Die meisten Länder mit geringen Impfquoten zwischen 0% und 10% verzeichnen im jeweiligen Beobachtungszeitraum sinkende Covid-Todeszahlen – es sind 60% oder mehr dieser Länder. Ähnlich ist es bei Ländern mit einer sehr geringen Impfquote zwischen 0% und 5%. Bei den Ländern mit höheren Impfquoten (größer 10%) verhält es sich andersherum. Dort überwiegen die Länder mit höheren Covid-Todeszahlen. Ist das logisch?

Ein Gastbeitrag von Thorsten Wiethölter

Innerhalb von bis zu 30 Tagen seit Impfbeginn ist durchaus kein nachweisbarer positiver Effekt der Impfungen zu erwarten. NICHT zu erwarten wäre aber, dass die Mehrzahl der Länder mit sehr geringen Impfquoten geringere Covid-Todeszahlen vermelden und die Mehrzahl der Länder mit höheren Impfquoten im Gegensatz dazu höhere Covid-Todeszahlen.

Mehr Covid-Tote in Ländern mit schnellem Impf-Fortschritt

Bereits im Februar ist aufgefallen, dass Länder mit schnellen Impfkampagnen tendenziell mehr Covid-Tote verzeichnen als Länder, die nicht oder langsamer impfen. Besonders sticht in diesem Zusammenhang Israel hervor.

Internationaler Vergleich der Impfraten und Covid-Toten

Natürlich ist klar, dass bei einem übergreifenden Vergleich der Länder auch andere Effekte in alle Entwicklungen hineinspielen. So kann beispielsweise die Saisonalität von Viruserkrankungen eine Rolle spielen sowie die bereits erreichte Höhe einer Herdenimmunität als auch viele weitere Faktoren. Daher wird in diesem Beitrag die Überlegung angestellt, wie möglichst viele andere Faktoren ausgeschlossen werden können und die Wirkung der Impfung möglichst isoliert betrachtet werden kann.

Darüber hinaus ist besonders zu beachten, dass die Länder in unterschiedlicher Geschwindigkeit impfen und auch zu unterschiedlichen Zeitpunkten mit den Impfungen begonnen haben. Um diese Punkte zu berücksichtigen, werden im Folgenden alle Länder ab dem Beginn der Impfungen im jeweiligen Land betrachtet. So ist ein besserer Vergleich eventueller Impfeffekte möglich. Alle theoretischen Effekte, die Einfluss auf die Entwicklung der Covid-Toten haben können, können dadurch natürlich nicht eliminiert werden, aber bestimmte zumindest reduziert.

Vor und nach der Impfung – ein Vergleich

Aufgrund unterschiedlicher Falldefinitionen in den Ländern und unterschiedlicher Erhebungsmethoden ist ein Vorher-Nachher-Vergleich innerhalb des jeweiligen Landes sinnvoller als ein länderübergreifender Vergleich.

Wo es möglich ist, wird daher in allen Ländern betrachtet, wie sich die Covid-Todeszahlen in den ersten 30 Tagen ab dem Beginn der Impfungen im Vergleich zu den 30 Tagen vor dem Beginn der Impfungen entwickelt haben. 30 Tage als Betrachtungszeitraum wurde gewählt, weil erstens viele Länder bisher noch nicht länger impfen und weil zweitens bei der Analyse die Schnelligkeit der Impfkampagne eine entscheidende Rolle spielt. Je länger der Betrachtungszeitraum, desto mehr werden sich die Impfquoten angleichen.

