Experte Saurugg: Gesundheitseinrichtungen kaum auf Blackout vorbereitet

Die Folgen eines Blackouts

Experte Saurugg: Gesundheitseinrichtungen kaum auf Blackout vorbereitet

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Im ersten Teil sprach Wochenblick mit Herbert Saurugg über die Einsatzfähigkeit der Blaulichtorganisationen. Die Vorbereitungen habe man begonnen. Für einen jetzigen flächendeckenden Strom- und Versorgungsausfall sei man noch nicht vorbereitet, erklärte der Experte. In diesem Teil unseres Interviews spricht Herbert Saurugg über die Lage der Gesundheitseinrichtungen und die Vorbereitung der Bürger in den Gemeinden.

Den ersten Teil des Interviews finden Sie hier!

Interview geführt von Birgit Pühringer

Wir reden hier von einem Stromausfall, der in Österreich rund einen Tag dauern könnte. Wie kann man sich darauf vorbereiten und einstellen?
Zuerst einmal müssen sich die Menschen darauf einstellen, dass es überhaupt zu einem Blackout kommen kann. Dann ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass auch nach dem Stromausfall noch länger keine Normalität herrschen wird. Selbst ein nur eintägiger Stromausfall hätte enorme Schäden zur Folge. Die Tragweite und die langen Wiederanlaufzeiten sind für viele nicht vorstellbar. Die Vorbereitung im Kleinen, also jeder Haushalt für sich selbst, ist enorm wichtig. Es gibt keine Alternative zur Vorbereitung und Vorsorge. Selbst in der kleinsten Wohnung findet sich ein Platz, um einen Vorrat an notwendigen Lebensmitteln und Medikamenten für mindestens zwei, noch besser drei Wochen, anzulegen. Man muss andere Prioritäten setzen.

Was ist, wenn das Ganze länger dauern sollte?
Je länger ein großflächiger Stromausfall dauert, desto länger wird der Wiederaufbau dauern. Allein in den ersten Stunden sterben wahrscheinlich Millionen Tiere in Europa. Das zieht einen enormen Rattenschwanz nach sich. Die Produktion steht still. Das komplette Wirtschafts- und Finanzsystem bricht ein. Es ist eben nicht nur der Strom, der ausfällt, sondern auch die Telekommunikation, IT, Logistik und damit die komplette Versorgung. Bei einem europaweiten Blackout wird nicht nur Europa betroffen sein. Dieses Ereignis wird einen globalen Schock in den Lieferketten auslösen. Denn Wirtschaft und Finanzsystem greifen weltweit ineinander. Wir werden uns danach deutlich einschränken und regional versorgen müssen. Ein kleineres Produktsortiment bedeutet eine große Umstellung. Wenn wir uns bereits jetzt darüber Gedanken machen, mit weniger ein gutes Leben führen zu können, wird unser Konsumverhalten einen anderen Stellenwert bekommen. Das muss gar nicht so negativ sein, wie es im ersten Moment klingen mag. Es wird anders. Und wir können uns anpassen. Je besser wir uns darauf einstellen und vorbereiten, desto krisenfitter sind wir. Ein Kollaps dient in der Natur dazu, dass etwas Neues entstehen kann. Vielleicht stehen wir vor einer solchen Umbruchsphase.

