In einem dringlichen Appell an die Politiker der Welt fordert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nun ein Ende der Corona-Lockdowns als primäres Mittel zur Eindämmung des Virus. Das schaffe nur Armut. Anlass für diese Kehrtwendung ist eine Anfang letzter Woche verabschiedete Petition von Gesundheitsexperten aus aller Welt. Lockdowns richten „irreparable Schäden“ an, heißt es darin.

Von Kornelia Kirchweger

WHO-Experte David Nabarro meinte, ein Lockdown sei nur dann gerechtfertigt, wenn man Zeit brauche, um die Ressourcen neu zu ordnen, auszugleichen und das erschöpfte Gesundheitspersonal zu schützen. „Im Großen und Ganzen tun wir das aber lieber nicht“.

Tourismus am Ende

Denn Lockdowns machen arme Menschen noch viel ärmer. Nabarro verwies dabei auf die Tourismusbranche in der Karibik oder im Pazifik, die brachliege, weil Menschen nicht mehr auf Urlaub gehen. Die Armut werde sich vielleicht weltweit bis zum nächsten Jahr verdoppeln – damit auch die Unterernährung von Kindern.

Unnötige Brachialmethoden

Die strengsten Lockdowns gab es, im März, im australische Melbourne- Menschen durften dort nur das Haus verlassen, um mit ihren Haustieren hinauszugehen. In China schweißten Behörden die Türen zu, um die Leute einzusperren. Die WHO hält diese Schritte für unnötig. Nabarro empfahl den Politikern, bessere Systeme zur Eindämmung des Virus zu entwickeln, als Lockdowns. „Kooperieren Sie und lernen Sie voneinander“, sagte er.

Zur richtigen Zeit

Anfang der Woche trafen Gesundheitsexperten aus der ganzen Welt zusammen und setzten eine Petition in Gang. Darin forderten sie ein Ende der Lockdowns und forderten statt dessen einen „fokussierten Schutz“. Die derzeitige Sperrpolitik habe verheerende Auswirkungen auf die kurz- und langfristige öffentliche Gesundheit. Die Petition erhielt bisher 12.000 Unterschriften. Sie wurde von Sunetra Gupta von der University of Oxford, Jay Bhattacharya von der Stanford University und Martin Kulldorff, von der Harvard University, verfasst. Nabarro lobte die Initiative Guptas als „wichtigen Punkt“.

Nabarro: fast WHO-Chef

Nabarro war übrigens 2016/17 einer der sechs Kandidaten für den Posten des WHO-Generaldirektors. Er unterlag allerdings bei der Abstimmung dem heute amtierenden, zeitweilig sehr umstrittenen, Tedros Adhanom.Seit Februar 2020 ist er einer der sechs Sonderbeauftragten der WHO Generaldirektion zur Bewältigung der Covid-19-Pandemie.