Als ich am Mittwochabend als verantwortungsvoller Journalist wieder einmal internationale Medien durchforstete, um mich auch jenseits von Inn und Donau über das Weltgeschehen zu bilden, blieb ich doppelt schockiert zurück. Einerseits wegen der unfassbaren Bluttat mit mehreren Toten in Kongsberg in Norwegen durch einen mutmaßlich zum Islam konvertierten Mann – und andererseits wegen dem Verhau, den Mainstream-Medien in mehreren Ländern anfänglich daraus machten. Denn plötzlich wurde ein bekannter fränkischer YouTuber medial zum vermeintlich dänischen Todesschützen in Norwegen – und das weltweit. Es offenbart tiefe Einblicke in die „Arbeitsweise“ sogenannter „Qualitätsmedien“, die nun aus Sensationsgeilheit in halb Europa einen unschuldigen Menschen zum Quasi-Terroristen stempelten.

Kommentar von Alfons Kluibenschädl

Die Dynamik ist keine neue: Immer, wenn irgendwo ein Amoklauf oder Anschlag passiert, fühlen sich sogenannte „Shitposter“ in sozialen Medien auf den Plan gerufen. Sie graben die ständig gleichen Meme-Bilder des angeblichen Schützen aus, die manche Zeitungen in der Hitze des Gefechts und nach Exklusiv-Infos lechzend auch übernehmen. Darauf rein zu fallen, ist menschlich und kann passieren. Was allerdings nicht passieren darf ist, dass irgendein Medium einen völligen Blödsinn übernimmt – und alle schreiben es ohne jede weitere Recherche oder Faktenüberprüfung ab.

Diesmal traf es den YouTuber „Drachenlord“, dessen Haus in einem kleinen fränkischen Ort seit Jahren von Schaulustigen belagert wird, seit die Adresse in einem Video bekanntgegeben wurde. Der wohlgenährte Mann polarisiert im Netz – und einige Internet-Trolle machen sich aus seiner Reizbarkeit einen Spaß. Zwischen ihm und seinen „Hatern“ kommt es regelmäßig zu hitzigen Begegnungen, die auch schon mal in Handgreiflichkeiten enden. Nach dem Bogenschützen-Amoklauf in Norwegen fand nun jemand ein Bild, wo er einen Bogen bedient – und machte aus dem in diesem Fall völlig unschuldigen Franken Rainer Winkler den mordlustigen Dänen Rainer Winklarson. Es folgten die Kollateralschäden des „Copy-Paste-Journalismus“.

Einheitspresse beim Abschreiben erwischt

Eigentlich müssten ja schon beim Namen alle Alarmglocken schrillen, dass es sich um ein Fake handelt. Der Buchstabe W kommt in allen nordischen Sprachen vor allem in Lehnwörtern sowie dem Namen der Königsfamilie (Wasa) vor. Und „Winklarson“ würde ja bedeuten, dass es irgendwann einen Vorfahren gab, der im Vornamen „Winklar“ hieß. Und doch übernahmen sie es alle, völlig ungeprüft. Sogar ein heimisches Medium bettete in der ursprünglichen Version seines Artikels mehrere Tweets mit der vermeintlichen Identität des Schützen ein – skurrilerweise nachdem seine stellvertretende Chefredakteurin schon Stunden zuvor auf Twitter vor dem Fake warnte…

Seit gestern findet sich der Name „Rainer Winklarson“ also in dutzenden albanischen, italienischen, griechischen und eben sogar deutschsprachigen Medien. Auch renommierte Blätter wie der „Corriere della Sera“ und „Euronews“ tippten die waschechte Zeitungsente ab. Ohne jede Überprüfung bläst die Einheitspresse einheitlich die Lüge in den Äther, weil: Wird schon passen, was die anderen schreiben, warum selber nachforschen? Eine englischsprachige Zeitung macht daraus sogar die Einordnung, dass es der schlimmste Angriff seit Breivik sei und faselt irgendetwas von „Rechtsextremismus“. Aber der Vorwurf der „Lügenpresse“ ist ja nur an den Haaren herbeigezogen.

