Experten im Gespräch: Kaiser Maximilian war ein Marketing-Genie

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Show bis zur letzten Stunde

Experten im Gespräch: Kaiser Maximilian war ein Marketing-Genie

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Für ein Gespräch mit dem „Wochenblick“ setzten sich zwei der bekanntesten und renommiertesten Historiker Österreichs, Dr. Lothar Höbelt und Dr. Thomas Grischany mit dem Leben des „letzten Ritters“ Maximilian I. auseinander. Über die Hochzeits-Politik des „Medien-Kaiser“ genannten Habsburger gibt es dabei ebenso Spannendes zu erfahren, wie über seine letzten Stunden in der Welser Burg.

Ein Interview geführt von Rene Rabeder

„Wochenblick“: Was ist das Erbe, das Maximilian I. in Österreich bis heute hinterlassen hat?

Dr. Grischany: Maximilian ist zweifellos eine der populärsten Gestalten der habsburgischen Geschichte, was zahlreiche Legenden um seine Person bestätigen. Durch sein Wirken hinterließ er eine Vielzahl von Kulturschätzen, die natürlich über die Grenzen Österreichs hinaus als Teil des Weltkulturerbes angesehen werden können. Andere, wie das Goldene Dachl, wurden zu österreichischen Wahrzeichen.

Am wenigsten greifbar ist das Erbe seines politischen Handelns, da Österreich seit 1918 keine das Schicksal Europas mitbestimmende Monarchie mehr ist. Die Renaissance steht ja in der Rückschau für den Übergang vom Mittelalter in das moderne Zeitalter. Maximilian war ein typischer Vertreter dieser Zeit: Einerseits sein traditionell mittelalterlich-adeliger Lebensstil (der „letzte Ritter“) mit Jagden und Turnieren, andererseits sein Interesse an Wissenschaft und moderner Kriegsführung.

Im Heiligen Römischen Reich ist die Reform gescheitert

Im politischen Bereich erscheint es, als verkörperten die Habsburger, vor allem die spanischen, den Widerstand gegenüber der zunehmenden politischen und religiösen Fragmentierung Europas, wie sie in der Reformation und der Bildung der ersten relativ zentral administrierten Staatswesen – oftmals frühe Nationalstaaten – zum Ausdruck kam. Das Konzept der (katholischen) Universalmonarchie, das sich hinter der habsburgischen Machtpolitik verbarg, war im Prinzip schon unter Maximilians Enkel Karl V. und definitiv mit dem Westfälischen Frieden von 1648 gescheitert. Anderseits war Spanien selbst einer der ersten Nationalstaaten – wenn auch nicht unbedingt mit der effizientesten Verwaltung –, und auch Maximilian wollte seinen eigenen Bereich nach dem Vorbild der vorzüglichen burgundischen Verwaltung modernisieren. Im Heiligen Römischen Reich, dessen Kaiser er war, ist die Reichsreform mit Ausnahme der Einrichtung des Reichskammergerichts und der letztlich unwirksamen Reichskreise weitestgehend gescheitert.

Wie sehr seine Verbesserung der Verwaltung und Gerichtsbarkeit in den Erblanden und damit für das heutige Österreich noch Gültigkeit haben, müsste man einen Verwaltungshistoriker fragen. Feststeht, dass er das Postwesen in Österreich eingeführt hat. Die größte Popularität genießt Maximilian heute wohl noch in Tirol, welches unter Maximilian – Innsbruck war eine seiner Lieblingsresidenzen und er schätzte natürlich auch den Silberreichtum Tirols – seine Blütezeit erlebte.

„Was war meine Leistung?“

Dr. Höbelt: „Lebendig“ ist Maximilian in Österreich heute wohl am ehesten in Wiener Neustadt, wo er geboren wurde und in Tirol, wo er lange Zeit residiert hat und wo das Goldene Dachl auf ihn zurück geht (auch wenn es oft dem Herzog „Friedl mit der leeren Tasche“ zugeschrieben wird, der 100 Jahre früher regierte). Aber wenn man fragt: was war meine Leistung – dann ist es ganz eindeutig: Schon sein Vater ist zwar zum Kaiser gewählt worden, war aber von seiner politischen Hausmacht her eigentlich doch nur ein relativer armer (Erz-)Herzog von Steiermark. Sogar aus Wien wurde er mehrfach hinausgeworfen. Maximilian hat zwar bei Gott nicht alles erreicht, was er sich vorgenommen hat, aber er hat die Grundlagen gelegt für ein Weltreich.

Seine Ehe mit der Erbherzogin Maria von Burgund wurde per procurationem geschlossen. Was bedeutet das? Warum kam es dazu? Gründete Maximilian damit die erfolgreiche Habsburger Heiratspolitik?

Höbelt: „Per procuram“ hieß er hat durch Stellvertreter geheiratet, damit nicht noch etwas dazwischen kam, bis er sich selbst auf den Weg machte. Das war damals bei fürstlichen Ehen durchaus üblich. Burgund – die heutigen Benelux-Staaten – war zwar kein Königreich, aber wirtschaftlich enorm fortschrittlich, mit einer beeindruckenden Städtelandschaft. Burgund und das französische Königshaus waren seit langem Rivalen. Jetzt wollte der französische König es sich „unter den Nagel reißen“. Genau das sollte verhindert werden.

