Wochenthema: Die Anatomie des Mordes an Michelle F. (†16)

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René Rabeder beobachtete den Prozess

Wochenthema: Die Anatomie des Mordes an Michelle F. (†16)

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Im Dezember 2018 drang ein Messer in den Rücken der 16-jährigen Michelle F. aus Steyr ein. Der damals 17-jährige afghanische Asylwerber Saber A. löschte damit ihr junges Leben aus. Wie kam es zu der furchtbaren Tat? Was passierte in den Minuten danach? Der Prozess lieferte Antworten…

Eine Reportage von René Rabeder

Ergreifende Tonaufnahmen

„Ich habe noch nie eine Ananas gegessen. Ananas, Adidas … Früher hab ich so viele Adidas Schuhe gehabt. Alle weggeworfen. Ich war so blöd … Wann krieg ich mein Geschenk?“

Es ist kurz nach 8:30 Uhr Mittwochmorgen. Tag zwei des Mordprozesses gegen den Afghanen Saber A.. Im vollbesetzten großen Schwurgerichtssaal des Landesgerichts Steyr schneidet die Stimme eines jungen Mädchens durch die angespannte Luft. Der Richter lässt Tonaufnahmen abspielen, die sich auf dem Handy der 16-jährigen Michelle F. befanden. Es ist ihre Stimme, die wir hören. Unbeschwert. Verspielt. Wie Teenager eben so sind. Die nächste Aufnahme ist anders. Von einem Geschenk ist keine Rede mehr. Es wird nicht geblödelt. Michelle klingt verzweifelt. „Ich fühle mich in deiner Gegenwart nicht mehr glücklich … ich hasse dich schon lange.“ Die Worte waren an ihren Freund gerichtet. Saber A. kennt sie. Lauscht ihnen diesmal von der Anklagebank aus. Regungslos schaut er auf den Boden. Er weiß, wie es weitergeht. „Gestern warst du. Heute lebst du. Morgen bist du tot. Das Leben ist ein Tag. So ist das nunmal.“ Wenige Stunden, nachdem Michelle diese Worte an den
subsidiär schutzberechtigten Asylwerber aus Afghanistan gerichtet hatte, war sie tot.

“Das Leben ist ein Tag”

Es war die Weihnachtszeit 2018. Bitterkalt und grau. Ich weiß noch genau, wie es sich angefühlt hat, vor jenem Fenster der Wohnung in Steyr-Münichholz zu stehen, aus dem Saber A. gesprungen und geflüchtet war. Das Fenster zu Michelles Kinderzimmer. Dort stach er ihr von hinten mit einem Küchenmesser in den Rücken, zerstörte ein Blutgefäß in ihrer Lunge. Zerstörte die Träume einer Heranwachsenden. Zerstörte das Leben ihrer Familie und Freunde. Zerstörte alles. „Das Leben ist ein Tag“, hatte sie kurz davor zu ihm gesagt. Der 8. Dezember 2018 war Michelles letzter.

Wir, die Öffentlichkeit, müssen den Gerichtssaal verlassen. Nach den Tonaufnahmen verweist der Richter auf ein elfminütiges Video. Sehen müssen es nur Verwandte, Gutachter und die Geschworenen. Später wird mir von verstörenden Bildern berichtet. Saber A., damals 17 Jahre alt, filmt sich selbst. Jammert. Winselt in seiner Muttersprache. Hinter ihm am Boden liegt die Leiche von Michelle. Elf Minuten lang filmt er sich mit ihr. Was genau in diesen Minuten passiert, will mir niemand sagen.

steyr michelle f. mord afghane
“Wochenblick”-Chef vom Dienst René Rabeder vor der Asylwerberunterkunft “Maradonna” in Steyr. Hier hat der mutmaßliche Mörder von Steyr gewohnt.

Er hat einen Mord gemacht

Nachdem er mit seinem Video fertig ist, das wissen wir jetzt, verbarrikadiert er das Zimmer. Schiebt einen Schrank vor die Türe. Wickelt Michelles leblosen Körper in einen Teppich und versteckt das blutige Küchenmesser in einem Stofftier.

