Die meisten europäischen Länder versuchen, das Coronavirus mittels Notbetriebs einzudämmen. Einen ganz anderen Weg wollen die Holländer gehen: Nicht-Risiko-Gruppen sollten sich sogar gezielt anstecken, um eine „Herdenimmunität“ zu erreichen. 

Am Montag sorgte die Nachricht für Aufsehen, dass der niederländische Premier Mark Rutte des hochansteckenden Virus mit kontrollierter Verbreitung Herr werden wollte. Dieses Szenario, über das unter anderem der Schweizer Blick berichtete, beruht auf der Annahme, dass junge und gesunde Menschen zumeist milde Verläufe erleben.

Sekundärschutz für Alte durch immunisierte Jugend

Sobald die sogenannte „Herdenimmunität“ erreicht wäre, würde die mobile Jugend das Virus nicht mehr weiter verbreiten. Sekundär entstünde somit ein Schutz für ältere Menschen und andere Risikogruppen. Auf diese Weise verlangsame sich die Verbreitung, ohne dass die Wirtschaft und das öffentliche Leben Schaden nähmen.

Allerdings ist dieser Ansatz heftig umstritten. Denn erstens wissen Forscher noch nicht abschließend, ob nach einer COVID-19-Erkrankung wirklich Immunität einsetzt. Zweitens wäre die Dauer unklar, bis der Herdenschutz wirklich umfassend ist. Und drittens könnte dies zu einem Höhepunkt der Kurve führen, die das Gesundheitssystem überfordert.

Rutte rudert zurück – kein Herdenimmunität-Experiment

Rutte wäre nicht der Erfinder dieser Route gewesen: Auch der britische Premier Boris Johnson zog diese einst in Betracht. Nachdem Experten allerdings von im schlimmsten Fall mehreren hunderttausend Toten warnten, nahm der konservative Politiker von seinen Plänen wieder Abstand. Auch Rutte ruderte laut Kurier bereits am Mittwoch zurück.

Es sei nie die Absicht gewesen, eine Gruppenimmunität gezielt herzustellen, so Ruttes Dementi. Allerdings sei es durchaus möglich, dass diese eine logische Konsequenz aus der Verbreitung sei. Es gehe ihm jedenfalls um eine für die Intensivpflege bewältigbare Infiziertenzahl. Außerdem habe der Schutz alter und verletzlicher Menschen Vorrang.