„Das Vertrauen ist zerstört, wir versuchen wieder in den Alltag zurück zu finden“

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100 Tage nach dem Verbrechen mit fundamentalistischem Hintergrund

„Das Vertrauen ist zerstört, wir versuchen wieder in den Alltag zurück zu finden“

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Ein Sommertag, wie im Bilderbuch: Freitag, der 30. Juni. Nicht für ein betagtes Ehepaar in Linz St. Magdalena. Um 9:44 Uhr geht bei der Feuerwehr ein Notruf ein: Es sei ein Zimmerbrand. Zwei Tote werden vorgefunden.

Ein Beitrag von Georg M. Hofbauer

100 Tage nach dem heimtückischen Doppelmord mit vermutlich politisch und religiösem Hintergrund zeigt sich: Das Unfassbare in der biederen Siedlung mit den zwei Gesichtern ist nicht einmal ansatzweise aufgearbeitet.

Fakten, die Österreich erschütterten

Düsterer geht es fast nicht. Am Ende der Voltastraße, einer Sackgasse, steht das Eckreihenhaus. Eternit-Fassade, ein paar Fenster gekippt, vermutlich, um den Brandgeruch zu beseitigen. Der Tatort… Zu einer Zeit, zu der die Menschen üblicherweise die „Zeit im Bild“ verfolgen, versuche ich die Gegend zu erkunden.

Mir ein Bild zu machen, soweit ich zwischen dem engen, finsteren Schlurf an den Mülltonnen vorbeifinde, in der an sich noblen Gegend. Das letzte Haus in der Gasse auf der rechten Seite: Es kommt mir so vor, dass hier viele Komponenten zusammengespielt haben könnten, die den Täter animierten, hier „sein Exempel zu statuieren“. An dem älteren, wehrlosen Ehepaar.

Nahezu kein Einblick in das Haus, in den Garten ist möglich, so gut wie kein Autoverkehr, die Situation der betagten Herrschaften, dessen Vertrauen der Gemüsezusteller erlangt hatte, das alles könnte bei seiner Tatvorbereitung eine Rolle gespielt haben. Doch genug der Erkundung und Überlegungen. Zu den Fakten, die die Öffentlichkeit in Österreich und darüber hinaus erschütterten: Ein 54-jähriger Tunesier, der seit fast 30 Jahren – mit Unterbrechungen – in Österreich lebt und das Ehepaar regelmäßig mit Gemüse beliefert hatte, stellte sich nach der Tat der Polizei und gesteht den Doppelmord. Für Mohammed H. gilt die Unschuldsvermutung.

Furchtbarer Hass trotz „Willkommens-Kultur“

Als Motive werden angegeben: Der Tunesier habe sich vom Staat schikaniert gefühlt und so immer mehr Hass auf Österreich und auf die FPÖ entwickelt. Dazu kommen längere Aufenthalte in seinem Heimatland und Sympathie-Bekundungen für den IS, den radikalen Islamischen Staat. Den späteren Opfern, so wird rekonstruiert, unterstellt er Nähe zur Freiheitlichen Partei, die sich gegen ungebremsten Zuzug von Migranten stellt.

Trotz Gedenkminute im Parlament wurde rasch verdrängt

Fatal: Die Zuordnung zu den Freiheitlichen hatte der mutmaßliche Täter aufgrund falscher Schlussfolgerungen gemacht. Der Innenminister spricht aufgrund der Angaben vom ersten IS-Mord in Österreich. Bei einer Gedenkminute im Parlament wird die Verantwortung der Politik betont und gesagt, dass „Österreich offenbar nicht immun gegen islamistisch-fundamentalistische Tendenzen“ sei.

„Wir waren nicht zu Hause, kamen gerade zurück, da haben wir die vielen Einsatz-Autos gesehen“, schildert eine Nachbarin den sommerlichen Tag, wiederum bei spätsommerlichen Temperaturen im Oktober. In diesem Licht zeigt die Siedlung unweit eines Studentenheimes und unweit des Gemüseladens, in dem Mohammed H. gearbeitet hatte, wieder ein etwas freundlicheres Gesicht.

Situation nicht mehr ausgehalten

„Aber das Vertrauen ist massiv gestört hier in dieser Siedlung, trotzdem versuchen wir wieder in den Alltag zurück zu finden. Es ist ein unbeschreiblicher Schmerz für uns“, betont die Bewohnerin.

Ein älterer, sehr naher Nachbar schildert: „Wir haben die Situation danach hier nicht ausgehalten, viele hier sind in den Urlaub, auf jeden Fall weggefahren. Wir versuchen das Ganze zu vergessen, aber das gelingt freilich nicht…“

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