Abschreiberei hat System – und diesmal ist sie gefährlich

Einzelfall ist das keiner. Erst vor wenigen Wochen blamierte sich der versammelte Mainstream in Österreich mit der reihenweise Übernahme einer Agentur-Meldung, die wiederum einer Aussendung eines Satire-Blogs aufsaß. Doch damals war der Unfug recht harmlos: Ging es doch um eine unwahrscheinlichen, aber dennoch nicht vollends unglaubwürdige Rückkehr von Milliardär Frank Stronach in die Politik. Dadurch wird niemandes Namen über Gebühr durch den Kakao gezogen – und es entsteht niemandem ein Schaden. Doch es zeigt auf: Sie, die mit Millionen an Inseraten und Medienförderung gefüttert wurden, haben offenbar ein ähnliches Interesse an gewissenhafter Recherche wie einst Dschingis Khan an Romantik: Keines. 

Im „Fall Winklarson“ ist alles anders. Ein sicherlich streitbarer, aber unschuldiger Mensch wurde in die Nähe einer Straftat gerückt, auf die eine lebenslange Freiheitsstrafe steht. In die Nähe eines Vorfalles, der für Bestürzung sorgt, bei dem die Öffentlichkeit will, dass dieser schnell gefasst wird. Falls der nächste Mob beim „Drachenlord“ auf der Matte steht und diesmal nicht nur seinen Zorn, sondern gleich seinen Kopf will, haben sie sich alle mitschuldig gemacht. Es zeigt den moralischen und beruflichen Verfall einer riesigen Clique an System-Schreiberlingen, die sich zwar darin gefallen, sich gegenseitig hunderte Preise zuzuschanzen – aber ihre journalistischen Pflichten verabsäumen. Die Überprüfung zumindest der Plausibilität einer Geschichte sollte am Anfang jedes Artikels stehen. Und nicht die Geilheit nach dem ersten Namen, dem ersten Foto…

Zwischen „Faktencheckern“ und Waffenkontrolle-Narren

Fragwürdig war in der Folge auch die Rolle der sogenannten „Faktenchecker“. Diese sollte ein solcher Fall normalerweise auf den Plan rufen, wenn diese ihrem Anspruch gerecht werden wollen, angeblich neutral „Fakten zu checken“. Diese Spaßvögel zimmern mitunter einen „Unbelegt“-Stempel zu Exklusiv-Geschichten mit Insider-Infos bei freien Medien, doch korrigieren selten, was die Mainstream-Medien schreiben – und sei es noch so an den Haaren herbei gezogen. Nun wäre ihre Bewährungsprobe gelaufen – und sie versagten kläglich. Erst am Donnerstagnachmittag rang man sich bei „Correctiv“ zu einem Faktencheck durch. Nur im Lauftext erwähnt, man dass die Fake-Story von vermeintlich seriösen Medien transportiert wurde. Als offizielle Übeltäter gelten allerdings „diverse Beiträge auf Twitter und Facebook, diverse Webseiten“. Damit kriegen die „Qualitätsmedien“, die einen identifizierbaren Menschen fälschlicherweise zum Todesschützen machten, von ihnen nicht einmal einen Klaps auf die Finger, müssen wohl keine Einschränkung ihrer Reichweite fürchten. Gleicher als gleich…

Gänzlich ausbleibend sind bislang interessanterweise die üblichen Schreier nach einem strengeren Waffenrecht. Zwar kann noch werden, was nicht ist, aber diesmal dürften sie wissen, dass sie auf verlorenem Posten sind. Norwegen hat sich in den letzten Jahren eines der strengsten Waffenrechte in Europa gegeben – und einem Amoklauf mit einem Sportbogen kann das nicht vorbeugen. Außer natürlich man schickt demnächst Hundertschaften an Polizisten den Fjord entlang, um sicherzustellen, dass Jugendsportler nur mehr mit drei Pfeilen und mit Gumminoppen schießen. Wer Kriminelles tun will, findet einen Weg – egal wie liberal oder streng die Waffengesetze sind. Wenn der mutmaßliche Anschlag von Kongsberg eines aufzeigt ist es, dass es immer noch verrückte Menschen sind, die andere Menschen töten – und nicht die Waffen selber wie von Zauberhand. 

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