Erfolgreiche Heiratspolitik

Das besondere Talent der Habsburger war es – zumindest in dieser Zeit – dass sie sich in die Damen, die sie natürlich aus politischen Gründen geheiratet haben, meist auch noch wirklich verliebt haben. Das galt dann auch noch für seine spanische Schwiegertochter Johanna, die buchstäblich ganz wahnsinnig in Maximilians Sohn Philipp verliebt war. Die Ehe mit Maria von Burgund war der Ausgangspunkt dieser Heiratspolitik – und der Ausgangspunkt der “Erbfeindschaft” mit Frankreich, die bis in die Zeit Maria Theresias gedauert hat. Habsburg und Frankreich, das waren die „Supermächte“ des 16. und 17. Jahrhunderts, die einander ständig belauert und bekämpft haben.

Grischany: Es war damals nicht ungewöhnlich, dass dynastische Ehen per procurationem, also durch Stellvertreter in Abwesenheit der Brautleute, geschlossen wurden, weil ja nicht das persönliche Liebesglück, sondern die Interessen der Familien im Vordergrund standen. Maximilian war zum Zeitpunkt der Eheschließung immerhin schon 18 Jahre alt; solche Ehen konnten bereits im Kindesalter arrangiert werden. Hier geht es in der Tat um das vorhin erwähnte politische Wirken Maximilians, das ja vor allem mit der von ihm praktizierten Heiratspolitik assoziiert wird, obwohl er daneben auch eine Vielzahl von Kriegen geführt hat. Dies trug ihm den Beinamen „Vater der Landsknechte“ (der auch auf Karls V. Feldherren Georg von Frundsberg bezogen wird) ein und steht in starkem Widerspruch zu dem in der Barockzeit entstandenen geflügelten Wort „bella gerant alii, tu felix Austria nube“ („Kriege mögen andere führen, du, glückliches Österreich, heirate“).

Chronische Geldnöte

In jedem Fall trug ihm die Heirat mit der früh verstorbenen Maria das Herzogtum Burgund ein, wobei der unter chronischen Geldnöten leidende Kaiser hier in erste Linie am Reichtum der zum Herzogtum gehörenden Niederlande interessiert war. Auch seine zweite Ehe mit der steinreichen Bianca Maria Sforza aus Mailand sollte die Geldprobleme des äußerst spendierfreudigen Maximilian lindern. Für seine Nachkommen hat er dann Ehen arrangiert, die den Habsburgern Spanien, Böhmen und Ungarn einbrachten. Wobei man hier auch die rückwärtsgewandte Verklärung berücksichtigen muss.

Was im Rückblick wie ein genialer Masterplan aussieht, wo alles genau so eintritt, wie es Maximilian scheinbar geplant hatte, war mit viel Glück verbunden. Oder denken wir an Ungarn: Als der Erbfall nach der Schlacht von Mohács 1526 tatsächlich eintrat (der mit der Enkelin Maximilians verheirate junge König von Ungarn, Ludwig II. Jagiello, starb auf dem Schlachtfeld), war Ungarn zu 90 Prozent von den Türken besetzt und wäre für die Habsburger eigentlich wertlos gewesen, wenn sie die Türken nicht nach jahrhundertelangen Kriegen aus Mitteleuropa vertrieben hätten.

Ein wahrer “Medien-Profi”

Maximilian gilt nicht nur als der „letzte Ritter“ sondern auch als „erster Medien-Kaiser“. Die Art und Weise wie er sich inszenieren ließ – in Bildern oder auch in Nachrichten über ihn – war seiner Zeit voraus. Wie beliebt war Maximilian damals in der Bevölkerung eigentlich wirklich?

Grischany: Ich glaube nicht, dass ich diese Frage seriös beantworten kann, weil wir heute einfach nicht mehr oder kaum in der Lage sind, nachzuvollziehen, was durchschnittliche spätmittelalterliche Menschen über die politischen Vorgänge jener Zeit oder ihre Herrscher wussten. Tageszeitungen, Radio, Fernsehen, Internet – all das gab es ja nicht. Insofern war Maximilians Einsatz des Druckereiwesens und des Flugblattes in der Tat revolutionär. Umgekehrt haben diese Menschen über ihren Informiertheits- oder Bewusstseinsstand nur wenige bis gar keine Zeugnisse hinterlassen, und wir können keine Zeitreisen unternehmen, um Meinungsumfragen durchzuführen.

