Über Kunst lässt sich bekanntlich trefflich streiten. Ist doch der Geschmack, ob einem etwas gefällt oder nicht, immer ein sehr subjektiver. Zwar gibt es gewisse Kriterien, was denn nun ein Kunstwerk ausmacht, aber Spielraum bleibt, und vieles unterliegt auch dem zeitgenössischen Empfinden. Was sich jedoch nicht geändert hat, ist die Tatsache, dass sich die Mächtigen mit Künstlern schmücken und im Gegenzug die Künstler von diesen Arrangements profitieren.

Von Felix Nagel

Eine dieser – für Österreich eher überraschend anmutenden – Politiker-Künstler-Beziehungen war oder ist jene zwischen Hermann Nitsch und dem (ehemaligen) niederösterreichischen Landeshauptmann Erwin Pröll. 

Hermann Nitsch erregte in Österreich zuletzt weniger wegen seines Orgien-Mysterien-Theaters Aufmerksamkeit als vielmehr wegen eines Einbruchs in seinen Wohnsitz in Schloss Prinzendorf in Niederösterreich im Jahr 2014.

In dessen Folge kam es schließlich zu Ermittlungen und zu einer Verurteilung der Künstlergattin, die laut Anklage durch Schwarzverkäufe 190.000 Euro Umsatzsteuer und rund 770.000 Euro Einkommenssteuer umgangen hatte und dafür 2017 vom Schöffensenat in Korneuburg zu einer Geldstrafe von 290.000 Euro verurteilt wurde. 

Tierschützer protestieren

Im Mai des vorigen Jahres kam es in Italien zu Protesten gegen eine Nitsch-Ausstellung in Mantua. Selbst der damalige italienische Kulturminister Alberto Bonisoli kam nicht umhin, Bedenken über Hermann Nitschs Ausstellung „Katharsis“ im Palazzo Ducale anzumelden, den er nicht für den geeigneten Ort hielt, um eine solche Ausstellung abzuhalten. Auch stellte der Minister in den Raum,  ob die Ausstellung die Sensibilität von Tierschützern ausreichend respektiere.

Wer die Werke Nitschs kennt, dürfte neben der Frage nach dem Tierschutz auch jene nach der Verletzung von religiösen Gefühlen stellen, obwohl bei dieser in Europa ja mittlerweile die Antwort recht einseitig zu sein scheint.

Obwohl Nitsch mit Politik generell nichts zu tun haben möchte („Ich kann sie nicht abschaffen“, meinte er lakonisch 2017, „ich möchte mich davon dis­tanzieren“), fuhr er mit der Politik nicht schlecht. Vor allem mit dem ehemaligen niederösterreichischen Landeshauptmann Erwin Pröll.

Dieser sagte erst vor wenigen Tage über den Aktionskünstler: „Er ist ein kleiner Gott, und wenn man den lieben Gott trifft, merkt man sich das ein Leben lang. Und wenn es einen Nitsch noch nicht gäbe, müsste man ihn mit seinem Werk erschaffen.“ Deshalb wurde vermutlich auch ein Tempel für den „Gott“ in Mistelbach errichtet …

Steuergeld aus Niederösterreich

Dieser Tempel, das 2007 eröffnete Hermann-Nitsch-Museum, ist das größte monografische Museum Österreichs. Es kostete nur durch seine Errichtung das Land Niederösterreich und den Steuerzahler 3,24 Millionen Euro. Der Betrieb des Museums schlug von 2007 bis 2017 mit 1,81 Millionen zu Buche.

Für fast 230.000 Euro wurden Werke des Blut-Orgien-Meisters angekauft und mit knapp 85.000 Euro die Restaurierung von Schloss Prinzendorf, dessen Wohn- und Wirkungsstätte, gefördert. Kein Wunder also, dass der nicht unumstrittene Künstler das Lob des ehemaligen Landeshauptmanns zurückgibt: „Wenn ich ein Gott wäre, dann sitzt hier ein anderer Gott. Es ist ein Glücksgefühl, dass jemand mein Werk so versteht.“ 

Allerdings zog es Nitsch, der seine künstlerischen Anfänge im Wiener Aktionismus mit Adolf Frohner und Otto Muehl hatte – letzterer wurde Anfang der 1990er-Jahre rechtskräftig wegen Sittlichkeitsdelikten, Unzucht mit Minderjährigen bis hin zur Vergewaltigung, Verstößen gegen das Suchtgiftgesetz und Zeugenbeeinflussung verurteilt – alsbald nach Deutschland, da seinem Werk in Österreich offenbar nicht die erwünschte Anerkennung zuteil wurde.

Seit 1971 veranstaltete der Schüttkünstler seine Orgien-Mysterien-Spiele mit Blut und Tierkadavern im von ihm erworbenen Areal des Schlosses Prinzenstein in Niederösterreich. 1984 erhielt er den Österreichischen Kunstpreis, 2005 den Großen Österreichischen Staatspreis und 1995 durfte er seine Blut-Orgien und Kadaver-Eskapaden erstmals im Burg­theater aufführen – über zweieinhalb Jahre vor Otto Muehl, der erst nach seiner Haftentlassung im Februar 1998 eine Lesung in der Burg veranstalten durfte. 

Künstler des Establishments

Dabei war Nitsch aber auch prägend für eine kleine Anzahl anderer Gegenwartskünstler. So für den Aktionskünstler Christoph Schlingensief, der bei den Wiener Festwochen 2000 mit seinem Asyl-Container in Österreich einigermaßen Bekanntheit erlangte, sowie für die serbische Performance-Künstlerin Marina Abramovic.

Sie alle haben gemeinsam, dass sie im Establishment angekommen sind und daher von ihrer Kunst „leben“ können. Mit Preisen überhäuft und öffentlich als große Künstler gelobt, finden sie auch schnell Mäzene – und sei es aus der ungeliebten Politik – die durch Förderungen oder Ankäufe die Kasse füllen. Denn schließlich ist es auch eine Kunst, jemanden davon zu überzeugen, dafür zu zahlen …