Ein Blick in den Nebel – Einblick eines Soldaten in seine Milizübung

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Der harte Weg vom weichen Bürostuhl in die MG-Stellung

Ein Blick in den Nebel – Einblick eines Soldaten in seine Milizübung

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Mitten im Gefecht, in der Alarmstellung, mit dem geladenen Maschinengewehr eingegraben, so blickt der einfache Soldat im feuchten Nebelwetter des niederösterreichischen Nestchens Allentsteig ungewissen Stunden entgegen. Jederzeit könnten sich schemenhafte Gestalten aus dem Nebel auf einen zu bewegen und dann gilt es, bereit zu sein.

Ein Erlebnisbericht von Hartwig Eder

Bunte Truppe

Eine ähnliche Erfahrung können vermutlich viele Österreicher aus ihrem Grundwehrdienst in Erinnerung rufen. Doch nach den mittlerweile nur mehr sechs Monaten Grundwehrdienst ist dieses Kapitel für die meisten Bürger wieder geschlossen. Nicht für mich, einen der etwa 27.500 österreichischen Milizsoldaten. Stets bereit zu sein, gilt es generell bei der Miliz des Österreichischen Bundesheeres. Und so kam es auch, dass ich in meine ehemalige Kaserne gerufen wurde um als Milizsoldat an der groß angelegten internationalen Übung EURAD in Allentsteig teilzunehmen. Ungewohnt und doch innerhalb von Sekunden wieder vertraut ist das Gefühl, wenn man sich nach Jahren wieder in die Militäruniform schält, den Schuhputz nachbessert und in die Kaserne fährt.

Für die bevorstehende Übung suche ich die Motivation der Teilnehmer am Montagmorgen vergeblich. Jedoch nicht, weil die Uniform zwickt, der Schuh drückt oder man keine Lust auf Kasernenalltag hätte – die Details zur Übung reißen uns aus dem allzu bequemen Alltag und unserer Komfortzone. Gefechtsübung Mitte November auf dem für seine Wetterkapriolen berüchtigten Truppenübungsplatz Allentsteig. Inklusive 0-Stern-Übernachtungen im Gruppenzelt. Mit Zweckoptimismus und Zynismus hält man sich bei Laune. Vorerst fröstelt es noch niemanden, erst werden Formalitäten erfüllt, Material und Waffen aufgefasst. Sogleich trifft mich der nächste Flashback, als sich die Hand um den Griff des Sturmgewehres legt. Sofort schießen mir die ins Muskelgedächtnis übergegangenen Drill-Griffe zum Auseinandernehmen und Sicherheit herstellen ein – jetzt fühle ich mich wieder wie ein Soldat.

Arbeit für die Katz

Nach der – material- und budgetbedingten – Verlegung mit Reisebussen in das entlegene Nest begann die letzte Schonfrist für unsere bunte Truppe an Soldaten verschiedenster Dienstgrade, vom einfachen Gefreiten bis hin zum Hauptmann. Eine Nacht noch in der Kaserne – keine Luxusunterkunft in der alten, leicht miefigen Baracke mit den harten Betten ohne Lattenrost – aber wenigstens ein festes Dach über dem Kopf und eine Heizung. Der restliche Abend besteht dann aus Vorbereitung und Befehlsausgabe. Neben der ausgesprochen guten Kameradschaft und dem respektvollen Umgang auf Augenhöhe unter den Soldaten hat die Miliz noch einen weiteren großen Vorteil zum Grundwehrdienst: Die Mühsal der Hektik fällt weg. Es gibt keine Packordnung für den Rucksack, die innerhalb von fünf Minuten hergestellt werden muss, es gibt kein volluniformiert auf der Unterkunft warten und auf die Sekunde im Laufschritt austreten. „Packts ein, was ihr glaubts, das
brauchen werdets. Ihr seid alles erfahrene Soldaten und wissts, was ma in der Kälte brauchen kann. Morgen um acht ist Antreten, da sollt’ ma alle fertig sein.“

