Seit vergangenem Freitag rollt wieder das runde Leder, das für viele die Welt bedeutet. Millionen Europäer starren wie gebannt auf die Bildschirme, um ihren Idolen zuzujubeln. Gerade erst war der Schock über den Kollaps eines dänischen Spielers abgeklungen, gab es die nächste Aufregung. Diesmal, weil ein Spieler der österreichischen Nationalmannschaft mit serbischen Wurzeln einen Gegenspieler etwas flegelhaft adressiert haben soll. Die folgende Empörung lässt tief in den politisch korrekten Zeitgeist blicken. 

Kommentar von Alfons Kluibenschädl

Ja, ich muss es zu meiner Schande zugeben. Ich bin einer dieser Passiv-Fußballer, die bei Großereignissen wie der aktuellen EURO für ein paar Stunden „Brot und Spiele“ zu haben sind. Als Patriot liegt mir dabei natürlich auch das Abschneiden unseres Teams am Herzen. Und wie die meisten meiner Mitbürger glaube ich nach einem Sieg an den Titel und wünsche mir nach einer Niederlage die Herabstufung des Teams in die Schülerliga. Diesmal startete Österreich gut in die Endrunde – erstmals bei einer EM mit einem Sieg. Aber im Nachlauf ist er getrübt, denn nun wird gegen einen Schlüsselspieler geschossen. Und letztendlich fasste er sogar eine Spiel-Sperre aus.

Kleine Schimpftirade mit großen Auswirkungen?

Der Balkan soll bekanntlich am Wiener Rennweg beginnen – oder wie im Fall von Marko Arnautovic direkt dahinter im Flächenbezirk Floridsdorf, wo der Sohn serbischer Einwanderer aufwuchs und wohl im Käfig das Kicken lernte. Dort ist die feine verbale Klinge nicht immer das Gebot der Stunde – und wohl nirgendwo besser kann man das ausleben als beim Gaberln mit dem Ball. Und: Sogenannter „Trash-Talk“ ist ganz normal, wie auch ÖFB-Sportdirektor Peter Schöttel richtig erkannte. Sogar in der Landesliga wirft man seinem Gegenspieler gerne mal Wörter an den Kopf, die nicht zwingend druckreif sind. Was habt’s euch erwartet, höfische Etikette am Rasen?

Die ruppige Gangart nahm sich wohl auch Arnautovic zu Herzen. Seine Gegenspieler fürchten sein feuriges Temperament fast genauso wie seine spielerischen Geistesblitze und seinen Torriecher. Er krachte mit Egzjan Alioski aneinander, welcher der albanischen Minderheit in Nordmazedonien angehört. Nachdem der Schlüsselspieler nach der Einwechslung frischen Schwung ins Spiel brachte, krönte er seinen Auftritt mit dem 3:1-Siegestor und ließ danach den Emotionen freien Lauf. Er rief Alioski wenig diplomatisch zu: „Ich f***e deine Shiptar-Mutter!“ Ja, ok, nicht die feine englische Art – aber auch nicht wirklich der Mega-Skandal, denn er entschuldigte sich nach dem Spiel sogar bei seinem Gegenspieler für den unflätigen Satz. Dafür suchte er diesen sogar in der Kabine auf – keine alltägliche Geste.

Dauerempörte fühlen sich auf Empör-Spielwiese wohl

Erst anmotzen, dann Schwamm drüber: Seit Jahrhunderten funktioniert das zwischen Männern in unseren Breitengraden in vielen Lebenslagen. Manchmal trinkt man sogar ein Versöhnungsbier mit demjenigen, mit dem man sich soeben noch in den Haaren hatte. Aber für die Dauerempörten, allen voran den nordmazedonischen Verband, ist die Bemerkung etwas furchtbar schlimmes. Sie wollen darin einen Rassismus-Skandal erkennen und forderten die „härteste Strafe“ für den großgewachsenen Hitzkopf im ÖFB-Team. Denn es handle sich um eine abwertende Bezeichnung für Albaner.

Da hilft Arnautovic nicht einmal das Bekenntnis dazu, dass er wohl nur schwer ein Rassist sein kann, da er Freunde von überall auf der Welt besitze. Alleine der Umstand, dass er in der chinesischen Liga sein Brot verdient, sollte ein Indiz dafür sein, dass diese Beteuerung nicht aus der Not entsteht, sondern aufrichtig ist. Aber nun soll es ganz übel sein, mit welchen Worten „unser Marko“ umher wirft. Wobei: Man mag gar nicht wissen, wie viele unter den Empörten vor zwei Jahren um Nachsicht baten, als Schweiz-Spieler mit kosovarischen Wurzeln einen Torjubel gegen Serbien mit einer Geste begingen, die den albanischen Doppeladler darstellte.

