Eine aktuelle Umfrage unter Psychotherapeuten zeigt, dass durch die Corona-Maßnahmen immer mehr Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs sind und Rat beim Experten suchen. Die Anfragen nahmen im Vergleich zum Vorjahr um 41 Prozent zu. Die psychische Belastung hat bei Privatpraxen sogar zu einer Zunahme von 61 Prozent geführt. Da Behandlungskapazitäten fehlen, bleiben viele Ratsuchende auf der Strecke.

Die Corona-Maßnahmen klangen für viele zu Beginn noch recht vielversprechend. Während man sonst täglich ins Büro musste, konnte man plötzlich bequem von zu Hause arbeiten. Vom Schüler bis zum Facharbeiter waren all jene, denen es möglich war, plötzlich mehr daheim. Was nach mehr Freiheit klang, stellte sich jedoch schnell als Täuschung heraus. Während Freiheit bedeutet, dass man besuchen kann, wen man will, reisen kann, wohin man möchte, sich versammeln kann, wo man möchte und gemeinsam Abende verbringen kann, wann immer man es wünscht, stellte sich schnell heraus, dass die vermeintliche Freiheit keine war. Seit Beginn der Corona-Maßnahmen und vor allem seit Beginn der Lockdowns sind Menschen auf einmal gezwungen, viel Zeit mit sich oder mit der Familie zu verbringen. Es scheint kein Entrinnen zu geben und viele verzweifeln angesichts der Tatsache, dass sie zu viel alleine sind oder sich alleine fühlen.

Wegbrechen der Gewohnheiten

Für Menschen ist es eine ungemein große Herausforderung, wenn soziale Kontakte plötzlich wegfallen. Wer das noch nicht erlebt hat, sei es durch Umzug, Jobverlust oder längere Reisen, und keine Übung damit hat, der ist schnell damit überfordert. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und fallen gewohnte Handlungsmuster weg, bricht damit eine Welt zusammen. Situationen, die sonst spielend gelöst worden wären, erscheinen plötzlich ausweglos. Vielen Schülern wird es aufgefallen sein, dass sie sich jetzt die Zeit zurückwünschen, in der sie sich morgens bereit für die Schule machen, wo sie auf ihre Klassenkameraden treffen. Da das morgendliche Ritual mit dem Besuch der Schule aktuell teilweise nicht mehr möglich ist, scheint die Welt plötzlich still zu stehen. Einige Lehrer bestehen daher heute auf Zoom-Video-Konferenzen mit der Begründung: „Ihr verwahrlost sonst alle“. Wo keine zeitlichen Vorgaben sind, fallen gewohnte Handlungen weg, die jedoch wichtig sind, um seinem normalen Rhythmus zu folgen und um nicht durchzudrehen. Sei es das morgen- und abendliche Zähneputzen, eine feste Zeit für Frühstück, Mittag- und Abendessen, kurz gesagt, es bedarf eines geregelten Stundenplans. Zudem ist es gerade in Zeiten, wo man viel alleine ist wichtig, den Humor zu erhalten. Lachen ist gesund und auch in Lockdown Zeiten kann man immer etwas finden, über das man herzhaft lachen kann und das einem durch die Zeit hilft.

Nachfrage nach Psychotherapie verdoppelt

Wie schwierig es vielen Menschen fällt, das Positive in negativen Zeiten zu sehen, zeigen die aktuellen Zahlen einer Umfrage der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung (DPtV) unter ihren Mitgliedern. Seit Januar 2020 hat sich die Nachfrage nach Psychotherapie verdoppelt. Die Praxen von Psychotherapeuten werden regelrecht überrannt. Laut der sogenannten Copsy-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf zeigt inzwischen fast jedes dritte Kind psychische Auffälligkeiten (Wochenblick berichtete). Die Zahlen sind alarmierend.

Hilfesuchende müssen aus Kapazitätsgründen teilweise einen Monat auf ihre Termine warten, 30 Prozent bis zu einem halben Jahr und 38 Prozent sogar noch länger. Die Praxen waren schon vor der Corona-Politik ausgelastet. Um Abhilfe zu schaffen, schlägt die DPtV daher vor „Akutbehandlung per psychotherapeutischer Videositzung“ zu behandeln. Schüler oder andere Hilfesuchende, die nicht damit zurecht kommen, den ganzen Tag alleine vor dem Computer zu sitzen, sollen sich demnach wieder vor den Computer setzen und via Videoschaltung mit dem Arzt ihre Probleme versuchen zu lösen. Man hätte auch gleich vorschlagen können, dass sie bei Youtube nach Videos passend zu ihrem Problem suchen und das erst mal ausprobieren sollen.

Alles dank fragwürdiger Maßnahmen

Die psychischen Probleme, die jetzt auftreten und oft durch Vereinsamung entstehen, sind Lockdowns und fragwürdigen Corona-Maßnahmen zu verdanken. Digitalisierung bei Abrechnungen und Zoom-Termine beim Arzt mögen ebenso einigen helfen wie die altbewährte Telefonseelsorge, doch sollte die Deutsche Psychotherapeuten-Vereinigung nicht außer Acht lassen, dass sie damit nur die Symptome behandeln, die Ursache aber unangetastet lassen. Statt mehr digitale Aufrüstung in Praxen von Psychotherapeuten zu fordern, wäre angebracht, ein Ende der Lockdowns zu verlangen, die die Ursache des Leids darstellen. Die Lockdowns machen die Menschen psychisch krank, da helfen auch keine gut gemeinten Zoom-Meetings vor kalten Bildschirmen. Es wäre wünschenswert, wenn sich die DPtV dafür einsetzt, dass die Menschen ihre Freiheit zurück erhalten.

(AA)