Im Zuge der 6. Jahrestagung der Migrations- und Integrationsforschung in Österreich wurde kürzlich eine alte Studie aus 2015 unter dem Motto „Crossing Borders“ (Grenzen überwinden) neu aufs Tapet gebracht. Die DiPAS-Studie (Displaced Persons in Austria Survey) soll auf Biegen und Brechen „mit der Annahme über die ungebildeten Flüchtlinge aufräumen“, wie die Studienautoren erklären. Doch die Ergebnisse lassen diesen Schluss nicht zu. Die Studie ist weder wissenschaftlich, noch repräsentativ.

Seitens der Studienautoren wird dabei der Qualitätsunterschied zwischen den nahöstlichen Bildungssystemen und dem österreichischen völlig außer Acht gelassen. Stattdessen sollen „Kompetenz-Checks“ des AMS ausreichend Abhilfe verschaffen. Die Äußerungen der Studienautoren zeugen von politischer Motivation. Die Studie solle mit der Annahme über die ungebildeten Flüchtlinge aufräumen.

Afghanen, Syrer und Iraker

Eine Studie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) präsentierte eine Bildungserhebung der 2015 ins Land geströmten Asylwerber. Das waren mehrheitlich Syrer, Afghanen und Iraker. Es waren knapp 90.000 Migranten, die 2015 einen Asylantrag stellten. Davon stammten 29% aus Afghanistan, 28% aus Syrien und 15% aus dem Irak. Je nach Herkunftsland zeigten sich deutliche Unterschiede. Laut Studienautorin Judith Kohlenberger treffen die Befunde auch auf jene Asylwerber zu, die in den Folgejahren nach Österreich kamen.

Große Niveauunterschiede in Bildungssystemen ignoriert

Die Ergebnisse zeigen, dass das syrische Bildungssystem von höherer Qualität ist, als das Afghanische. Mit dem österreichischen oder dem deutschen Bildungssystem können die Systeme in den islamischen Ländern freilich nicht mithalten. Selbst das syrische Bildungssystem hinkt dem mitteleuropäischen Standard um Jahre hinterher.
Abschlüsse aus Zweit- und Drittweltländern werden aufgrund der hohen qualitativen Unterschiede nicht anerkannt. Selbst innerhalb Europas sind die Qualitätsunterschiede so groß, dass die Abschlüsse aus osteuropäischen oder Balkan-Staaten meist keine Anerkennung finden. So sehen sich oftmals tatsächlich hochgebildete Osteuropäer in Österreich dazu gezwungen, im Gast- oder Taxigewerbe, ihr Einkommen zu verdienen.

AMS-Kompetenz-Checks sollen Studie absichern

Kohlenberger will durch ihr Studienergebnis die „weit verbreitete öffentliche Annahme“ widerlegt sehen, dass Asylwerber ungebildet oder Analphabeten seien. Dabei ignoriert die Studie die wesentlichen Niveauunterschiede der unterschiedlichen Bildungssysteme gänzlich.

Asylwerber begeben sich bekanntlich meist ohne Dokumente nach Österreich. Viele legen sich neue Identitäten zu und geben sich jünger aus, als sie tatsächlich sind. Daher war es für die Forscher schwierig zu überprüfen, welche Angaben zutreffend sind und welche nicht. Um die Richtigkeit der Angaben der Asylwerber zu überprüfen, führten die Integrationsforscher der Akademie der Wissenschaften in Zusammenarbeit mit dem AMS „Kompetenz-Checks“ durch.

… doch wie kompetent ist das AMS?

Die „Kompetenz-Checks“ ergaben, dass die eigenen Angaben der Asylwerber zu ihren Fähigkeiten teilweise abweichen. Dabei gelingt es dem AMS nicht, mit der zunehmenden Herausforderung arbeitsloser Akademiker umzugehen. Das Weiterbildungsangebot ist höchst umstritten und vermag es nicht, höher Gebildeten ausreichend Perspektiven zu bieten.

