Kalter Schlamm, dichter Nebel und vertraute Kasernenromantik

Hartwig Eder an der Front

Kalter Schlamm, dichter Nebel und vertraute Kasernenromantik

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Vom Bürohengst zum Schlachtross – als Milizsoldat im österreichischen Bundesheer wird man von Zeit zu Zeit wieder aus seiner Komfort-Zone gerissen und findet sich inmitten von Matsch, Nebel und gezischten Kommandos wieder. In der „Wochenblick“-Ausgabe 46/19 gab ich bereits einen ersten Einblick in den Alltag und die Gefühlswelt als freiwilliger Soldat im Gefechtsdienst – nun folgt also der zweite Streich.

2. Teil des Erlebnisberichts von Hartwig Eder

Heftige Gefechte in der Ferne

In Minutenschnelle werfe ich mir Kampfweste, Helm und Sturmgewehr über, greife in der Dunkelheit des Zelts nach den Gurtkästen und dem Zubehör fürs MG und stürme aus dem Zelt. „Same procedure as last hour, Miss Sophie“ geistert mir in Anlehnung an den Silvester-Sketch „Dinner for One“ durch den Kopf und ich hoffe inständig, dass für die restliche Nacht die Antwort nicht heißen wird „Same procedure as every hour“. Zwei nasse nächtliche Stunden später ist der Alarm nach intensivem Nebelstarren wieder aufgehoben, doch warten im Anschluss noch drei Stunden im Wachposten auf mich. Als auch dieses Nebelstarren ohne Vorkommnisse abgesessen war, konnte ich endlich so etwas ähnliches wie Ruhe finden. Etwa fünf Stunden Schlaf am Stück waren mir auf dem harten Erdboden vergönnt. Nicht einmal das ständige Ein- und Ausmarschieren der im Dreistunden-Rad rotierenden Wachposten und der Feuerwache konnten mich aus meinem komatösen Schlafzustand reißen.

Die erste Nacht war geschafft. Und mich hat im Zelt nicht einmal fürchterlich gefroren. Doch dieses anfängliche Gefühl, das sich so ähnlich wie Euphorie anfühlte, aber in meinem müden Büroarbeiter-Körper sofort verebbte, war trügerisch. Denn der kommende Tag und die Nacht wurden bedeutend schlimmer. Im Stundentakt gab es Alarmmeldungen, Maschinengewehr-Geratter hallte in den nebligen Hügeln wieder, gebannt lauschten wir Meldungen über harte Gefechte bei den vorgelagerten beiden Zügen per Funk. Und derweil lagen wir in den, vom über Nacht eingesetzten Regen aufgeweichten, Matsch-Stellungen und blickten in dichten Nebel. Vorstöße des Feindes und schwere Ausfälle der eigenen Truppen: Nun mussten wir einen Riegel beziehen. Für den einfachen Soldaten bedeutete das: Klump packen und im Eilschritt durch dichtestes Unterholz irren. Gut 500 Meter schnaufte unser Zug wie eine olivgrüne Dampflokomotive durch Schlamm, Geäst und sumpfige Graslandschaften, bis wir erneut Stellung bezogen – und warteten. Die Zahl und Frequenz der Knallgeräusche in der Ferne nahm langsam ab, das Funkgerät blieb still. Bedeutete dies nun, dass unsere Verbündeten endgültig geschlagen waren und die Feinde nun zu uns Milizlern durchbrechen würden? Banges Warten und Beobachten… Nichts rührt sich. Ein Funkspruch zerreißt die Stille: „Lageinformation: Der Feind hat den zweiten Zug unter schwersten Verlusten vollständig aufgerieben, ist aber nicht mehr operationsfähig und hat sich zurückgezogen.“ Für uns hieß das: Wieder nichts passiert, zurück in die alten Stellungen. Im ähnlichen Rhythmus verging noch der restliche Tag und diesmal auch die Nacht. Eine knappe Stunde Schlaf war mir in dieser folgenden Nacht vergönnt, bevor es am darauffolgenden Morgen wieder mit heftigen Gefechten an vorderster Front losging. Wir bei der Miliz bekamen davon wieder nur die Alarmmeldungen, den Gefechtslärm und die Stellungswechsel mit – einen Feind sah ich die ganze erste Woche nicht und kein einziger Schuss löste sich aus meinem Gewehr…

