Nicht erst seit Corona wurde klar, dass im Bildungssystem in Österreich einiges im Argen liegt. „Wochenblick“ traf sich mit Mag. Dr. Regine Stangl, der Obfrau des Freiheitlichen Lehrerverbandes Österreich (FLV) und mit Klaus Samhaber vom FLVOÖ. Im Gespräch ging es jedoch nicht nur um Corona und die belastenden Maßnahmen für Schüler und Lehrer, sondern auch um verfehlte Bildungsstrategien und zu viel politische Einflussnahme auf die Schulen.

Von Matthias Hellner

Darüber sind sich Regine Stangl und Klaus Samhaber einig, mit den Corona-Schikanen in den Schulen muss endlich Schluss sein. Denn die Blicke völlig verstörter und traumatisierter Kinderaugen aus Maskengesichtern werden die beiden Pädagogen so schnell nicht mehr vergessen. „Dies ging sogar so weit, dass Schüler im Unterricht nicht die Maske abnehmen wollten, selbst als es wieder erlaubt war“, erklärt Stangl. Die gebürtige Oberösterreicherin unterrichtet in Kärnten an einer HTL und einer MS Englisch und ist seit Mai Obfrau des Freiheitlichen Lehrerverbandes. Auch für ihren Kollegen Samhaber, der im Innviertel Englisch und Musikerziehung unterrichtet, sind die Maßnahmen, mit denen die Schüler seit mehr als 18 Monaten gequält werden, völlig unverständlich.

Regelungen sind nicht evidenzbasiert

„Kinder sind keine Superspreader und spielen im Infektionsgeschehen keine Rolle“, so der Pädagoge, denn die Chance für sie schwer an Corona zu erkranken, liegt im unteren Promillebereich. „Wir leben doch in einem Rechtsstaat und nicht in einem Gottesstaat“, gibt er zu bedenken, „es muss nach Evidenzen und nicht nach Glauben gehandelt werden, doch die meisten gesetzlichen Regelungen sind eben nicht evidenzbasiert.“ Dass dem jedoch so ist, zeigt sich schon daran, dass eine Vielzahl von Verordnungen von Höchstgerichten wieder aufgehoben wurden. Und selbst nachdem dies geschah, sahen weder die Regierung noch Bildungsminister Faßmann oder sein Ministerium Veranlassung, etwas zu ändern.

Klares Nein zu Impfzwang

Als das Gespräch auf das Thema Impfung kommt, ist der Standpunkt des FLV schnell klar. Als zweifacher Großvater lehnt Samhaber die Kinderimpfung klar ab. Ihm sind Evidenzen wichtiger als die Propaganda der Bundesregierung. Denn selbst die WHO lehnt derzeit eine massenhafte Impfung von Kindern ab. Ebenso sieht es bei einer möglichen Impfpflicht für Lehrer aus. „Wir sagen klar Nein zu einem Impfzwang oder zu einem indirekten Impfzwang“, so Stangl. Jeder solle selber entscheiden können. Zumal auch die Regierung bei ihren 1G-, 2G-, 2,5G- oder 3G-Regeln ein G immer vergessen hat, das G für „Gesund“, früher der Normalfall, seit Corona nicht mehr existent. Dabei ist es wichtig, dass es Planbarkeit für Eltern, Schüler und auch Lehrer gibt. Doch nach dem Schulbeginn zeigte sich schon, dass die Regelungen der Regierung diesen Ansprüchen nicht gerecht wurden.

Wieder Chaos an Schulen

Es herrschte wieder Chaos und unzählige Klassen mussten in Quarantäne. Aber es sind nicht nur die Corona-Maßnahmen wie Tests, Masken oder Impfung, die das Schulsystem belasten. Viele Lehrer wurden durch die plötzlichen Schulschließungen sprichwörtlich ins kalte Wasser geworfen. „Eigentlich hat es an den Schulen nur funktioniert, weil die Lehrer vollen Einsatz gezeigt haben und weil eine unglaubliche Kollegialität vorhanden war, erklärt Samhaber. Denn das System ist für diese Art des digitalen Unterrichts einfach nicht ausgelegt. Er selbst ist zum Beispiel jeden Tag in die Schule gefahren, um den Unterricht von dort digital abzuhalten, denn der Glasfaserausbau am Land entspricht einfach nicht den Voraussetzungen. Und dieses Problem existiert natürlich keineswegs nur lehrerseitig.

