Ukraine-Flüchtlinge meckern über heruntergekommene Zustände in Deutschland

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Ukraine-Flüchtlinge meckern über heruntergekommene Zustände in Deutschland

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Recht haben“ ist im deutschen Sprachgebrauch doppeldeutig: Man kann mit Vorwürfen und Schuldzuweisungen recht haben – auch wenn man noch lange nicht das moralische Recht hat, sich zu beschweren. Dieser Gedanke mag so manchem Deutschen gekommen sein, als er von den Beschwerden ukrainischer Flüchtlinge über die katastrophalen politischen, gesellschaftlichen und hygienischen Zustände in deutschen Großstädten hörte, über die diese Woche in den sozialen Netzen berichtet wurde. Es handelte sich dabei, wohlgemerkt, nicht um konkrete Reklamationen im Zusammenhang mit der Flüchtlingsunterbringungen, wie sie immer wieder (siehe etwa hier) auch von anderen „anspruchsvollen“ Migrantengruppen gegen die zuständigen Behörden vorgebracht werden, sondern um allgemeine negative Eindrücke von ihrem Aufnahmeland.

Von Daniel Matissek

Dieser Beitrag erschien zuerst auf ansage.org

Grundsätzlich haben die befragten Ukrainer mit ihrer Bestandsaufnahme zwar ins Schwarze getroffen: Insbesondere ihre authentischen Eindrücke von Berlin, diesem seit Jahrzehnten kaputtregierten linksgrünen Shithole an der Spree, sind zutreffend und wirken sogar noch freundlich ausgedrückt – angesichts der dortigen Verhältnisse, gegen die manches Entwicklungsland wie geleckt wirkt. Die Frage ist allerdings, ob es sich geziemt, just dem Land, das doch Asyl und Schutz vor einem angeblichen Vernichtungskrieg gewährt, naserümpfend den Spiegel vorzuhalten. Dem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, heißt es so schön, und zweifelsohne ist die von Deutschland nun auch dieser Volksgruppe gewährte Beherbergung in Frieden und Freiheit ebenso wie die soziale Unterstützung ein solches Geschenk. Für – zudem ausländische – Gäste gehört es sich zudem grundsätzlich nicht, an den Gewohnheiten und Verhältnissen des Gastgebers herumzumäkeln; das ist weltweite Knigge.

Schonungslose Fremdwahrnehmung

All dies ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass die ukrainische Fremdwahrnehmung eine schonungslose Sicht auf Abgründe und Rückständigkeiten offenbart, die uns „betriebsblinden“ Deutschen oftmals gar nicht mehr auffallen. Richtigerweise haben die Migranten gerade aus den urbanen Ballungsräumen der Ukraine schon nach kurzem Aufenthalt erkannt, welche katastrophalen Zustände in Berlin und anderen Teilen Deutschlands herrschen. Bereits vor zwei Monaten gab es erste Erfahrungsberichte dieser Art, nun kamen die auf Twitter verbreiteten O-Töne hinzu. Einige Ukraine-Flüchtlinge äußerten ihre Eindrücke dabei durchaus in schonungsloser Weise: „Mir gefällt nicht, dass es hier so dreckig ist”, oder „sehr viel Müll und außerhalb der Stadtmitte wird er nur selten entsorgt” waren da noch die harmloseren Statements der Kriegsflüchtlinge.

Eine andere Frau monierte: „Alles ist hier etwas veraltet. Alles muss man mit der Post schicken. Da muss man sehr lange warten. Alles ist auf einem sehr alten Niveau geblieben. Das ist kein Ort, an dem man leben will. Berlin ist gut als Zwischenstopp. Nicht als Wohnort.” Eine Aussage, die sicher auch die meisten (vor allem westdeutschen) Hauptstadtbesucher sofort unterschreiben würden; ebenso wie wohl auch diese Kritik: „In Deutschland verschwendet man eine Menge Zeit, um einfach nur eine offizielle Erlaubnis zu bekommen, die irgendwann kommt. Diese ganze Bürokratie nimmt einfach sehr viel Zeit ein.”

