Wenn in diesen Tagen an unzähligen Orten die Sonnwendfeuer brennen, dann flammt um den längsten Tag im Jahr auch wieder der Sonnenmythos auf:

Das Wissen von Tod und Wiedergeburt der Sonne ist wohl die älteste und bedeutsamste Erkenntnis der Menschen auf der Nordhalbkugel – ja, gewissermaßen der Urmythos der Europäer. Unsere Vorfahren waren von Anbeginn an existentiell auf Sonne und Sonnenlicht angewiesen, was sich in Kultur, Religion und Brauchtum niederschlägt.

Heimischer Urkult

Nach der letzten Eiszeit entstand in Mitteleuropa ein Kulturkreis, dessen Kulturhöhe heute den wenigsten bewusst ist. Bereits damals gab es erste Stätten der Himmelsbeobachtung, die häufig zugleich Richt- und Kultstätten waren. In diesem Zusammenhang seien die Kreisgrabenanlage von Goseck und die Himmelsscheibe von Nebra (im heutigen Sachsen-Anhalt), Stonehenge und die Externsteine im Teutoburgerwald genannt. Besonders interessant und bislang kaum bekannt sind die erst in den letzten Jahrzehnten wiederentdeckten Kreisgrabenanlagen in Niederösterreich. Unter den rund 50 Anlagen sticht vor allem jene von Steinabrunn hervor, der Forscher auch den Beinamen „Stonehenge im Weinviertel“ gaben: Allerdings existierte diese bereits vor fast 7.000 Jahren – rund 2.000 Jahre vor Stonehenge.

Sonnenkult und Sonnwendfeuer 1

Die Sonne als Uhr

Die steinzeitlichen Sternwarten konnten den Zeitpunkt des nächsten und -fernsten Sonnenstandes bereits exakt feststellen – wodurch bereits ein Kalendarium und auch eine grobe Zeitmessung gegeben war. Die Sonne war für die Menschen des Nordens von jeher das Maß aller Dinge. Aus dem Jahressonnenlauf um den Gesichtskreis, aus der Wanderung des Sonnenschattens um den Stab oder um die Pfähle und Steinsäulen entstanden in Folge die Monatszeichen des Sonnenjahres, eine Schriftzeichenreihe, ein Alphabet. In einem unserer Volkslieder mit dem Titel: „A lustige Eicht“ wird der Zeitbegriff „eykt“ zum Ausdruck gebracht: eykt/eicht bezeichnet eine Achtelstunde. Es ist bekannt, dass man in Norwegen, auf Island und den Färöern den Gesichtskreis in acht gleiche Hauptseiten teilte: die Auf- und Untergangspunkte der Sonne am Horizont wurden an herausragenden Geländepunkten markiert, wo solche nicht vorhanden waren, wurden künstliche  Steinpyramiden als „Eyktamark“ oder „Dagsmark“ errichtet. Diese Sonnenbeobachtungen waren, wie eine moderne Uhr, relativ präzise. Von dieser genauen Beobachtung hing im wahrsten Wortsinn das Überleben ab.

Sonnenspiele

Im alt-bairischen Sprachraum gibt es viele Mittags-Kogel und viele Zehner-, Elfer-, Zwölfer-Spitzen, die ebenfalls der Ortung und Zeitmessung dienten. Wie eben auch der – 2.092 Meter hohe –, oberösterreichische Mittagskogel im Gesäuse. Oft waren die Bergspitzen mit heiligen Stätten versehen, die vom Christentum zu ersten Standorten von Kirchen gemacht wurden und vom Volk vielmals als Orte der Kraft empfunden werden. Ein Volksspiel im Mühlviertel war einst sehr beliebt und hatte uralte Wurzeln, es hieß „Die Sonne über den Berg ziehen“: Zwei Burschen machten bei diesem Spiel das „Pferd“ und stellten sich mit dem Rücken aneinander. Auf ihre Schultern setzte sich je ein „Reiter“. Die Reiter mussten die Hände nach rückwärts halten, eine Stange erfassen und festhalten. Die beiden „Pferde“ ziehen auf ein Zeichen nach vorne los und jener Reiter, der als erster aus dem Sattel schnellte, hatte verloren…

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