Jetzt macht eine Tonaufnahme Sinn, die wir zuvor gehört haben. „Ja, du kannst meine Playstation jederzeit holen. Sie ist im Kasten“. Wenige Stunden auf der Flucht, nachdem er das Leben seiner Freundin beendet hatte, telefonierte der Afghane mit einem Unbekannten. Versprach ihm seine Playstation. Wohl im Wissen, dass er selbst die nächste Zeit nicht mehr damit spielen wird. „Ich habe einen Mord gemacht. Gott wird mir nicht vergeben. Saber hat einen Mord gemacht. Saber ist jetzt tot.“ Auch diese Worte konnten die Ermittler auf seinem Handy finden. Aber Saber ist nicht tot. Er sitzt wenige Meter vor mir im Gerichtssaal. Modische Lederjacke, frischer Haarschnitt. Er schaut weiter starr auf den Boden. Primaria Adelheid Kastner schmettert ihm ihr psychiatrisches Gutachten entgegen. Beim Intelligenztest schnitt er im unteren Normbereich ab. Sein Verhalten ist eher hedonistisch. Er möchte ein schönes Leben haben. Arbeiten, etwas leisten mag er nicht. Zurechnungsfähig war er zum Tatzeitpunkt aber auf jeden Fall. Sein Verhalten vor und nach der Tat wäre durchaus das eines Mörders. Seine Ausrede, es hätte sich um einen Unfall gehandelt: Wenig glaubhaft, eher unwahrscheinlich. Auch, dass er so stark alkoholisiert gewesen sei, dass er sich nun an nichts mehr erinnern könne, sei nicht der Fall. Hier verweist die Gutachterin auf das Video, das auch sie gesehen hatte.

Tags zuvor, am ersten Prozesstag, widerlegte bereits ein anderer Experte die Verteidigungsversuche des Afghanen. Im Rausch will er sich übergeben haben. Er sei ohnmächtig geworden und daraufhin mit dem Messer auf Michelle gestürzt. Als er wieder zu sich gekommen war, sei sie tot gewesen. Dem widerspricht der gerichtsmedizinische Sachverständige Fabio Monticelli. Der Stich sei mit großer Wucht ausgeführt worden, dazu sei man bei einem Ohnmachtsanfall nicht in der Lage. Das sei sicher.

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Advocatus Diaboli

Es ist kurz vor Mittag und die Beweisaufnahme scheint beendet. Einen Antrag bringt die Verteidigung noch ein. Weitere Zeugen sollen befragt werden. Mittagspause.

Die Gespräche der Prozess-Zuhörer am Gang des Gerichts zu belauschen, erinnert mich an meine Recherchen in Steyr-Münichholz. „Die Mädls sind so dumm, lassen sich immer wieder mit solchen Typen ein“, ist noch immer der gängige Tenor. Eine skurille Szene lenkt kurz von den Eindrücken des eben im Gerichtssaal Gehörten ab. Ein älterer, gebrechlich wirkender Mann wird mit Handschellen und Fußfesseln über den Gang geführt. Umringt ist er von drei schwerbewaffneten, mit Sturmhauben vermummten Beamten, die noch dazu Helme tragen. Hinter diesem seltsamen Bild erkenne ich Andreas Mauhart. Sabers Verteidiger, der heute erst nach der Mittagspause selbst in das Geschehen eingreifen wird. Dass ich den bekannten Star-Anwalt vor Monaten in einem Kommentar zum „Gesicht des linken Versagens“ gemacht habe, weil er medienwirksam messermordende Asylwerber vertritt, scheint er mir verziehen zu haben. Er lächelt mich an, legt sogar seinen Arm um meine Schulter. Wir plaudern kurz.

Seine Anwesenheit wirkt sich positiv auf seinen Mandanten aus. Saber As. Körpersprache hat sich nach der Pause verändert. Er schaut immer noch zu Boden, wirkt aber weniger eingeschüchtert.

