Glaubt man den Umfragen, so kann Sebastian Kurz momentan sehr wenig falsch machen – die Herzen fliegen ihm einfach zu. Auch sonst befinden sich Regierende europaweit auf einem Stimmungs-Hoch. Aber diese Dynamik ist auch gefährlich.

Tagebuch-Eintrag von Alfons Kluibenschädl

Seit gestern habe ich dauernd denselben Ohrwurm, es ist ein mittlerweile 29 Jahre altes Lied der deutschen Synthie-Pop-Truppe Wolfsheim. Vielleicht bleibt es auch deshalb so im Kopf, weil es das Gefühl des Ist-Zustandes so gut einfängt: Denn es kritisiert subtil den Willen der Menschen, einer höheren Macht oder selbsterklärten Führer-Persönlichkeiten hörig zu sein. Und wer Kurz & Co. kritisiert, lebt heute auch schon gefährlich. Und wer auf Kritiker wartet, die kritisieren, der wartet wohl weitestgehend „immer noch“.

„Was erlauben diese (Zw)Eifler? Habe fertig!“

Diese Sorge kann man zumindest bekommen, wenn man sich die unglaubliche Geschichte des Arztes Peer Eifler aus dem Ausseerland besieht. Dieser zweifelte öffentlich an dem Ausmaß der Gefahr durch das Coronavirus und beanstandete die einschneidenden Maßnahmen der Regierung. Was normalerweise in die weitreichende akademische Freiheit fällt, beschäftigt nun das Tribunal der Ärztekammer, die aufgrund der Aussagen seine Eignung für den Arztberuf prüfen will. Kein Witz.

Aber so weit muss man bekanntlich gar nicht gehen. Denn wer auch immer die Weisheit der Regierung hinterfragt oder gar versehentlich missachtet, gilt als „Lebensgefährder“. Und nicht einmal so weit muss es gehen: So manche Menschen, welche hinterfragen, wie lange die Wirtschaft das noch aushält, bekommen bereits im täglichen Gespräch den unsichtbaren Stempel, sie wären quasi fahrlässige Querulanten oder Gierschlünde.

Regierungs-Lautsprecher leisten ganze Arbeit

Denn dieses Wechselspiel aus Zuckerbrot und Peitsche vonseiten des Kanzlers funktioniert unheimlich gut. Denn aktuellen Umfragen zufolge steht seine Partei zwischen 46 und 48 Prozent – Werte, welche die Volkspartei in über 50 Jahren nicht mehr hatte. Böse Zungen würden nun munkeln, dass das einzige, was Kurz von einer baldigen Neuwahl abhält, wohl der Umstand ist, dass er dafür im gegenwärtigen Nationalrat kaum eine Mehrheit kriegt.

Verwundern tut dies freilich kaum. Denn die Mainstream-Medien fungieren seit Wochen als Lautsprecher der türkis-grünen Message-Control. Neben Krone, Österreich & Co. ist auch der ORF kein Hort der Regierungskritik mehr, nun wo die „richtigen“ Akteure dort sitzen. Erstere bekommen Millionen an Sonderförderung als Dank und der öffentlich-rechtliche Rundfunk durfte an mancher Pressekonferenz als einziger hinein und zudem Torwächter für kritische Fragen anderer Medien spielen.

Ein närrischer Frühling freut türkis-grüne Herzen

Nicht, dass es kritische Medien im Mainstream derzeit wirklich gäbe, welche Fiktion und Realität zu trennen wüssten. Lobte ich kürzlich noch den Standard dafür, es zumindest zu probieren und einige Dinge mehrere Tage nach dem Wochenblick zu berichten, hat man auch dort auf ein anderes Ross umgesattelt. Nur, dass diesmal halt nicht Kurz der oberste unfehlbare Krisenmanager ist, sondern halt sein grüner Gesundheitsminister als goldener Reiter, vulgo ‚Rudi der Starke‘, gilt. Das U steht, wie man sieht, nicht nur bei Krone & Österreich, sondern auch beim Standard für Unabhängigkeit.

Und so blättere ich in Resignation nochmal gute zwei Jahrhunderte zurück und erinnere mich des anderen schriflilchen Werks mit den Spatzen und den Nachtigallen. Denn dieser Zirkus, wie gut wir es mit unserer neuen Regierung doch hätten – und wehe die bösen, vermeintlich voreiligen blauen Corona-Alarmisten säßen dort – ist vollkommen: Angst und Propaganda sind wie glühende Nelken und stechende Disteln. Oder frei nach Joseph von Eichendorff: „fehlte auch nur eins von allen, ’s wär‘ eben der närrische Frühling nicht.“

Verrückter ist’s nur bei den Nachbarn

Das gesagt habend: Ein klein bisschen froh bin ich dann doch über unsere Regierung. Und zwar beim Blick über den Corona-Grenzzaun. So packt in Frankreich der liberale Staatschef die Kriegsmetaphern aus. Und in Deutschland hat man die üblichen Prioritäten. In Ermangelung böser Rechter spricht man sich dort mittlerweile nämlich selbst dann gegen „rechte Gewalt“ aus, wenn linksextreme Antifa-Chaoten sich per ‚Friendly Fire‘ an SPD-Büros austoben. Überall Faschisten – zur Not erfindet man sie halt immer dreister.

Und natürlich, man vergesse es nicht: Die „wir schaffen das“-Moral wird ausgepackt. Denn während der Bayer tunlichst keine Freunde in Österreich besuchen darf, fliegt man soeben mal kleine Mädchen von den griechischen Insel ein, die dann als männliche Jugendliche aussteigen. Wer das kritisiert, kriegt eine vom Bild-Redakteur drüber, der einst eine gar unkritische Biographie über Kurz schrieb. Und da schließt sich dann irgendwo der Kreis.

Die Wahrheit wird dennoch am längsten währen

Hoffnung bietet alleine, dass Mitnahmeeffekte in Krisen immer erst im letzten Drittel passieren. Und zwar dann, wenn offensichtlich wird, dass in diesen eitlen Tagen der unkritischen Propaganda die Wahrheit mitunter zu kurz kam. Aber das angenehmen ist: Man kann die Menschen nicht auf ewig verscheißern. Und somit: Kommt Kurz nicht zur Wahrheit, kommt eben die Wahrheit irgendwann auch zu Kurz. Und dann war’s das auch vielleicht mit seinem Traum von der Absoluten.

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