Gemeinden haben eine wichtige Rolle

Wir hatten bereits die Blaulichtorganisationen. Wie müsste die Vorbereitung auf einen Blackout in den Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen aussehen?
In Krankenhäusern muss frühzeitig mit der Triage begonnen werden. Die Versorgungsgüter reichen nicht für einen zweiwöchigen Notbetrieb aus. Für Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen gilt: Jeder Patient, der zu Hause Betreuung hat, sollte entlassen werden. Die Versorgung schwerster Fälle kann nur für eine gewisse Zeit gewährleistet werden, wenn der restliche Betrieb auf das Notwendigste heruntergefahren wird. Medizingüter, Medikamente und Nahrung müssen ebenfalls für zumindest zwei Wochen vor Ort zur Verfügung stehen, da so gut wie sämtliche Produktion und Zulieferung stillstehen wird. Das ist derzeit nicht gewährleistet. Auch der Personalwechsel ist ein kritischer Punkt. Damit das Krankenhaus- und Pflegepersonal längerfristig einsatzfähig bleibt, muss ein Schichtbetrieb für mindestens 14 Tage eingeteilt werden. Sonst ist mit chaotischen Zuständen zu rechnen. Deshalb ist es unerlässlich, das Personal wie in allen Organisationen und Unternehmen vorzubereiten. Wer zu Hause in der Krise steckt und ums Überleben kämpft, wird nicht zur Arbeit kommen. Aber auch die dezentrale Notversorgung durch niedergelassene Ärzte und Apotheken muss vorbereitet werden, um die Krankenhäuser zu entlasten. Dazu braucht es aber eine gemeinsame Vorbereitung. Hier hätten die Gemeinden eine wichtige Rolle, um das Ganze zu orchestrieren und jetzt vorzubereiten.

Wie könnte der Schutz in den Gemeinden während eines großflächigen Stromausfalles aussehen? Die Polizei wird alle Hände voll zu tun haben. Welchen Beitrag können die Bürger leisten?
Laut einer Umfrage des Landes gibt es in Oberösterreich 170 Gemeinden ohne Notstromversorgung für die Wasserversorgung. Katastrophal, kann man nur sagen. Wenn die Wasserversorgung ausfällt, wird es rasch kritisch. Dies zu vermeiden muss oberste Priorität haben. Bis zum letzten Haus ist eine derartige Versorgung aber unfinanzierbar. Das müssen die betroffenen Menschen wissen, um sich vorbereiten zu können. Zudem ist es wichtig, dass sich einzelne Akteure bereits im Vorfeld auf ein derartiges Krisenszenario vorbereiten, sich vernetzen und dezentral Hilfe leisten. Dazu bedarf es auch sogenannter „Selbsthilfe-Basen“, also dezentrale Anlaufstellen, wo Notrufe abgesetzt werden können und eine Selbsthilfe organisiert wird. Ich denke da beispielsweise an den Schutz von Supermärkten. Den müssen die Bürger selbst übernehmen und die Hürden höher setzen, um gewaltsame Übergriffe so lange wie nur möglich hinauszuschieben. Sonst kippt die Situation.

Vorsorge für 14 Tage unverzichtbar

Wie kann man sich Selbsthilfe-Basen vorstellen?
Das können Schulen, Wahllokale, Vereinshäuser sein, wo es eine gewisse Grundstruktur gibt. Menschen brauchen in Krisensituationen Struktur. Es braucht einen Verantwortlichen, der den Grundbetrieb mit der Bevölkerung organisiert, um die Anlaufstelle rund um die Uhr besetzen zu können. Ideal wäre eine Funkverbindung zur Gemeindeeinsatzleitung oder zu Einsatzorganisationen, um Notrufe rasch weiter zu leiten. Die Menschen müssen zusammenhalten und sich organisieren, um Eskalationen, Übergriffe und Gewalt möglichst lange hinauszuschieben. Diese Krise wird eine Herausforderung ungeahnten Ausmaßes.

Können Sie abschließend sagen, wie europaweit die Kraftwerke hochgefahren werden?
Es gibt Notfallpläne. Jedes Land beginnt mit einem solchen Schwarzstart und dann werden die Teilnetze wieder nach und nach zusammengeschaltet, wo jedoch noch immer etwas schief gehen kann. Dann würde es zu einem neuerlichen Ausfall kommen. Bei den österreichischen Netzbetreibern bin ich zuversichtlich, dass diese gut vorbereitet sind. Die APG, die Austrian Power Grid, gibt in Österreich den Startschuss für das Hochfahren. Europaweit werden Österreich und die Schweiz wahrscheinlich die ersten Länder sein, die ihre Kraftwerke wieder hochfahren können. Aber in vielen anderen Bereichen gibt es internationale Abhängigkeiten, womit die Vorsorge für zumindest 14 Tage unverzichtbar bleibt.

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