Am Donnerstagabend platzte eine mediale Bombe zur Diplomarbeit der türkisen Arbeitsministerin Christine Aschbacher. Ein bundesweit bekannter Medienwissenschaftler kommt zum Schluss, dass die ÖVP-Politikerin bei ihrer akademischen Abschlussarbeit ganze Abschnitte aus anderen Werken und Quellen übernommen habe. Die Diskussion über eine immer wieder aktuelle Thematik beginnt aber nur schleppend. 

Demnach soll die Magisterarbeit „alle wissenschaftlichen Standards“ unterschreiten und über „schlechtes Deutsch“ verfügen. Das ist das Resümee des Gutachters Stefan Weber, der sich als „Plagiatsjäger“ einen Namen gemacht hat. Dem Kurier zufolge ist man im Büro der Ministerin „völlig überrascht“ über die Vorwürfe und möchte die Causa in Ruhe intern prüfen. Dennoch hat die Enthüllung das Potenzial zu politischer Sprengkraft.

„Fundgrube von allem, was man nicht machen soll“

Teilweise hätte Aschbacher „absatzweise abgeschrieben“, auch einige ihrer Hypothesen seien von anderen Quellen „plump plagiiert“. Es handle sich um eine „wissenschaftliche Katastrophe“, so Weber. „Selten“ habe er eine derartige „Fundgrube von allem, was man nicht machen soll“, gesehen. Teilweise berufe sie sich zudem auf nicht-wissenschaftliche Quellen aus dem Internet.

Das Ausmaß, das Weber behauptet, ist umfangreich: „Der Übergang vom falschen Zitat zum Plagiat ist fließend, wie die nahezu komplett abgekupferte S. 36 zeigt, auf der keine 15 Wörter von der Verfasserin stammen“. Später legte er nach und erkannte auch im Exposé ihrer Dissertation, an der sie offenbar derzeit arbeitet, mehrere Kopien. Dieses reichte sie ein, als sie bereits als Bundesministerin tätig war.

Plagiatsgutachter fordern breitenwirksame Diskussion

Nach Ansicht Webers braucht es eine öffentliche Debatte: „Man wird nach diesen Entdeckungen zu diskutieren haben, welche Kompetenzen unter anderem in den Bereichen Deutschkenntnis und Quellenarbeit jemand mitbringen muss, der sich in Österreich für ein Amt in der Spitzenpolitik qualifiziert und in der Folge wichtige Entscheidungen zu treffen hat“.

Damit dürfte er den Nerv vieler Österreicher treffen, die sich gerade im Umgang mit der Corona-Krise über die Kompetenzen ihrer Politiker wundern. So ist eine häufige Kritik, dass sich Gesundheitsminister Anschober als gelernter Volksschullehrer über kritische medizinische Fachmeinungen hinwegsetzen würde. Und dass Kanzler Kurz sein Studium abbrach, sorgt auch bei nicht-akademischen Bürgern gerne für Belustigung.

FP-Schnedlitz fordert Aschbacher-Rücktritt

Die Enthüllungen über die mutmaßlichen Auffälligkeiten in der Diplomarbeit führten am Freitagmorgen auch bereits zu ersten Rufen nach politischen Konsequenzen. FPÖ-General Michael Schnedlitz forderte umgehend den Rücktritt Aschbachers, mit der „Entzauberung“ ihres Werks sei „das Maß nun endgültig voll“. 

Er erinnerte daran, dass dies aus seiner Sicht nur der letzte Sargnagel sei. Denn: „Ihre Leistung als Arbeitsministerin ist nicht besser als ihre Diplomarbeit“. So habe sie in der Coronakrise „noch kein einziges Rezept vorlegen können, um die Rekordzahlen bei Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit zu senken“. Kritische Fragen lächle sie weg und in Interviews brilliere sie mit „einstudierten Stehsätzen“.

Allerdings meldete er auch Zweifel an, dass sie tatsächlich den Hut nehme und erinnerte an den Fall von Christian Buchmann. Dieser musste einst seinen Doktortitel und sein Amt als steirischer Landesrat zurücklegen – wechselte dann aber in den Landtag und sitzt mittlerweile im Bundesrat und präsidiert aktuell über diesen. Eine solche Vorgehensweise sei für die ÖVP „bezeichnend“, so Schnedlitz. 

Mehrere Politiker stolperten über Ungereimtheiten

Politiker, die ihre akademischen Würden möglicherweise nicht ganz astrein erwerben – das ist ein Thema, das seit Jahren zu empören weiß. Erst im Vorjahr sorgte eine Enthüllung eines YouTubers über mögliche Ungereimtheiten beim juristischen Staatsexamen eines hohen SPD-Politikers für Wirbel, der später in dessen Rücktritt mündete. Der deutsche Ex-Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg stolperte vor zehn Jahren über eine Plagiatsaffäre. Innerhalb von zwei Wochen war er seinen Doktortitel und seinen Posten als Regierungsmitglied los.

Seit Monaten sorgt auch der Fall der Dissertation von Christian Drosten, dem Corona-Hausexperten der deutschen Regierung, für Diskussionen. Insbesondere der Umstand, das offenbar keine Pflichtexemplare bei der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) auflagen, ließ bei einigen Kritikern den Verdacht aufkommen, dass es Auffälligkeiten gäbe.

Auch Weber nahm sich der Vorwürfe an – und musste eine Woche lang recherchieren, ehe er eine plausible Erklärung fand. Nachdem es bereits bei der Doktorarbeit kuriose Zufälle gab, tauchten dann kurz darauf neue Indizien über Unregelmäßigkeiten auch bei der Habilitation Drostens auf. Selbst wenn auch dafür einst eine Erklärung auftauchen sollte: Eine schiefe Optik blebt,

Zeitung in Republikbesitz löschte Artikel

Zurück zum Fall Aschbacher: Die mediale Berichterstattung läuft langsam an, die in Republikbesitz stehende „Wiener Zeitung“ löschte sogar einen Artikel, den sie zur Causa veröffentlicht hatte, innerhalb weniger Stunden wieder. Nur mehr Screenshots aus Suchmachinen sowie vom toten Link erinnern daran, dass dort jemals etwas stand.

Auf telefonische Anfrage des Wochenblick, weshalb der Artikel nicht mehr auffindbar sei, konnte oder wollte man bei der „Wiener Zeitung“ keine detaillierte Auskunft geben. Es könne durchaus vorkommen, dass aus rechtlichen Gründen oder aus Datenschutzgründen ein Artikel vom Netz genommen werden, so ein Sprecher der Zeitung. Zum konkreten Fall äußerte man sich aber uns gegenüber nicht.