„Die Gesellschaft hat den Bezug zur Realität verloren“

„Die Gesellschaft hat den Bezug zur Realität verloren“

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Als verlogen und verlottert bezeichnet der Linzer Soziologieprofessor Klaus Zapotoczky unsere heutige Gesellschaft, die jeden Bezug zur Realität verloren habe.

Seinen Worten zufolge leben die meisten Menschen heute permanent in ihrer kleinen und unwirklichen Welt, in der ihnen der Blick fürs Große und Ganze leider längst aus den Augen gekommen ist.

“Die Menschen haben keine Gelassenheit mehr”

„Jeder will nur seinen kleinen Bereich im Mittelpunkt sehen und alle, die tendenziell nicht mitspielen, sind seine Feinde“, erläutert Zapotoczky (l. oben), der auch kritisiert, dass die  Leute heute viel zu große Erwartungen hätten. Der Professor spricht von einem Perfektionswahn, der Fehler und Schwächen nicht erlaube, was es immer schwieriger mache, irgendetwas auf die Reihe zu bekommen.

Alle wollten heute alles und sofort. „Die Menschen haben keine Gelassenheit mehr, sind kaum noch belastbar und schnell beleidigt“, konstatiert der Soziologe. Das habe zu einem Freund-Feind-Denken geführt: Freunde würden daher gehätschelt und Andersdenkende verunglimpft. „Mit den Freunden geht man freundlich um, und die man nicht mag, denen gibt man keine Chance“, betont Zapotoczky, der diese Entwicklung bedauert und für mehr Gelassenheit plädiert.

Rückkehr zur Wahrheit

Doch sei es nicht unbedingt Gelassenheit, Entwicklungen ihren ungehinderten freien Lauf zu lassen, warnt der Professor, weil man das gesellschaftspolitisch Mögliche und Machbare nicht aus den Augen verlieren dürfe.

Bei diesem Bemühen sollten die Menschen  aber weder ihre Lebensfreude verlieren, noch sollten sie sich belügen. Es gebe heute nämlich einen Trend, alles zu verschleiern und zu verschönern, sagt Zapotoczky, der daher unbedingt eine Rückkehr zur Wahrheit empfiehlt.

Ein Einheitsweg ist nicht nötig

„Der Versuch in der Wahrheit zu leben“, ist ein Buch des früheren tschechischen Präsidenten Vaclav Havel, das Zapotoczky der heutigen Gesellschaft gern zum Lesen geben möchte. Die drei wichtigsten Empfehlungen in diesem Werk lauten: 1. Dinge müssen wieder beim Namen genannt und nicht beschönigt oder verschleiert werden. – 2. Die ohnmächtigen kleinen Leute, die ständig Betrogenen, müssen sich bemühen, eine Trendwende herbeizuführen. – 3. Die Menschen müssen Verantwortung übernehmen, müssen genau hinsehen, urteilen und handeln!

Gewisse Kreise propagierten heute gern den Einheitsweg. Doch ein Einheitsweg ist nach Ansicht Zapotoczkys nicht erforderlich. Man könne nämlich Ziele, die klar formuliert sein müssen, letztlich auch auf verschiedenen Wegen erreichen.

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