Blickkontakt und viel Bewegung in der freien Natur als Lebensquell

Werbung

Werbung

Lächelnd durch den Lockdown

Blickkontakt und viel Bewegung in der freien Natur als Lebensquell

[responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Vorlesen"]

Werbung

Die einen schwören aufs Jonglieren, die anderen reden morgens mit ihrem Spiegelbild. Dritte versuchen sich über den Lockdown hinwegzulächeln. In dem Bemühen, die von der Regierung verhängte Isolation irgendwie zu überstehen, hat jeder Oberösterreicher seine eigene Methode.

Eine Reportage von Kurt Guggenbichler

20.Jänner 2021, 8 Uhr morgens. Der Nebel lastet so schwer über Oberösterreich wie der Lockdown und die von ihm verursachte Elegie. Draußen ist es kalt. Es sind kaum Menschen unterwegs, auch nicht in Ansfelden, wo ich zu Hause bin. Einige sehe ich auf den Balkonen ihrer Wohnungen stehen und rauchen, andere eilen zu ihren geparkten Autos, vermutlich um zur Arbeit zu fahren.

Humor nicht verlieren

Wer nicht unbedingt an seinen Arbeitsplatz in die Firma muss, sitzt sich zu Hause in seinem Home-Office vorm Bildschirm den Rücken wund. Auf der Straße vor meinem Haus führt ein älterer Mann mit Maske seinen Hund spazieren und eine betagte Frau schiebt sich mit ihrem Rollator in Richtung Post-Shop.

An der öffentlichen Bushaltestelle warten Leute schweigend und mit teils verbissenen Gesichtern auf ihren Abtransport. Eine eigenartige, irgendwie depressiv anmutende Stimmung liegt in der Luft. Diese verzieht sich auch nicht, als sich die Nebel lichten und die Sonne durch die Wolkendecke bricht.

Da das Wetter gerade passt, gehe ich einkaufen. Im Supermarkt herrscht eine gespenstige Stille. Seltsam, denke ich, wo sind die Hamsterer geblieben?

„Ist etwas Besonderes los?“ frage ich die Kassiererin im Supermarkt. „Im Moment ist es ziemlich ruhig hier“, sagt sie ungerührt, während sie meine Einkäufe über den Scanner zieht. Als sie mit dem Zusammenrechnen fertig ist, schaut sie zu mir hoch und ich pariere ihren Blickkontakt. „Haben sie eine Jö-Karte?“, fragt mich die Kassiererin. Ich verneine und sage: „Ich kann ihnen aber meine Bankomatkarte geben.“

Nun schmunzelt sie und ich lächle auch, was man trotz der Maske über meiner Nase und meinem Mund an den Augen erkennen kann.

„Das hast du richtig gemacht“, lobt mich die Mentaltrainerin Sabine Reichsthaler, als ich ihr davon erzähle. Sie beendet demnächst ihr Studium der Lebens- und Sozialberatung an der Sigmund-Freud Privatuniversität in Linz. „Das, was du getan hast, ist genau das, was es jetzt braucht: Den Blickkontakt mit den Menschen – und Humor!“

Durch den vom Staat verordneten Rückzug in ihre vier Wände verschwanden die meisten Oberösterreicher für die meiste Zeit des Tages nicht nur von der Straße, sondern auch gleich in die innere Emigration, befürchtet Reichsthaler. Offenbar werde nur geredet, was nötig ist, oder gejammert.

Kopf hoch und durchatmen

Ihr Ratschlag: Leute, verzweifelt nicht, hört auf zu jammern und lächelt den Lockdown einfach weg! Durch das Lachen würden nämlich Glückshormone produziert, die das Wohlbefinden förderten. Auch viel Bewegung in der freien Natur, wozu auch ein aufrechter Gang und eine gerade Haltung gehört, trügen sehr zum Wohlbefinden in dieser Zeit des Unwohlseins bei.

„Ist dir eigentlich aufgefallen, wie viele Leute mit hängenden Schultern und eingezogenem Kopf durch die Gegend laufen?“ fragt mich Sabine, für die das eine Folge des langen Lockdowns ist. „Also Kopf hoch und durchatmen!“

Der schon seit Monaten zur Untätigkeit verdammte Menü-Theater-Chef Hannes Angerer versucht den Lockdown ebenfalls wegzulachen, aber auch ihm davonzulaufen. „Ich gehe fast jeden Tag joggen“, sagt er. Er versuche dabei die Zeichen zu sehen.

