Lange schon ist der italienische Star-Philosoph Giorgio Agamben der Ansicht, dass der Ausnahmezustand zum neuen Paradigma des Regierens geworden ist. Durch die Corona-Politik begegnet dieser Ausnahmezustand Agamben nun unbestreitbar. Er spaltete sich vom Mainstream ab und wartet seither mit haarscharfen, aber auch beunruhigenden Analysen auf. In seinem jüngsten Essay „Eine Gemeinschaft in der Gesellschaft“ appelliert Giorgio Agamben dafür, eigene Gemeinschaften abseits des Corona-Totalitarismus zu gründen. Nur so sei ein Überleben möglich. Wochenblick veröffentlicht hier die deutsche Übersetzung des Essays. 

Von Bernadette Conrads

Werbung

  • Star-Philosoph aus Italien
  • Früher von Linken gefeiert – Jetzt spaltete er sich vom Mainstream ab
  • Corona-Kritik führt ihn in den Widerstand
  • These: Ausnahmezustand wurde zum neuen Paradigma des Regierens
  • Dissidenten werden als „Vogelfreie“ abgespalten
  • Nur so können wir überleben: Eigene Gemeinschaften in der Gesellschaft gründen (neuer Agamben-Essay)

Seit den 1990ern ist Giorgio Agamben der wohl meist beachtete Philosoph der Gegenwart. Vor allem seitens der Linken wurde Agamben in den letzten Jahren gefeiert. Seine Totalitarismus-Analysen gelten als führend in seinem Bereich. Demokratien seien vor dem totalitären Zugriff auf den einzelnen längst nicht gefeit. Beispielhaft ist für Agamben etwa das US-Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba und nun vor allem die Corona-Diktatur. Agamben zeigt auf, wie die herrschende Klasse die Menschen in Regimetreue („Heilige“) und Vogelfreie spaltet.

 „Es sind diejenigen, die unklugerweise gehorcht haben, die den Preis dafür zahlen werden.“

– Giorgio Agamben, 2021

Eine Gemeinschaft in der Gesellschaft

Von Giorgio Agamben, am 17. September 2021 für Quodlibet.it

Italien, das politische Laboratorium des Westens, in dem die Strategien der herrschenden Mächte in ihrer extremen Form im Voraus ausgearbeitet werden, ist heute ein Land in menschlichem und politischem Ruin, in dem sich eine skrupellose, zu allem entschlossene Tyrannei mit einer von pseudoreligiösem Terror beherrschten Masse verbündet hat, die bereit ist, nicht nur die so genannten verfassungsmäßigen Freiheiten, sondern sogar jegliche Wärme in den menschlichen Beziehungen zu opfern.

Zu glauben, dass der grüne Pass eine Rückkehr zur Normalität bedeutet, ist in der Tat naiv. So wie bereits ein dritter Impfstoff eingeführt wurde, werden neue Impfstoffe eingeführt und neue Notsituationen und rote Zonen ausgerufen werden, solange die Regierung und die Machthaber dies für sinnvoll halten. Und es sind diejenigen, die unklugerweise gehorcht haben, die den Preis dafür zahlen werden. Unter diesen Bedingungen müssen die Dissidenten, ohne jedes mögliche Instrument des unmittelbaren Widerstands aufzugeben, darüber nachdenken, so etwas wie eine Gesellschaft in der Gesellschaft zu schaffen, eine Gemeinschaft von Freunden und Nachbarn innerhalb der Gesellschaft der Feindschaft und der Distanz.

Die Formen dieser neuen Klandestinität, die sich so weit wie möglich von den Institutionen unabhängig machen muss, müssen von Zeit zu Zeit überdacht und erprobt werden, aber nur sie können das menschliche Überleben in einer Welt garantieren, die sich einer mehr oder weniger bewussten Selbstzerstörung verschrieben hat.

Von Giorgio Agamben, am 17. September 2021 für Quodlibet.it

Mehr zum Thema:

Werbung

Folgen Sie uns auch auf Telegram, um weiter die aktuellen Meldungen von Wochenblick zu erhalten!

+++ WOCHENBLICK sagt NEIN zur BEZAHL-SCHRANKE +++
Information ist heute unverzichtbar wichtig. Der Wochenblick stellt deshalb ab sofort alle exklusiven Inhalte und Reportagen in voller Länge und ohne Zusatzkosten für seine Leser im Internet zur Verfügung. Während Mainstream-Medien verzweifelt um Abos werben, wollen wir nur eines: Ihnen ehrlich und rasch alle Informationen liefern, die Sie in dieser fordernden Zeit brauchen! Sichern Sie zusätzlich unser Print-Abo und unterstützen Sie uns: Die Wochenzeitung erscheint 48x jährlich!