Während alle Medien des Mainstreams akzeptiert haben, dass es während der ersten Welle der Corona-Pandemie zu keiner Übersterblichkeit gekommen ist, ist man jetzt darum bemüht, dies in der so genannten zweiten Welle anders darzustellen. Die im Eigentum des ORF befindliche APA gab die Parole „hohe Übersterblichkeit“ aus. Und das geht so…

Von Willi Huber

Der ORF titelte die Drama-Story vom 27. November mit: „Zweite Welle bringt hohe Übersterblichkeit„. Die Kleine Zeitung schloss sich pflichteifrigst und mit großer Kreativität im Finden eines eigenen Titels an: „Zweite Welle“ bringt hohe Übersterblichkeit„. Die kreativen Geister der Bezirksblätter formulierten es so: „Zweite Corona-Welle bringt hohe Übersterblichkeit„. Die besten Text-Spezialisten von OE24 kamen zum Schluss: „Zweite Corona-Welle bringt hohe Übersterblichkeit in Österreich„. Die investigativen Journalisten der Presse ermittelten in minutiöser Kleinarbeit: „Zweite Welle bringt hohe Übersterblichkeit„. Und auch beim ÖVP-nahen Volksblatt wurde unabhängig ermittelt: „Zweite Corona-Welle bringt hohe Übersterblichkeit„. Die Journalisten der Nachrichten schwärmten aus und berichteten: „Zweite Corona-Welle bringt hohe Übersterblichkeit„. Und im Standard war zu lesen „Zweite Covid-Welle bringt hohe Übersterblichkeit in Österreich„.  Da zeigt sich eben die selbsternannte Qualität.

In den meisten Medien dieselben Inhalte

Wie jetzt, wer hat da „gleichgeschaltete Presse“ gesagt? So ein Blödsinn. Das schwierige Nachrichtengewerbe kostet viel Geld und immens viel Aufwand. Da kann man schon einmal nebensächliche Lokalnachrichten im Wortlaut von der Presseagentur übernehmen. Dafür haben die Leser ja auch gewiss Verständnis, die um viel Geld ihre Abos beziehen. Es ist natürlich überhaupt nicht egal, welche Zeitung man sich kauft. Überall sind eigens entwickelte, wertvolle und vor allem journalistisch sauber recherchierte Inhalte vorhanden. Dass die meisten Medien bestimmte Texte vom politisch bekanntlich völlig unabhängigen ORF beziehen soll da nicht weiter verunsichern.

Willkürlich ausgewählte Woche – und trotzdem hinter 2017

Im Detail zu den Inhalten. Der ORF schreibt: „Für die Woche vom 9. bis zum 15. November weist die Statistik Austria 2.286 Todesfälle aus – der dritthöchste Wert seit 2000.“ Die Aussage mag für sich alleine schon stimmen. Die Frage ist aber, weshalb man der Bevölkerung eine „hohe Übersterblichkeit in der zweiten Welle“ weis machen will, wenn der Beobachtungszeitraum eine willkürlich ausgewählte Woche ist, die eben zufällig ein paar Todesfälle mehr aufweist – allerdings immer noch unter den Zahlen von 2017 liegt. Damals war eine starke Grippewelle der Grund für höhere Todeszahlen im November, so wie es alle paar Jahre eben vorkommt.

Schicksalsprophetenhafte Worte

Wegen dieser einen Woche also sieht ORF auf Basis Aussendung der in seinem Besitz befindlichen Presseagentur APA folgende Aussage als gerechtfertigt an: „Die von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) noch im Frühjahr oft gehörte Aussage, dass Österreich ‚besser als andere‘ durch die Pandemie komme, gilt im Herbst somit nicht mehr.“ All das ist selbstverständlich unabhängiger Qualitätsjournalismus, der Fragestellungen von unterschiedlichen Seiten beleuchtet und die Bevölkerung vollständig und umfassend informiert, wie es im ORF-Gesetz vorgeschrieben ist:

§4 ORF-Gesetz:

(6) Unabhängigkeit ist nicht nur Recht der journalistischen oder programmgestaltenden Mitarbeiter, sondern auch deren Pflicht. Unabhängigkeit bedeutet Unabhängigkeit von Staats- und Parteieinfluss, aber auch Unabhängigkeit von anderen Medien, seien es elektronische oder Printmedien, oder seien es politische oder wirtschaftliche Lobbys.

Und:

§10 ORF-Gesetz:

(5) Die Information hat umfassend, unabhängig, unparteilich und objektiv zu sein. Alle Nachrichten und Berichte sind sorgfältig auf Wahrheit und Herkunft zu prüfen, Nachricht und Kommentar deutlich voneinander zu trennen.

(6) Die Vielfalt der im öffentlichen Leben vertretenen Meinungen ist angemessen zu berücksichtigen, die Menschenwürde, Persönlichkeitsrechte und Privatsphäre des Einzelnen sind zu achten.

Drei Tage später war doch wieder alles anders

Übrigens: Am 30. November titelte der ORF: „Sterblichkeit ging 2020 in vielen Regionen Europas zurück.“ In diesem Artikel findet sich auch die Aussage: „Österreich im oder unter dem Schnitt“. Der Vollständigkeit halber: Auch dieser Artikel findet sich weitgehend wortgleich in einem guten Dutzend Medien. Daraus mögen unsere Leser ihre eigenen Schlüsse ziehen.