„Welche Zeichen?“, will ich wissen. „Das, was ich beim Laufen in der Natur feststelle“, erläutert Hannes und er erzählt mir von einem Erlebnis mit einem Bussard, den er beim Joggen unbeabsichtigt aufgeschreckt hatte und der daraufhin blitzartig hoch in den Himmel schoss.

Was koche ich heute?

Angerer gewann daraus die Erkenntnis: „Von ganz oben sehen die irdischen Probleme ziemlich klein aus.“ „Diese kann man auch wegkochen“, sagt Sabine Reichsthaler, die das selbst mit einem schmackhaften Linseneintopf macht, den sie scharf mit Chilli, Curcuma und Curry würzt. Auch andere gut gewürzte Eintöpfe würden vielen Familien das Leben in diesen Zeiten erleichtern, weil man die Grundprodukte dafür immer zu Hause hätte oder leicht bekäme und weil man von einem Eintopfgericht auch mehrere Tage leben könne. Damit stünden die Hausfrauen nicht jeden Morgen vor der Frage: Was koche ich heute

Die Frage des Essens ist für Hannes Angerer kein Problem, die Frage der geistigen Nahrungsaufnahme aber schon. „Ich lasse Zeitungs- und Fernsehnachrichten nur noch sehr reduziert an mich heran“, sagt er und auch Sabine rät zur Zurückhaltung beim medialen Konsum. „Ich bezeichne das als Mind-Schutz“, sagt sie in Anspielung an den verordneten Mundschutz.

Mit der Krise hätten sich aber für viele Landsleute auch ganz neue Lebensmöglichkeiten eröffnet, glaubt Angerer, der bekennt: „Ich bin spiritueller geworden und habe während des Lockdowns ein Buch geschrieben.”

Wie heißt es? “Nur das Christuslicht wirft keine Schatten”, sagt Hannes: Dies sei jedoch kein religiöses Werk, sondern eines, das dazu motivieren soll, die eigene Kraft zu finden und sich darauf zu besinnen. Wer lacht, lebt länger und lebt auch besser: Das sei beispielsweise eine der essenziellen Aussagen seines Buches und von deren Richtigkeit ist nicht nur Angerer, sondern auch Reichthaler überzeugt.

Strukturierter Tagesablauf

Beide wissen, dass es keine Patentrezepte gibt, um geistig und auch körperlich unbeschadet durch den Lockdown zu kommen. Da hat jeder so seine eigenen Vorstellungen. Die Sportlichen unter den Oberösterreichern, zumeist Singles, funktionieren ihre Wohnungen oft zu einem improvisierten Fitness-Studio um, in denen sie einzelne Möbel dann als Fitnessgeräte nutzten. Für Familien würde wohl eher ein strukturierter Tagesablauf wichtig sein, mit festen Essenszeiten und mit festgelegten Zeiten zum Lernen, Spielen und zur Mediennutzung. Auch ein gewisser Schlafrhythmus sollte eingehalten werden.

„Ganz wichtig ist es jedoch, Frischluft zu tanken, mehr Obst zu essen, anstatt zu naschen und viel zu telefonieren, um sich die sozialen Kontakte zu erhalten“, empfiehlt Reichsthaler.

Sollte es doch einmal Tage geben, an denen einem die Decke auf den Kopf zu fallen droht und der Grant spürbar stärker wird, weiß Angerer ein probates Mittel: „Lernen Sie Jonglieren“, sagt er, „darauf kann man sich dann voll und ganz konzentrieren.“ Der allzeit gut aufgelegte und auch nicht ganz unbekannte Tenor Gunther Köberl, so nehme ich an, würde sich – falls nötig – wohl mit Singen in den eigenen vier Wänden durch die Krise lavieren. „Im Moment nicht“, enttäuscht er, „weil ich vom Einstudieren neuer Lieder etwas heiser bin“, und privat singt er zur Stimmungsaufhellung ohnehin nie. Doch auch Köberl hat ein wirksames Mittel, und nicht erst seit dem Lockdown, um sich für den Tag zu motivieren: „Ich schaue jeden Morgen in den Spiegel und rede mit mir.“

Blickkontakt und viel Bewegung in der freien Natur als Lebensquell TEILEN
Share on facebook
Facebook
Share on twitter
Twitter
Share on linkedin
LinkedIn
Share on whatsapp
WhatsApp
Share on telegram
Telegram
Share on reddit
Reddit
Ähnliche Artikel
Schlagwörter
NEWSLETTER

Bleiben Sie immer aktuell mit dem kostenlosen Wochenblick-Newsletter!

Neuste Artikel