Ein Paradies für Bücherwürmer in Wels

Gute Buchhandlungen sind selten geworden

Ein Paradies für Bücherwürmer in Wels

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Wegen ihres speziellen Angebots sind Geschäfte wie die Buchhandlung Friedhuber nicht nur in Wels schon eine Rarität, sondern auch in Österreich. In dem heuer 80 Jahre alt gewordenen Laden für notorische Bücherwürmer wird nämlich nicht nur Neues und Aktuelles, sondern auch sehr viel Altes zum Schmökern offeriert.

Eine Reportage von Chefredakteur Kurt Guggenbichler

Gerade vor Weihnachten sind alte nostalgische Bücher wieder stark gefragt. „Was ist? – Können Sie mir das Buch besorgen?“ erkundigt sich Stammkunde Manfred Nordmeyer in der Welser Buchhandlung Friedhuber bei Geschäftsführer Cordelio Malavasi nach einem astronomischen Fachbuch.

Optimale Kundenbetreuung

Die Auflage ist leider vergriffen. Trotzdem will Malavasi schauen, ob er noch ein Buch davon auftreiben kann. Dafür braucht er Zeit, muss suchen, im Internet recherchieren, was er auch gern tut. Man erwartet das auch von ihm, da optimale Kundenbetreuung mittlerweile das Markenzeichen der Buchhandlung Friedhuber ist.

Mit ausgefallenen Buchwünschen, von denen letztlich sehr viele erfüllt werden können, wird der 58-jährige Malavasi bereits konfrontiert, seit er 1985 in die Firma eingetreten ist und die antiquarische Abteilung sukzessive auszubauen begann, weil – so sein Credo – ein Schritt zurück auch ein Schritt vorwärts sei.

Gegründet 1937

Der Grundstock für das bekannt große Antiquariat wurde mit Auflösung der Leihbücherei im Jahr 1970 gelegt, wodurch auf einen Schlag 15.000 Bücher wieder eine neue Heimat im selben Geschäft gefunden haben. Denn diese alten Bücher irgendwo hin zu entrümpeln wäre für Malavasi wohl nie in Frage gekommen. Jedes Buch, so betont er, habe seinen eigenen Reiz – und verdient auch möglichst viele Leser.

Das fand wohl auch Eugen Friedhuber, der Opa von Cordelio. Denn mit der Geschäftsgründung habe der Großvater im Jahr 1937 auch gleich eine Leihbücherei ins Leben gerufen. Doch mit dem Erstarken der öffentlichen Stadtbücherei war die von Friedhuber eines Tages obsolet geworden. Viele Jahre lang hatte sie jedoch eine äußerst wichtige Funktion erfüllt, nicht nur für die Welser, sondern auch für die Familie des Eugen Friedhuber.

„Denn mit der Leihbücherei wurde im Zweiten Weltkrieg das Geschäft über Wasser gehalten“, erläutert Enkel Malavasi. Auch Opa hatte seinerzeit zum Militär einrücken müssen, zum anderen hätten die Leute in jenen Jahren auch kein Geld gehabt, um Bücher zu kaufen.

Clevere Idee

Als der Krieg zu Ende war, stand auch Eugen wieder in seiner Buchhandlung an der Ringstraße und erweiterte sein Geschäft nach einiger Zeit mit einer Schallplattenabteilung: Das war im Jahr 1954 und eigentlich ziemlich clever, denn das Geschäft mit den Tonträgern fing von da an zu boomen.

Mit Schallplatten, später auch mit Musik-Kassetten, wurden von den Friedhubers mehr als drei Jahrzehnte lang gute Umsätze gemacht. „1991 habe ich diese Abteilung geschlossen“, sagt Malavasi. Mittlerweile hatte die Innenstadt viele Käufer an die Einkaufszentren am Stadtrand verloren. Malavasi musste sich also etwas einfallen lassen, „um wieder Kunden anzulocken und zu halten.“ Er gestaltete sein Geschäft um, machte daraus eine Wohlfühlbuchhandlung, erweiterte sein Warenangebot und sorgte für eine noch individuellere Betreuung seiner Klientel.

Kurrent-Kurse

Heute offeriert Friedhuber nicht nur das jeweils aktuelle Verlagsprogramm, sondern auch bibliophile Raritäten, darunter alte Lieder-, Koch-, Kinder- und Märchenbücher, alte Bildbände und Stadtführer, Romane von Autoren, die nicht mehr in Mode sind und noch vieles andere mehr, woran Leseratten, Deko- und Papierfreaks sonst noch Gefallen finden könnten: Bildkalender, ein spezielles Briefpapier, Lebkuchen-Aufkleber, alte Ausschneidebögen und so genannte Aufsteller wie auch kalligraphische Kurse – was ungewöhnlich ist.

„Unsere Kurse zur Erlernung der Kurrent-Schrift werden aber gut angenommen“, freut sich Malavasi. „Pro Monat lassen sich vier bis fünf Leute zwei Tage lang bei uns unterrichten, damit sie endlich die Briefe oder Dokumente von den Großeltern, die sie zu Hause herumliegen haben, auch lesen können.“ Dieses Angebot gibt es von Friedhuber bereits seit zwei Jahren und auch für 2018 haben sich schon wieder Leute angemeldet.

Kostbarkeiten

„Was bei uns noch oft nachgefragt wird, sind alte Sachbücher mit schönen Lithographien oder kolorierten Stichen“, sagt Malavasi der gerade zwei schön gestaltete Bände eines medizinischen Fachbuches von 1890 an eine Wiener Firma verkaufen konnte. Das sei schon ganz etwas spezielles, betont er während er noch einmal liebevoll in den Seiten blättert und erklärt: „Das ist ein Buch über Heilpflanzen. – Auf der linken Seite ist die jeweilige Pflanze abgebildet, auf der rechten Seite ist sie beschrieben.“

Diese Kostbarkeit sei durch eine Haushaltsauflösung zu ihm gekommen. Abrupt steckt Malavasi nun die beiden Werke in die Schublade für die verkauften Bücher zurück und entschuldigt sich, um sich wieder den Kunden im Geschäft zu widmen. „Jetzt vor Weihnachten“, sagt er und lächelt zufrieden, „gibt es für uns besonders viel zu tun.“

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