Folgen von Ukraine-Konflikt und Kriegsangst: Die Wiederentdeckung der Weltkriegs-Bunker

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Erwachen aus dem Dornröschenschlaf

Folgen von Ukraine-Konflikt und Kriegsangst: Die Wiederentdeckung der Weltkriegs-Bunker

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Eine zunehmend instabile geopolitische Lage infolge des Ukraine-Konflikts führt nicht nur rüstungspolitisch zu einem Umdenken im bislang strikt pazifistisch-zivilen Westen; auch ein verändertes Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung greift um sich. Letzteres drückt sich neuerdings auch in der Renaissance von Bauwerken aus, die scheinbar nur mehr musealen oder geschichtlichen Wert hatten: Zunehmend kommen die Weltkriegsbunker zu „neuen Ehren“.

In Wien nähert man sich dem morbiden Thema vordergründig „künstlerisch“ an; hier soll ein bislang vergessener Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden. Der einzige Zugang ist versteckt, der Rest der 600 Quadratmeter großen Anlage mit Betonplatten verschlossen und teilweise von Pflanzen überwuchert. Daraus soll nun eine Mischung aus Gedenkstätte und Bühne für künstlerische Veranstaltungen werden.

Wir wollen einen Ort schaffen, der buchstäblich in die Tiefe geht. Einen Erinnerungsraum zu den Themen Krieg und Frieden für Künstlerinnen und Künstler jeglicher Herkunft”, erklärt die zuständige künstlerische Leiterin Anne Wiederhold-Daryanavard. Der Bunker soll der Öffentlichkeit nun als Ort „zeitgenössischer Erinnerungskunst“ erneut zugänglich gemacht werden, wobei die Kunst als Ansatz dienen soll. „In den über 40 Räumen soll ganz Unterschiedliches passieren: Videos, Performances oder Skulpturen sollen gezeigt werden”, so Wiederhold-Daryanavard.

Kunst im Beton-Umfeld

Der Anfang wird bereits vom 20. bis 22. Mai gemacht, wobei der Grundriss des Komplexes abgebildet werden soll. Die kurdischstämmige Performerin und Stimmkünstlerin Nigar Hasib wird kommenden Monat eine Liveperformance im Bunker durchführen. Sie erklärt dazu: „Ich werde im Bunker live arbeiten und wir übertragen das nach oben. Ich habe Krieg er- und überlebt, habe aber nie einen Bunker gesehen. Deswegen war ich sehr am Projekt interessiert.”

Auch wenn also offiziell nur ein intellektueller Spleen von Kreativen die Beschäftigung mit der Bunkerthematik inspiriert hat, so lässt sich doch ein Zusammenhang mit der deutlich gestiegenen Gefahr eines großen militärischen Schlagabtauschs zwischen der NATO und Russland – oder zumindest eines europäischen Krieges, weit über die Ukraine hinaus – nicht leugnen.

Schutzräume vor Jahren abgeschafft

Denn auch in Deutschland gibt es derzeit Bemühungen, alte Bunker wiederzubeleben, – hier allerdings gar nicht erst aus historischen oder künstlerischen Gründen, sondern weil man aufgrund des Ukraine-Krieges, der mutwillig und unter äußerem Druck herbeigeführten Verschlechterung des Verhältnisses zu Russland und der jahrzehntelang ignorierten Sicherheitspolitik einen ganz konkreten Bedarf dafür sieht, die überall im Land verstreuten Weltkrieg-Zwo-Bunker wieder ihrem ursprünglichen Zweck zuzuführen: 2007 hatten Bund und Länder beschlossen, die öffentlichen Schutzräume aus dem Kalten Krieg nicht länger zu erhalten.

Wiedererwachter Zivilschutz

Mit dessen Ende hielt man auch gleich alle weiteren Kriege für obsolet. Eine Sprecherin des Bundesministeriums des Innern und für Heimat erklärte dazu: „Die ursprünglichen öffentlichen Schutzraumanlagen befanden sich überwiegend in Privateigentum sowie im Eigentum von Kommunen. Von diesen Anlagen wurden die meisten rückabgewickelt.” Derzeit gibt es noch 599 öffentliche Schutzräume für etwa einer halbe Million Menschen, allerdings keinen einzigen Luftschutzbunker. Das Ministerium überprüfe aktuell die verbliebenen Schutzräume und den „Status ihrer Schutzwirkung.“

Bebauung bietet Schutz?

Das dafür zuständige Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) entwickele Konzepte für einen effektiven baulichen Bevölkerungsschutz. Deren Umsetzung erfordere aber Zeit und Geld, das man natürlich nicht hat. Die im aktuellen Bundeshaushalt bewilligten zusätzlichen zehn Millionen dürften nicht ansatzweise ausreichen. Daher verweist das Amt allen Ernstes auf die Schutzfunktion von Wohnhäusern im Kriegsfall. Die „vorhandene Bebauung“ biete „guten Schutz, sowohl vor fliegenden Objekten als auch vor Kontamination mit chemischen oder nuklearen Stoffen. Im Falle eines Angriffs ist es ratsam, in innenliegende Räume mit möglichst wenigen Außenwänden, Türen und Fenstern zu gehen”, so die für Bevölkerungsschutz zuständige Behörde ohne jede Ironie.

Anfragen an Regierungsbunker

Innerhalb einer Stadt könnten auch U-Bahn-Stationen, Tiefgaragen und Kellerräume Schutz bieten, ließ man noch verlauten. Im ehemaligen Regierungsbunker im Ahrtal gehen inzwischen, nach Angaben der Museumsdirektorin, täglich Anfragen von verängstigten Bürgern ein: „Wir werden förmlich überrannt.“ Unter anderem habe sich eine alleinerziehende Mutter nach einem Platz für sich und ihr Kind im Falle eines russischen Angriffs erkundigt.

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