Vertraute Kasernenstimmung

So gut geschlafen, wie auf dem darauffolgenden dienstfreien Wochenende habe ich dennoch schon lange nicht mehr. An den beiden Tagen hatte ich aber – ähnlich wie im Grundwehrdienst – nur relativ kurz Freude, da es am Sonntag schon wieder hieß: Einrücken in die Ostarrichi-Kaserne Amstetten. Wie ein Grundwehrdiener fühlt man sich auch beim abendlichen Gequatsche in der Unterkunft wieder – lediglich, dass diesmal Leute von 22 Jahren bis Mitte-40er-Menschen in den unbequemen Stockbetten liegen, die ihren GWD längst hinter sich haben, Frau und Kinder zuhause lassen mussten und vom Leben bereits einiges zu erzählen haben… Schwer lässt sich die Stimmung im Zimmer in Worte fangen: Es ist wie im Grundwehrdienst, aber anders. Vertraut und gleichzeitig so fremd. Wie ein bekannter Film, an den selben Drehorten produziert, nur von anderen Schauspielern gespielt.

Alleine in finsterster Nacht

Ohne Stress und lästiges „Tagwache“ Geplärre ging bei uns der erste Tag der zweiten Halbwoche sehr früh um 05:00 los. Zwei der Wüste Gobi Konkurrenz machende Semmeln und die Morgentoilette später ging es wieder im Reisebus ins ungemütliche Allentsteig. Diese Woche sollte für uns jedoch zum Glück ereignisreicher sein als die vorige. Zumindest der zweite Tag, denn am Montag geschah das gleiche wie die Woche zuvor: Alarm, Nebel anstarren, Alarm Ende. In der tiefschwarzen Nacht der Allentsteiger Wälder geschah auch nichts Weltbewegendes mehr. Nachdem man sich mit ausgestreckten Händen, um sich kein Auge an den abstehenden Ästen des Fichtenwaldes auszustechen, einen Weg durch reinstes Schwarz zum Beobachtungsposten gebahnt hatte, begann wieder Blicken ins Nichts. Ein einziger Restlichtverstärker stand uns zur Verfügung, der jedoch genauso nutzlos war wie unsere Augen. Es gab kein Licht, das man verstärken konnte. Ein Kamerad formulierte die Situation treffend, wenn auch derbe: „Es ist, wie wenn man im Arsch des Teufels sitzt und noch tiefer hineinschaut.“ Man war zu einem Lauschposten in der nasskalten Finsternis degradiert, in der jeder Regentropfen sich wie ein Schritt anhörte und der Geist einem ständig paranoide Streiche spielte – man beginnt wirklich Gespenster zu hören. Am frühen Morgen dann die Meldung: Feinde könnten in der Nähe sein! Von den Eindrücken der Vorwoche entsprechend unbeeindruckt über derartige Meldungen, machte ich mich mit meinem Kameraden auf den Weg in den vorgelagerten Beobachtungsposten.

Feinde im Unterholz

„Zing, Zing“, aus Gewohnheit, um das langweilige Warten zu verkürzen, zündete sich der Wachtmeister neben mir eine Zigarette an, während ich mich in eine Bodenmulde kauerte und in den Wald starrte. Sofort bemerkte ich im etwa 200 Meter entfernten Wäldchen Bewegung. Schemenhafte Schatten, eine ungewisse Zahl potenzieller Feinde. Mit militärischen Handzeichen, von denen ich längst dachte, ich hätte sie vergessen, deutete ich dem Wachtmeister meine Beobachtung. Die halb fertig gerauchte Zigarette zischte ganz leicht, als er sie ins nasse Moos drückte und zum Funkgerät griff: „B-Posten Wikinger 31 meldet feindliche Aufklärer, vermutlich in Gruppenstärke, bewegen sich in Richtung Osten auf uns zu. Was sind die weiteren Befehle?“

Den dritten und letzten Teil der spannenden Reportage lesen sie in der kommenden Ausgabe des Wochenblicks.

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