Überkommenes Selbstbild der Deutschen

Interessanterweise beklagte sich eine andere Ukrainerin – wohlgemerkt Bürgerin eines Staates, der als korruptes und kaum rechtstaatliches Regime berüchtigt ist! – über das Ausmaß des deutschen Überwachungsstaates: „Ja, diese ganze Überwachung. Klar, das ist Europa. Aber wir sind dran gewöhnt, ukrainisch zu leben.” Ukrainisch heißt in diesem Fall also frei? Anscheinend ist alles nur eine Frage der Relation und Gewohnheiten. Anderen stieß die Dienstleistungs- und Kunden-/Verbraucherunfreundlichkeit im deutschen Zahlungsverkehr sauer auf: „In vielen Geschäften kann man unter zehn Euro nicht mit Karte zahlen. In manchen kann man gar nicht mit Karte zahlen” sowie „alle Dienstleistungen hier sind viel teurer… und dieses ‚Stipendium‘, das wir hier bekommen, reicht für ein normales Leben nicht” waren nur einige Zitate in dieser Richtung.

Berlin taugt nicht mehr als Wohnort

Wie gesagt: Einerseits sind diese Einschätzungen der meist jungen Leute, die erst seit kurzer Zeit hier leben (und, anders als die arabischen und afrikanischen Träger  des in Deutschland weit gefassten ”Flüchtlingsstatus”, nicht vorhaben, hier dauerhaft sesshaft zu werden), zwar von beeindruckender Klarsicht in ihrer Analyse: Dass etwa Berlin fraglos „auf einem sehr alten Niveau” stagniert und nicht mehr „als Wohnort” taugt (dies keinesfalls nur unter finanziellen Aspekten!), stößt Einheimischen längst ebenfalls bitter auf. Auch die unsinnige und schwerfällige Bürokratie hierzulande fällt offenbar nicht nur Deutschen als absoluter „Standortnachteil“ auf, sondern inzwischen sogar Menschen aus solchen Regionen, die man hierzulande – oftmals vorschnell und aus Unkenntnis – für im Vergleich zu Westeuropa wenig „modern” hält.

Ein Form von Undank

Hier wird dem grundlos auf sein angeblich so „gut verwaltetes” Land stolzen Deutschen („Ich bin froh, dass ich in so einem funktionierenden und reichen Land lebe“) ein durchaus aufschlussreicher Kontrast präsentiert. Viele Deutsche sind nämlich mental fürwahr in Zeiten stehengeblieben, da Deutschland und „Made in Germany” wirklich noch für weltweite Spitze und Höchstniveau standen. Lange ist es her, dass dieser Bias eine Grundlage hatte. Andererseits gibt es einem dann doch zu denken, dass sich Menschen, die doch aus einem Krisenstaat stammen, das laut seinem Präsidenten Wolodymyr Selenski kurz vor der „Auslöschung” durch einen immerzu mit „Nazi-Deutschland” gleichgesetzten Gegner steht, über Kartenzahlungslimits und unregelmäßige Müllentsorgung ereifern können. Auch das Genöle über das angeblich zu niedrige „Stipendium“ (gemeint ist wohl das „Flüchtlingstaschengeld“) wirkt eher befremdlich – angesichts der Abermilliarden, die Deutschland allein in die Unterbringung und Versorgung der ukrainischen Flüchtlinge investiert, und das nota bene, obwohl die deutschen Kommunen seit Jahren unter einem Investitionsrückstand von mittlerweile 150 Milliarden Euro leiden sowie der Tatsache, dass deutsche Hochschulen sogar für ukrainische Schüler ohne Abitur geöffnet wurden.

Gezielte Journalistenfragen

Bei aller Richtigkeit der Beobachtungen überwiegt HIER am Ende also doch der schale Eindruck der Undankbarkeit – und zwar in einer durchaus dem anmaßenden Gebaren des Ukraine-Botschafters Andrij Melnyk vergleichbaren Form. Zugutezuhalten ist den hier zu Wort kommenden Ukrainern allerdings, dass sie ihre Kritik und Beschwerden nicht aus eigenem Antrieb kundtaten – sondern dass sie von deutschen Journalisten gezielt danach gefragt wurden, was ihnen an Deutschland ge- bw. missfällt. Dieses wesentliche Detail hätte zur differenzierenden Einordnung des Gesagten vielleicht besser betont werden sollen.

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