Was wie ein harmloser Streit um vermutete Erdgasvorkommen in der Ägäis anmutet, könnte sich – wenn es nach dem türkischen Präsidenten Erdogan geht – zu einem handfesten Konflikt ausweiten. 

Der Umstand, dass die griechischen Inseln seit dessen Unabhängigkeit vom einstigen Osmanischen Reich bis direkt an die – früher über Jahrhunderte von Griechen besiedelte – Westküste seines Landes reicht, stört den türkischen Machthaber schon länger. Weil das westliche Nachbarland jetzt den Bereich seiner Hoheitsgewässer im nach Italien gerichteten Ionischen Meer um 6km erweitert, macht sich Erdogan jetzt nämlich Sorgen.

Rundumschlag von Erdogan und seinem Dunstkreis

Der einigermaßen autoritär herrschende türkische Präsident droht den Griechen daher schon jetzt bei einer ähnlichen Ausweitung in der – der Türkei zugewandten – Ägäis mit einem bewaffneten Konflikt. Sein von ihm ernannter Vizepräsident Fuat Oktay stellte klar: „Wenn das kein Kriegsgrund ist, was denn sonst?“ Für seine Gegenspieler auf der griechischen Seite zeugen solche Töne laut Krone hingegen von „Größenwahn“.

Aber auch Erdogan selbst wählte bewusst martialische Rhetorik. In seiner Rede zum Sonntag drohte er: „Wenn es ums Kämpfen geht, sind wir bereit, Märtyrer zu werden“. Dass seine Nachbarn aus demselben Holz geschnitzt seien, stellte er in Zweifel. Die Frage sei: „Sind diejenigen, die sich gegen uns im Mittelmeer auflehnen, zu den gleichen Opfern bereit?“

In diesem Zusammenhang unterstellte er sowohl den griechischen Politikern düstere Eigenschaften: „„Akzeptiert das griechische Volk das Risiko, in dem es wegen seiner geldgierigen und inkompetenten Anführer ist?“ Beinahe dieselben Worte verwendete er für die französische Staatsspitze, die unlängst Solidarität mit Griechenland bekundete – offenbar als ein Rundumschlag gegen alle, die nicht nach seiner Pfeife tanzen.

Mögliche Erdgasfelder als ewiger Spaltpilz

Bereits seit 25 Jahren sind mögliche Erdgasvorkommen in Gewässer, auf die sowohl die Türkei als auch Zypern und Griechenland einen Anspruch erheben könnten, ein Spaltpilz zwischen dem südosteuropäischen und dem westasiatischen Land. Je nach Interpretation fürchtet man in Ankara, dass die Ägäis zu einem „griechischen Meer“ werden könnte.

Der Hintergrund ist das Seerechtsübereinkommen der UNO. Staaten besitzen ein Recht auf eine exklusive Wirtschaftszone bis 200 Meilen vor der Küste oder zur Mittellinie zweier Küsten auf einem Kontinentalsockel. Nach türkischer Ansicht treffe dies auf griechische Inseln aber nicht zu, demnach gelte nur eine 12-Meilen-Hoheitszone. Übrigens: Im strittigen Bereich wurde bislang kein Erdgas gefunden, nur vor Israel und Ägypten.

Türkische Drohgebärden im Mittelmeer

Auch aus diesem Grund patrouillieren türkische Kriegsschiffe bereits seit längerer Zeit im Mittelmeer. Dabei reicht ihr Aktionsradius nur bis wenige Seemeilen vor griechische Inseln Hierfür schloss die Türkei unlängst ein Abkommen mit Libyen, diese verläuft nach Ansicht der Türkei nun nur wenige Meilen an der griechischen Insel Kreta vorbei.

Ein weiteres Konfliktgebiet befindet sich auf Zypern, wo sich Gasförderungslizenzen des EU-Staates und der Türkei überlappen. Grund hierfür ist, dass die Türkei den Nordteil der Insel seit 1974 als „Türkische Republik Nordzypern“ besetzt hält. Die internationale Gemeinschaft erkennt diesen Anspruch nicht völkerrechtlich an und insbesondere Griechenland pocht auf die Unteilbarkeit des kulturell nahestehenden Landes.