschfunktion sperrte und Zugang zum zuvor als absolut sicher geltenden System ermöglichte. Dort wird der aufsehenerregende und hochkompliziete Hack der Behörden in nahezu bedauerndem Tonfall beschrieben. Unter anderem heißt es: „Die Behörden hatten alles: Bilder von Drogenbergen auf Waagen, Kiloblöcken Kokain, Säcken voller Ecstasy, Fäusteweise Cannabis; sie hatten Nachrichten über geplante Drogenübergaben und große Deals. Sie hatten sogar Fotos von Familienangehörigen und Unterhaltungen über die legalen Geschäfte der Kriminellen.“

Drogenfabrik, Bargeld, Kriegswaffen

Alleine in Großbritannien konnten 2 Tonnen Drogen mit einem Straßenwert von 100 Millionen britischen Pfund und zahlreiche Waffen – darunter Kriegswaffen wie Sturmgewehre und Granaten – sichergestellt werden. 54 Millionen Pfund wurden in Bargeld beschlagnahmt. In Rochester flog eine illegale Drogenfabrik auf, dort wurden 28 Millionen Tabletten gefunden. Die Behörden geben an, mit der Aktion auch rund 200 geplante Morde verhindert zu haben. Teilweise konnten Personen, deren Entführung und Folterung in dem Geheimgefängnis vorgesehen war, vorher gewarnt werden und untertauchen. Europaweit wurden 19 Drogenlabors ausgehoben, 10 Tonnen Kokain, 12 Tonnen Cannabis, 1,5 Tonnen Crystal Meth, 70 Kilo Heroin und 160.000 Liter Chemikalien für die Herstellung von Drogen konnten beschlagnahmt werden. Weitere Verhaftungen wurden angekündigt.

Viele Einwanderer unter den Kriminellen

Nachdem die in Großbritannien Namen und Bilder von Verbrechern stets veröffentlicht werden, kann beispielsweise die Liste der nur in London verhafteten Personen online eingesehen werden. Sie beginnt bereits mit Abdelilah H., Abdifatah A., Abdiqani M., Abdsamai C. und endet mit Yassin S. und Yousefe E. Freilich sind nicht alle angeklagten Verbrecher außereuropäischer Herkunft, aber die Zusammensetzung der Liste ist sehr aufschlussreich.