Mit dem nächsten Tag 08:00 begann dann offiziell die Übung. Von da an ging es gefechtsmäßig – also in Kampfweste, Helm und bewaffnet – zum Einsatzort. Dem Frühstücks-Marsch folgend hieß es für uns erst einmal LKWs abladen und mit dem Bau von Stellungen beginnen. Der Schweiß brennt mir in den Augen, während ich mit Spitzhacke, Schaufel und Axt der widerspenstigen Erde und den dichten Hecken eine Maschinengewehr-Stellung abzuringen versuche. Zur Einweihung der nach vier Stunden körperlicher Schwerarbeit fast fertigen Stellung kommt jedoch gleich die erste Hiobsbotschaft: Alles zusammenpacken, die LKWs wieder beladen und Abmarsch. Unserer Einheit wurde ein neuer Bezugsraum zugeordnet. Vier Stunden Arbeit für die Katz – eine Lehrbuchsituation, die viele aus ihrer Heereszeit sicher kennen.

Blicke in den Nebel

Außerdem gehen diese vier Stunden nun ab beim Ausheben der neuen Stellungen und dem Aufbau der Gruppenzelte am neuen Standort – wichtige Stunden, denn ab 15:00 Uhr müssen wir jederzeit mit einem Angriff rechnen. Auch ist es ratsam, die Zelte aufzubauen, bevor die frühe winterliche Finsternis einsetzt. Gerade mit Einsetzen der Dämmerung konnten wir mit Fleiß und guter Zusammenarbeit aber dennoch alle Vorbereitungen fristgerecht abschließen. Nun begann das bange Warten auf das mögliche Gefecht. Die Sicherungsposten blieben ständig mit zwei Mann besetzt.

Sobald ein verdächtiges Geräusch oder einen Bewegung im finsteren Nebel gemeldet wurde, hieß es wieder „Alarm“. Schleunigst wurde das Maschinengewehr samt Zubehör gepackt und in schwärzester Finsternis stolpert man entlang des Trampelpfads, den man tagsüber schon so viele Male zur Stellung gelaufen ist. Der große Stein am Wegesrand blieb mir in der nächtlichen Finsternis aber verborgen. Mit dumpfem Knall probiere ich aus, ob mein Schienbein oder der Felsen härter ist. Ein verkapptes Schmerzensstöhnen und ich gehe unsanft zu Boden. Keine Zeit zum Lamentieren – schleunigst lese ich den Patronengurt auf, der beim Sturz dem Gurtkasten entwichen ist, schnappe mein Gewehr und versuche dem Maschinengewehrschützen, meinem MG1, in die Stellung nachzueilen.

So leise wie möglich lasse ich mich hinter den niedrigen Erdwall fallen, der unsere Stellung deckt und bereite mit eiskalten, nassen Fingern das Laden des MGs vor. Dann ist Stille. Müde von den ungewohnten Strapazen des Tages blicke ich in den Nebel. Nichts rührt sich, kein Mucks ist zu hören – nur vereinzeltes Flüstern aus den anderen Stellungen, so leise, das es der kleinste Windhauch zerstreuen kann.

Drei Stunden, die einem in der nasskalten Erde Allentsteigs wie zehn Stunden vorkommen, dann die Entwarnung: Alarm aufgehoben. Ein Schnaufen geht durch die Stellungen – eine Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung, dass nichts passiert ist. Entladen, zusammenpacken und Ruhezeit im Zelt. Dazwischen abwechselnd, für die nicht Wache schiebenden, eine kleine lauwarme Portion Geschnetzeltes mit Reis, das mir aber auch nur gut schmeckt, weil ich schon ziemlichen Hunger habe. Am Holzofen im Zelt kann man kurz die frostigen Zehen durch die dicken Lederstiefel aufwärmen und sich für ein paar Minuten hinlegen. Ich schließe die Augen und gleite schnell in eine Traumwelt ab, bis mich ein gehisstes Flüstern just wieder aus meinem sehr kurzen Schlaf reißt: „Dritter Zug, Alarm“. Schon wieder…

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