Image-Pflege um der Nachwelt in Erinnerung zu sein

Ein Hinweis sind sicherlich Legenden, die sich oft um einen historisch wahren Kern ranken, und da gibt es bei Maximilian ja einige – Tirol wurde bereits erwähnt –,  die seine Volkstümlichkeit zu bezeugen scheinen. Oft aber ließen Herrscher derartige Legenden bewusst in die Welt setzen, um ein gewisses „Image“ für sich selbst oder ihre Dynastie zu erzeugen. Andere wurden überhaupt erst nachträglich erfunden, wobei man hier auch den Spruch über die Heiratspolitik von „felix Austria“ anführen könnte. Der Aufwand, den Maximilian betrieben hat, um sich selbst zu glorifizieren und der Nachwelt in Erinnerung zu bleiben, war jedenfalls in der Tat enorm. Hat es ihn – wenn schon die Frage nach seiner wahren Popularität nicht eindeutig beantwortet werden kann – bei seinen Untertanen wenigstens bekannt gemacht? Auch hier wäre ich vorsichtig, vor allem was die Anlegung der Maßstäbe betrifft. Kunst war generell nicht zur Konsumation für die „einfachen“ Leute gedacht. Was nutzte es, den Theuerdank oder Weißkunig zu verfassen, wenn die überwältigende Masse der Menschen nicht lesen und schreiben konnte? Aber die Legende war zumindest einmal gepflanzt.

Umfragen gab es damals noch nicht

Höbelt: Dieses Marketing war sicher recht erfolgreich – bei denen, die lesen konnten und die sich diese Drucke leisten konnten – heute würde man sagen: bei den deutschen Bildungsschichten. Dem Adel sollte das Image als letzter Ritter imponieren. Populär war Maximilian sicher auch in Augsburg, wo er sich oft aufhielt – und das damals im römisch-deutschen Reich ein bisschen so eine Stellung einnahm, wie New York in den USA, nicht Hauptstadt, aber Finanzzentrum. Ob er bei der Bevölkerung, bei den Bauern und Steuerzahlern wirklich beliebt war, wissen wir nicht. Da gab es keine Umfragen, weder echte noch getürkte.

Bei den Städtern ist er immer dann in Ungnade gefallen, wenn er seine Schulden nicht zahlen konnte. Die Bauern haben sich nicht als Österreicher oder auch als Steirer empfunden, sondern wohl in erster Linie als Untertanen des einen oder anderen Adeligen oder Klosters. Nur in Tirol war dieser Adelige oft Maximilian selber, darum spricht man gerne von den “freien Bauern”. Aber auch da ging die Liebe wohl durch den Magen, oder wie die Amerikaner sagen: “It’s the economy, stupid!” Für politische Propaganda waren die Bauern vermutlich wenig zugänglich. Wenn ihnen jemand was einreden konnte, dann war es noch am ehesten der Priester. da hatte Maximilian in gewisser Beziehung Glück: Er starb gerade zu dem Zeitpunkt, als mit Martin Luther die Reformation losging – und man hatte sich lange gestritten, was er in seinen letzten Monaten da noch dazu gesagt hat. Aber 2ausbaden” musste das dann bereits sein Enkel, Kaiser Karl V., für den diese “Glaubensspaltung” eine enorme Belastung war.

“Show” bis zur letzten Stunde

Die Inszenierung zog sich letztlich auch noch bis ins Grab. Er soll vier Jahre vor seinem Ableben in Wels schon stets seinen Sarg bei sich gehabt haben. Und er verfügte, seinen Leichnam zu geißeln, die Haare zu rasieren und die Zähne auszubrechen. Warum?

Grischany: Es ist eindeutig, dass es sich bei dieser Verfügung um den letzten Akt seiner Selbstinszenierung handelte. Aber Sinn und Zweck bieten Raum für Interpretationen. Am naheliegendsten ist freilich die später für das Hause Habsburg sprichwörtlich gewordene Frömmigkeit: die sogenannte „pietas Austriaca“. Diese wurde ja übrigens auch durch die bewusste Propagierung einer Sage – jene von Rudolf I. von Habsburg und dem Priester von Ibach – maßgeblich mitbegründet. Oder man denke an die habsburgische Begräbniszeremonie vor dem Eingang zur Kapuzinergruft, wobei der Kapuzinerpater dem Verstorbenen nach der mehrfachen Verlesung aller Herrschertitel, welche dieser zu Lebzeiten geführt hat, erst das Tor öffnet, sobald er als „sterblicher, sündiger Mensch“ Einlass begehrt, um all seiner Ehren und Würden entkleidet und reuig vor den Richterstuhl Gottes zu treten. Maximilians Verfügung zielte auf die gleiche Wirkung ab.

Eine andere Interpretation – etwa von Ingeborg Micko, der Kuratorin der Maximilian-Ausstellung in der Welser Burg – ist die, dass Maximilian hier noch im Tode seine übersteigerte Selbsteinschätzung und Liebe zur Selbstdarstellung zur Schau trug, um als büßender und gemarterter „Heiliger“ – zu Lebzeiten trug er sich ja mit dem Gedanken, zusätzlich zu seinem Kaisertitel auch jenen des Papstes zu erwerben – wahrgenommen zu werden. Die Geschichte von seinem Sarg könnte ebenfalls auf einen beabsichtigten „Show“-Effekt hindeuten.

 

 

 

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