Der Balkan und seine mannigfaltigen Kuriositäten

Skurril ist die Causa aber auch noch aus einem anderen Grund – und der steckt direkt im Namen des ÖFB-Stürmers. Denn die Osmanen bezeichneten albanische Soldaten in ihrem Heer gerne einmal als „Arnaut“. Wortwörtlich hieße also Arnautovic selbst so viel wie „Sohn eines Albaners“. Freilich: Das türkische Großreich bezeichnete Bewohner weiter Landstriche mit dieser Bezeichnung – und viele davon waren Slawen, zumeist Serben, und keine Albaner. In Albanien kommt das Namenselement kaum vor, in Serbien relativ häufig.

Und man kennt die Verwirrung aus dem Burgenland: Nicht jeder „Horvath“ ist dort wirklich ein Burgenlandkroate oder hat entsprechende Wurzeln. Nicht jeder, dessen Nachname „Deutsch“ oder „Hollender“ lautet, hat Vorfahren in den so bezeichneten Ländern. Namen wie „Wiener“, „Salzburger“ gibt es im ganzen deutschen Sprachraum, und dass „Great Reset“-Architekt Klaus Schwab wirklich Schwabe ist, ist wohl eher Zufall. Aber die ganze Causa zeigt auch auf: Der Balkan ist ein ziemlicher Flickenteppich, es ist nicht immer alles so klar wie es auf den ersten Blick scheint.

Importierte Konflikte als Zankapfel?

Freilich könnte man nun argumentieren: Solche Probleme gäbe es nicht, wenn sich die sogenannten Nationalteams nicht maßgeblich aus Migranten aus aller Herren Länder rekrutierten und nicht die entsprechenden ethnischen Animositäten importiert würden. Und das ist auch eine legitime Frage: Denn besonders viele ethnische Franzosen spielen etwa bei den dortigen „Les Bleus“ nicht mehr mit, es schaut mehr aus wie eine Auswahl aus der Banlieue. Selbst bei den Schweizer Nachbarn hat der Bauernbub aus dem Berner Oberland in der „Nati“ mittlerweile eher Seltenheitswert.

Aber letztendlich ist das eine andere Baustelle. Denn Sport kann immer nur das Spiegelbild einer Gesellschaft sein und somit bestenfalls ein Abbild einer verfehlten Einwanderungspolitik. Und immerhin ist davon auszugehen, dass sich Fußballfans über ein Tor für ihr Land freuen, egal wer es schießt – und seien sie noch so große Migrationskritiker.

Sieht man von einigen Negativbeispielen wie seinerzeit Mesut Özil ab, der zwar die deutsche Hymne nie mitsang, aber sich mit Erdogan ablichten ließ, sind die meisten Einwanderer im Nationalteam in der Regel stolz darauf, sich mit ihrer neuen Heimat zu identifizieren und für diese aufs sportliche „Schlachtfeld“ zu schreiten. Sie entschieden sich mit Bedacht, sich zu dieser zu bekennen – und gerade beim ÖFB-Team ist ein solches Bekenntnis wohl auch keine Prestigefrage, seit Jahrzehnten bleiben die ganz großen Erfolge bekanntlich aus.

Markige Aussagen: Im Zeitgeist hui, andernfalls pfui?

Die UEFA listete Arnautovic am Mittwochmittag bereits als „gesperrt“, obwohl eine Entscheidung zu diesem Zeitpunkt noch ausständig war. Tatsächlich wurde eine solche dann wenige Stunden später gerade für das Spiel gegen den Gruppen-Favoriten Holland ausgesprochen: ein herber Schlag für das ÖFB-Team. Denn gerade Arnautovic zeigte am Sonntag, dass er als Ideengeber mehr oder minder unersetzbar für die Nationalmannschaft ist.

Die ganze Sache zeigt aber die Absurdität der heutigen Zeit auf: Sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen und vielleicht auch einmal über den guten Geschmack hinaus schießen – das geht offenbar nur, wenn die Äußerung dem Zeitgeist entspricht. Niemand kam etwa auf die Idee, Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton bei Mercedes die Rute ins Fenster zu stellen, als er im Zuge der „Black Lives Matter“-Proteste weltweit zum Denkmalsturm aufrief. Keine Geldstrafe, keine Sperre, nichts. Im Gegenteil: Seitdem fährt das Team sogar in schwarzer Lackierung…

Aber Hauptsache, man kann irgendwelche unbedachten Worte auf dem Fußballplatz alle paar Monate zum „Rassismus-Eklat“ aufblasen. Gibt ja sonst nichts wichtigeres.

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