Das Kursprogramm des Arbeitsmarktservice orientiert sich am unteren Bildungssegment.
Ob das AMS die Kompetenz aufweist, um höhere Bildungsgrade zu ermitteln ist daher mehr als fragwürdig. Wieso stattdessen nicht etwa die Universität Wien zur qualitativen Überprüfung herangezogen wurde, lassen die Studienautoren ebenso wie die APA in ihrer scheinbaren Jubelmeldung, offen.

Ungebildete Afghanen

Das afghanische Schulsystem hat einen starken Fokus auf der Islamischen Bildung. Von der Grundschule an beschäftigen sich die Afghanen mit islamischer Grund- und später Weiterbildung. Der Zugang zu Bildung sei in Afghanistan besonders erschwert, gestehen die Studienautoren ein. Dieser Umstand steht dem höheren Akademikeranteil aus Syrien gegenüber.

15% Analphabeten

Die Studie zeigt trotz ihrer Absicht, mit der Annahme über ungebildete Asylwerber und deren vermeintlichen Analphabetismus aufzuräumen, dass der Bildungsgrad bei vielen Asylwerbern problematisch niedrig ist. 15% der Asylwerber aus den drei Hauptherkunftsländern haben keinerlei Schulbildung oder nur wenige Jahre in der Volksschule hinter sich. 15% der Asylwerber verfügten damit über nicht genügend Schulbildung, um ordentlich lesen und schreiben zu können, sind also Analphabeten. Bei den Afghanen schaut es noch schlechter aus: satte 46% haben in ihrem Heimatland keine Schule besucht.

Syrer „studieren“, um Wehrpflicht zu entgehen

27% der Syrer und 31% der Iraker sollen entsprechend der Studie über einen sekundären oder höheren (akademischen) Abschluss verfügen. In ihren Heimatländern könnten sie damit die Elite des Landes bilden. Dass die Abschlüsse für das Österreichische Bildungsniveau ausreichen, ist zu bezweifeln. Bei den Afghanen verfügen lediglich 10% über einen (afghanischen) höheren Abschluss. Insgesamt ergibt sich ein Schnitt aus 26% höher gebildeten Asylwerbern aus der Erhebung. Doch die männlichen Syrer hätten in „nicht unerheblichem Anteil“ angegeben, dass sie ihr Studium herauszögerten, um der syrischen Wehrpflicht zu entgehen.

Wunsch oder Wissenschaft?

Die Studienautoren schließen daraus, dass der Akademikeranteil „demnach noch etwas höher liegen“ würde. Wieder soll also auf Biegen und Brechen ein hoher Bildungsgrad der Asylwerber herauskommen. Auch dieser Aspekt zeigt: der Wunsch der Autoren und Asylwerber ist stärker der Vater des Gedankens, als wissenschaftliche Überlegungen. 

Ähnlich hoch gebildet wie Österreicher?

In der Conclusio kommen die Autoren rund um Judith Kohlenberger dann auch noch zu dem Schluss, dass „der Anteil der Hochgebildeten der Studie zufolge unter den befragten Geflüchteten ähnlich hoch wie in der gleichaltrigen österreichischen Bevölkerung“ sei. Außerdem würden die „Kompetenz-Checks“ des AMS zudem zeigen, dass die angegeben Qualifikationsniveaus weitgehend mit der von ihnen angegebenen Schul- und Berufsausbildung übereinstimmten. Kohlenberger verweist darüberhinaus noch auf den „relativ gut entwickelten“ syrischen Hochschulsektor. Dabei hinkt das syrische Bildungssystem beispielsweise dem Deutschen um Jahre hinterher.

Autorin stellt politische Forderungen

Abschließend plädiert Kohlenberger dafür, die „hohe Bildungsmotivation der Zugewanderten zu nutzen“. Die Abschlüsse der Asylwerber sollen – trotz evidenter Niveauunterschiede – nach den Vorstellungen der Autorin in Österreich anerkannt werden. Sie fordert von der Politik, dass die Abschlüsse „zeitnah nostrifiziert“ werden und Zuwanderern „vermehrt Zugang zu internationalen, englischsprachigen Studien“ gewährt werden soll. Darüberhinaus solle in Bezug auf das Erlernen der deutschen Sprache Nachsicht geboten sein, das könne eben „wegen der Fachsprache auch länger dauern“.