Freie Musiker singen das Ende des Ausnahmezustands förmlich herbei - und wurden nun von der Politik erhört.

So kündigte es am 6. April Spaniens Premierminister Pedro Sanchez anlässlich einer Pressekonferenz im Moncloa-Palast zumindest an: mit 9. Mai wird der spanienweite estado de alarmo beendet. Nächtliche Ausgangssperren und regionale Bewegungseinschränkungen werden aufgehoben, Treffen im Innen- und Außenbereich werden für bis zu 6 Personen aus verschiedenen Haushalten gestattet.

von Spanien-Korrespondent James Osch

Sanchez vertraut auf die Fortschritte der Impfkampagne sowie die vergleichsweise hohe Impfbereitschaft der Spanier. Die Entscheidungsgewalt für lokale Maßnahmen wird den autonomen Regionen überlassen. Mit diesen berät sich die Nationalregierung regelmäßig in einem interterritorialen Gesundheitsrat.

Die Maske verrutscht so langsam

Was Spaniens Premier für nächsten Monat verspricht, ist auf südländisch-subversive Art und Weise bereits längstens in der Realität angekommen: zwischen 200 und 350 „illegale“ Parties sprengt die Polizei jedes Wochenende in Madrid. Die Dunkelziffer der unentdeckt gemeinsam Feiernden dürfte nennenswert höher sein.

Tausende Touristen strömen für ein Wochenende in relativer Freiheit in die Hauptstadt, wo Lokale bis zur Ausgangssperre um 23 Uhr geöffnet haben und danach das versteckte Nachtleben in Wohnungen und konspirativen Locations weitergeht.

Dass in Madrid und andernorts in Spanien wieder gefeiert wird, zeigt auch gut, wie hier mit den Maßnahmen umgegangen wird: man biegt sich so daran vorbei, dass man trotz offizieller Einschränkungen freudvoll leben kann.

Bis zur Ausgangssperre vergnügen sich die Bürger in den Schanigärten.

Toleranz statt Denunziantentum

Gerade am Umgang mit der eigentlich immer und überall verpflichtend zu tragenden Gesichtsmaske, wird dieses laissez-vivre sichtbar. Vereinzelt sieht man noch Doppelmasken-Träger. Täglich mehr werden aber auch jene, die zumindest durch die exponierte Nase frei atmen. Für viele ist die Maske auch einfach nur ein etwas lästiger Kinnschutz, den man bei Bedarf – also zum Einkaufen oder bei akut drohender Strafe – kurz bis über die Nase zieht.

Konflikte deshalb sieht man keine, Anschwärzen bei Ordnungshütern findet nicht statt. Zumindest in den größeren Städten lassen die Menschen einander in Toleranz dem eigenen Maskenbewusstseinspfad folgen. Dies spiegelt sich auch im Verhalten der Ordnungskräfte.

Wenig Polizeipräsenz, kaum Schikanen

Ob in Parks, am Strand oder in der Innenstadt – kontrolliert wird die mehr oder weniger lose befolgte Maskenpflicht nicht. Auch Gruppengrößen scheinen keine große Verfolgungspriorität zu sein – überall sieht man wieder Gruppen von sich austauschenden Menschen, auf Bänken und Plazas. Wären da nicht trotzdem überall die Masken und fühlbar fehlende Touristen, könnte man fast von wiederkehrender Normalität sprechen. Spanier demonstrieren nicht dafür, sie leben sie einfach.

Keine Großdemos

Als Mitte Februar der monarchiekritische Rapper Pablo Hasél verhaftet wurde, gingen in Barcelona die Wogen hoch und Müllcontainer in Brand. Auch gegen die Einführung der Impfpflicht unter Strafandrohung in Galizien wurde spanienweit demonstriert. Allgemein gegen die Corona-Maßnahmen gerichtete Großdemos, wie im deutschsprachigen Raum, gibt es aber in Spanien kaum mehr.

Angesichts dessen und der vielen Menschen, die die Maskenpflicht im öffentlichen Raum befolgen oder sich in Impfschlangen einreihen, könnte man meinen, der Geist der Spanier sei gebrochen. Bei genauerem Hinsehen gilt dies aber nicht für alle: eine andere Perspektive lebt und arbeitet subtil am Wandel.

Süße Revolution, sanfte Medizin

An jedem Kiosk kann sich der informationswillige Spanier das bereits in seiner 247. Ausgabe erschienene und dezidiert maßnahmenkritische Gesundheitsmagazin DSalud kaufen – mit Titelstorys wie: „Wie kann man verstehen, dass Milliarden Menschen eine Lüge glauben?“ oder „Wie sie uns manipulieren“. Der Katalane Josep Pàmies hat sich jahrelang für die Zulassung von Stevia bemüht und tritt jetzt mit großer Reichweite für Eigenverantwortung im Gesundheitsbereich und den Selbstanbau von Heilpflanzen ein.

Die Maßnahmenkritiker haben ihr eigenes freies Magazin: DSalud.

Auf seine Initiative treffen sich Ähnlichdenkende seit bald einem Jahr spanienweit an öffentlichen Plätzen, um sich unter dem gemeinsamen Label Soberania y Salud (Souveränität und Gesundheit) lokal und dezentral selbst zu organisieren – maskenfrei und ohne Abstand.

Weg von der Symptombehandlung

Analog zu dieser parallelen Solidargesellschaft entsteht im medizinischen System selbst ein neues Gesundheitsverständnis. Abseits der mehrheitlich Impfwilligen wird verstärkt auf schädliche Umwelteinflüsse und einen ganzheitlichen Ansatz geachtet. Die Stadtverwaltung von Barcelona (Abteilung für öffentliche Gesundheit und soziale Rechte) arbeitet mit neun Verbänden von Menschen zusammen, die von umweltbedingten Krankheiten wie chronischer Müdigkeit oder elektrischer und chemischer Überempfindlichkeit betroffen sind, um ein Programm zur sozialen Integration und Prävention für die gesamte Bevölkerung zu fördern. Ziel ist es, einerseits schädliche Umwelteinflüsse einzudämmen und andererseits präventive und ganzheitliche Therapien zu fördern.

Zeitliniendissonanz

So progressiv diese gesellschaftlichen und medizinischen Entwicklungen auch sein mögen, so unsanft ist das Erwachen, wenn wegen offenbar steigender Intensivbettenbelegung ab heutigem Freitag in Katalonien die Mobilität wieder auf Bezirksebene beschränkt wird. Es scheint, als ob mit dem national-regionalen Maßnahmen-Hin-und-Her die Bevölkerung zu noch höherer Impfwilligkeit weichgekocht werden soll.

Sie wissen: die Spanier möchten wieder leben – viele zu jedem Preis.