Anfang Juni twitterte der Chef-Epidemiologe Norwegens, Preben Aavitsland, freudig: die Pandemie sei im Land „sozusagen vorbei“. Die Krankenhausbelegung sei extrem niedrig, es gebe kaum Neuinfektionen. Regierungschefin Erna Solberg und ihr Gesundheitsminister widersprachen umgehend: man dürfe sich nicht zu sehr entspannen, erst wenn jeder geimpft ist, sei die Pandemie vorbei. Die kommenden Wochen seien entscheidend.

    • Streit um Pandemie-Ende in Norwegen
    • Chef-Epidemiologe: sie ist vorbei
    • Premierministerin: erst wenn jeder geimpft ist
  • Öffnung des Landes wird verschoben
  • Impfung für Jugendliche beworben
  • Impftempo wird beschleunigt
  • Rekordzahlen bei neuen Corona-Fällen

Von Kornelia Kirchweger

„Das war die Pandemie“, schrieb Aavitsland und postete eine Grafik, die zeigt, dass in der 22. Woche kaum neue Fälle registriert wurden.

Öffnung wird verschoben

In Norwegen gab es seit März 2020 einen Mix aus Corona-Maßnahmen, bestehend aus Lockdowns, Abstand halten, Grenzschließung und Quarantäneregeln. In einem vierstufigen Abbau-Plan sollten die Maßnahmen nun zwischen April und Juni abgebaut werden. Solberg verschob nun die Aufhebung der letzten Öffnungs-Phase bis in den August hinein. Die Einschätzung von Aavitsland, dem Chef des norwegischen Instituts für öffentliche Gesundheit und Infektionskontrolle, teilt sie nicht. Während er sich auf die geringen Hospitalisierungszahlen berief, beharrt die Premierministerin: „Die Pandemie ist erst vorbei, wenn jeder geimpft ist, und wir bis dahin nicht ins Stolpern kommen“. Mittlerweile wird schon die Impfung für 16 und 17Jährige als „lebensrettend“ beworben.

Hohes Impftempo – Rekord bei neuen Corona-Fällen

Indes nimmt das Impftempo an Fahrt auf. Seit dem Impfstart in Norwegen (5,3 Mio. Einwohner) wurden in Summe 6,4 Mio. Dosen verabreicht. Reuters spricht von 80 Prozent Erst-Geimpften und 41 Prozent mit zwei Impfungen. Das Impftempo legte im August erneut zu. Laut aktuellem Tweet von Aavitsland wurden allein letzte Woche 375.000 Seren verabreicht, davon 33.000 Erstimpfungen und 342.000 zweite Dosen. Paradoxerweise stiegen zeitgleich die Corona-Fälle rapide und erreichten 80 Prozent der Jänner-Werte. Es dürfte sich auch in Norwegen um die Delta-Variante handeln. Immer öfter wird bereits hinterfragt, ob nicht gerade eine Durchimpfung die Entstehung neuer Virus-Varianten und damit häufiger Impfdurchbrüchen fördert. Die Webseite des norwegischen Gesundheitsministeriums weist darauf hin, dass Impfung bzw. Genesung gut schützen, aber kein Garant gegen eine erneute Corona-Infektion, Erkrankung oder Virus-Weitergabe sind. Man wisse nicht genau, wie lange der Impfschutz anhalte. Vielleicht sechs Monate, vielleicht etwas länger.

Virus wird wie Grippe

Während die Regierungschefin als einzigen Ausweg aus der Pandemie die völlige Durchimpfung der Menschheit sieht, vertritt Aavitsland einen anderen Ansatz: Er glaubt, das Corona-Virus werde im Alltag nur mehr eine geringe Rolle spielen, hie und da endemisch aufflackern und wie eine Grippe auftreten. Man werde sich künftig weniger auf die Eindämmung der Infektion, sondern auf den Schutz anfälliger Personen konzentrieren. In einem aktuellen Kommentar im Medienportal Dagsavisen sagte er: das Virus werde bleiben, man müsse damit leben, man könne es nicht „auslöschen“ (Zero-Covid) und nicht jeden auf der Welt dagegen immunisieren. Er verwies dabei auf eine aktuelle Einschätzung von Andrew Lee, Experte bei der britischen Gesundheitsbehörde. Auch Lee ist überzeugt, man könne das Virus nicht ausrotten. Auch wenn es im Menschen nicht mehr existiere, sei es auf Wild- und Haustiere übertragbar, könne sich dort einnisten und erneut auf den Menschen übergreifen. Völlige Unklarheit gebe es bezüglich Dauer des Impfschutzes.

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