Digitalisierung ist nicht alles

Zudem stößt auch die nun forcierte Digitalisierung in den Schulen – unabhängig von der Verfügbarkeit schnellen und stabilen Internets – weiter an ihre Grenzen. Nicht nur, dass Laptops oder Tablets, die den Schülern zur Verfügung gestellt werden sollen, noch lange nicht in ausreichender Zahl vorhanden sind, auch über den Nutzen lässt sich trefflich streiten. „Tablets oder Computer im Vorschul- oder Grundschulbereich mögen eine Abwechslung oder Ergänzung sein“, so Regine Stangl, „aber es geht auch darum, Grundfertigkeiten zu entwickeln, denn gerade bis zum 9. Lebensjahr muss noch die Feinmotorik geschult und das Schriftbild entwickelt werden und das geht nicht nur digital – und erst wenn diese Grundvoraussetzungen da sind, können auch andere Fähigkeiten sinnvoll erworben werden.“

Leistung statt Ideologie

Nur spielen leider hier zu viel Politik und Ideologie im Bildungsbereich mit und damit muss endlich aufgeräumt werden, sind sich die beiden Pädagogen einig. Es muss wieder ein Leistungsprinzip in den Schulen herrschen. Es könne nicht sein, dass das Bildungsniveau immer weiter nach unten nivelliert werde. So gibt es mittlerweile Lesestunden in Mittelschulen, weil Schüler daheim kein Buch mehr in die Hand nehmen und einfache Voraussetzungen für einen erfolgreichen Umstieg in eine weiterführende Schule nach der Volksschule wie sinnerfassendes Lesen nicht gegeben seien. Auch beginnt die Politisierung des Schulsystems bei Lehrereinstellungen und Direktorenbesetzungen und hört bei Förderungen bei Lerndefiziten und Ablehnung von Deutschförderklassen auf.

Auch Förderungen von Begabungen nötig

„Aber eine wirkliche Chancengleichheit, also auch eine spezielle Förderung von Begabungen gibt es kaum“, gibt Stangl zu bedenken. Gedanken an Privatschulen wie in den USA oder England, wo Eltern viel Schulgeld bezahlen, damit der Nachwuchs etwas lernt, weil das öffentliche Schulsystem abgewirtschaftet ist, lehnt sie jedoch strikt ab. Denn das Ziel müsse sein, dass das öffentliche Schulsystem die Voraussetzungen garantiert, dass jeder seinen Talenten und Interessen entsprechend die Bildung, die ein selbstbestimmtes und zufriedenes Leben ermöglicht, erhält. Aber dieses Angebot muss auch geschätzt werden und etwas wert sein. „Förderungen waren immer knapp, doch nun haben die Länder Geld für Förderungen bereitgestellt, aber auch aus dem EU-Topf fließen 60 Millionen Euro, um Lerndefiziten zu begegnen. Letztere sind definitiv vorhanden, vor allem an den Nahtstellen zu den weiterführenden Schulen. Trotzdem gilt auch hier das Gießkannenprinzip und nicht eine klare Strategie. Somit ist bis jetzt wahrscheinlich auch viel Geld versickert“, stellt die FLV-Obfrau fest. Interessant ist es, dass für das kommende Jahr von Regierungsseite 238 Millionen Euro für Antigen- und PCR Tests budgetiert sind, für das Förderstundenpaket von Regierungsseite nur 65 Millionen Euro. Der FPÖ-Bildungssprecher Hermann Brückl sieht ebenso wie Stangl darin eine verhältnismäßige Schieflage. Genügend Ansätze gäbe es, aber sie scheitern immer wieder am politischen Wollen. So liegen seit Monaten Konzepte vor, wie Schulen mit Luftfiltern und simplen Hygienemaßnahmen trotz Corona sicher betrieben werden können, ohne Masken, Tests oder Impfungen.

Konzept für Schule ohne Corona

In Deutschland kommen diese Systeme, die von Professoren der Bundeswehruniversität in München entwickelt wurden, erfolgreich zum Einsatz. Anträge der Freiheitlichen in diese Richtung wurden in Österreich rundweg abgelehnt. Diesen Stillstand zu durchbrechen sieht Regine Stangl auch als ihre Hauptaufgabe als Vorsitzende des FLV. Sie will den Lehrerverband als Bildungsplattform etablieren, der zugleich auch eine Beraterfunktion wahrnimmt. Dass es dabei zu Überschneidungen mit Parteien kommt, sieht sie nicht als Problem. Schließlich geht es um das Wohl der Kinder und ein effizientes Bildungssystem, da sei kein Platz für weltanschauliche Experimente. Und da muss es auch einmal möglich sein zu sagen: „Ungenügend, sitzen bleiben!“ Und dies sowohl für die Politik als auch für die Schüler, ohne sich vor der Bildungsdirektion rechtfertigen zu müssen.

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