“Sabers Jahrhundertstich”

Vielleicht hat er sich mittlerweile einfach auch an die Beamten der Justizwache gewöhnt, die ihm niemals von der Seite weichen. Ein zierlicher, kleiner junger Mann betritt den Saal. Er ist auch Afghane und wird als Zeuge aussagen. Er berichtet, dass er mitverfolgt hätte, wie Saber mit einem Araber telefoniert hatte. Dieser prahlte, mit Michelle geschlafen zu haben. „Darauf hat der Angeklagte gesagt, er wird Michelle mit einem Messer töten“, übersetzt der Dolmetscher ins Mikrofon. Eine vernichtende Zeugenaussage, die der Tat durchaus einen Vorsatz vorausschickt. Rechtsanwalt Mauhart wird in den nächsten Stunden alles versuchen, das wieder gut zu machen. Die Geschworenen davon zu überzeugen, dass es eben keinen Vorsatz gab. In seinem eindrucksvollen Schlussplädoyer gegen 17 Uhr wirft Mauhart die Frage auf, warum nur einmal zugestochen wurde. Ein „Jahrhundertstich“ sei es immerhin gewesen, nur durch sehr viel Pech überhaupt so schnell tödlich. Warum im Kinderzimmer, wenn der Afghane Michelle überall hätte hinlocken und dort töten können? Warum brachte er keine eigene Mordwaffe mit? Das Küchenmesser kam schließlich aus Michelles Wohnung. Der 15-minütige Appell an jene Menschen, die das weitere Leben seines Mandanten in Händen halten, ist beeindruckend. Wenige Augenblicke zuvor richtete sich bereits der Staatsanwalt, Hans-Jörg Rauch an die acht entscheidenden Personen im Schwurgericht. Auch er stellte fest, dass er nicht in deren Haut stecken wolle. Ich weiß, was er meinte. Dass der Afghane die junge Michelle getötet hat, ist klar. Das hat er auch selbst eingeräumt. Was aber genau in diesem Kinderzimmer passiert war, weiß – trotz Tonbänder und Videos – nur er alleine.

Die Geschworenen ziehen sich zur Beratung zurück. Warten. Aus Minuten werden Stunden. Das Gericht leert sich. Lichter gehen aus, Menschen gehen heim. Es ist still im Wartebereich vor dem großen Saal. Michelles Stimme ist jetzt auch hier endgültig verstummt. 20:50 Uhr. Ein letztes Mal gehe ich auf meinen Platz im Zuschauerraum. Der Sprecher der Geschworenen erhebt sich. Die Frage, ob sie zur Erkenntnis gekommen seien, Saber A. hätte Michelle F. vorsätzlich getötet, beantwortet er mit „Ja“. 8:0. Einstimmig hätten sie das so entschieden. Auch an der vollen Schuldfähigkeit des Afghanen haben sie keinen Zweifel.*

Schutz wurde aufgehoben

Damit ergeht im Namen des Volkes folgendes Urteil…“, höre ich den Richter sagen und konzentriere mich auf die folgende Zahl: 13,5 Jahre Haft. An dieser Stelle verlasse ich den Verhandlungssaal und hole mein Telefon, das ich beim Betreten des Landesgerichts vor knapp 13 Stunden beim Sicherheitspersonal abgegeben hatte. Mein erster Anruf geht an Chefredakteur Christian Seibert, der sofort einen Artikel verfasst. Der „Wochenblick“ ist Minuten später das mit Abstand erste Medium des Landes, das über das Urteil berichtet. Für mich persönlich ist es der Abschluss eines Falles, der mich seit fast einem Jahr berührt hat. Beruflich, aber auch menschlich. Saber A. hat „Mord gemacht“. Und er wird jetzt dafür büßen. Nach seiner Haft wird er, da sein subsidiärer Schutz aufgehoben wurde, nach Afghanistan abgeschoben werden. Michelle F. bleibt tot. Für immer.

 

*Die Verteidigung hat Berufung und Nichtigkeitsbeschwerde eingelegt. Das Urteil gegen Saber A. ist somit nicht rechtskräftig.

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