So wurde vorgegangen:

  • Alle Länder, für die bei Owid (Our World in Data) die notwendigen Daten zur Verfügung stehen, wurden in die Auswertung einbezogen. Das sind immerhin 178 Länder.
  • Länder, wie z. B. Gibraltar (das allerdings keine eigene Nation ist) mit einer der höchsten Impfraten und auch der höchsten Steigerung der Todeszahlen, wurden hier nicht betrachtet, weil die dafür notwendigen Gesamtdaten nicht in Owid enthalten sind.
  • Für alle Länder wurde analysiert, wie sich die Covid-Toten pro 1 Million Einwohner in den ersten 30 Tagen seit dem Beginn der Impfungen im Vergleich zu den letzten 30 Tagen vor dem Beginn der Impfungen verändert haben, also nicht die absoluten Sterberaten selbst, sondern inwiefern sie sich verringert oder erhöht haben oder gleich geblieben sind. Anmerkung: Bei Ländern, die keine Vorher-Nachher-Veränderung aufweisen, kann dies im Einzelfall auch bedeuten, dass sowohl während Impfperiode als auch vorher keine Covid-Toten vermeldet wurden.
  • Nicht alle Länder impfen schon seit 30 Tagen! In diesen Fällen wurde die Summe der bestehenden Impftage mit der gleichen Anzahl an Tagen vor den Impfungen verglichen. Um zu starke statistische Verzerrungen durch die Betrachtung zu kurzer Zeiträume zu vermeiden, wurden alle Länder, die bisher weniger als 14 Impftage gemeldet haben, wie Länder betrachtet, die noch gar nicht mit den Impfungen begonnen haben.
  • Bei Ländern, für die noch gar keine Impfungen verzeichnet sind, gibt es natürlich kein Datum des Impfbeginns. Der Median des Impfbeginns aller Länder ist der 01.02.2021. Für Länder ohne Impfungen wurde daher der Zeitraum von 30 Tagen ab dem 01.02.2021 dem Zeitraum von 30 Tagen vor dem 01.02.2021 gegenübergestellt. Dasselbe gilt für die Länder, die bisher weniger als 14 Impftage melden.
Our World in Data (gemeinfrei)

Mehr Covid-Tote als vor den Impfungen

Nur 10 Länder haben innerhalb der ersten 30 Tage mehr als 10 Impfdosen pro 100 Einwohner verabreicht. Bei der hier vorgenommenen Art der Betrachtung kann zwar statistisch kein valider Trend errechnet werden, es fällt allerdings besonders stark auf, dass die Mehrzahl dieser Länder seit den Impfungen mehr Covid-Tote vermelden als vor den Impfungen. Bei den Ländern mit einer Impfquote von mehr als 20 Dosen pro 100 Einwohner ist das Missverhältnis noch größer: Von sechs Ländern vermelden fünf mehr Covid-Tote als vor Impfbeginn und nur ein Land weniger Covid-Tote. Alle drei Länder, die mehr als 30 Dosen pro 100 Einwohner verabreicht haben, weisen höhere Covid-Todeszahlen auf. Es ist sehr auffällig, dass von allen Ländern, die eine Impfquote von 10 Impfdosen oder weniger pro 100 Einwohner haben, nur etwa 40% dieser Länder seit Beginn der Impfungen mehr Covid-Tote verzeichnen als im Zeitraum davor!

Vor Impfkampagnen: Keine höheren Todeszahlen

Bei den Ländern mit mehr als 10 Impfdosen pro 100 Einwohner verkehrt sich das Verhältnis ins Gegenteil! Falls der Eine oder Andere nun auf den Gedanken kommen will, dass der Grund dafür sein könnte, dass in Ländern mit mehr Covid-Infektionen (und damit Toten) sich der Impfdruck und damit die Impfgeschwindigkeit erhöht haben könnte und dies den Zusammenhang erklären könne, dem sei ganz klar gesagt: Nein!

Denn zum Zeitpunkt, als die Impfkampagnen geplant und die Verträge geschlossen wurden, konnte niemand im Entferntesten ahnen, wie die Lage sein wird, wenn die Impfungen tatsächlich beginnen. Es sind zwar nicht viele Länder mit einer Impfquote über 10%, es gibt dennoch keinen Grund dafür, dass nicht auch dort bei der Mehrzahl genauso sinkende Covid-Todeszahlen zu erwarten wären wie in Ländern mit geringen oder keinen Impfquoten.

Dieser Beitrag wurde in seiner ursprünglichen Version auf dem Coronakrise-Blog veröffentlicht. Wochenblick hat hier eine gekürzte Version publiziert.

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