Österreich und die Bundesrepublik Deutschland trennt so manches – aber es eint sie auch viel. Beiderseits des Inn spricht man nämlich nicht nur die gleiche Sprache, sondern hat sich auch dieselben quasi gottähnlichen Spitzenpolitiker erwählt. So lautet zumindest der mediale Tenor. 

Tagebuch-Eintrag von Alfons Kluibenschädl

Da, ich hab’s getan – ich bin über meinen Schatten gesprungen und habe den Amtstitel korrekt gegendert. Das heißt, sofern es im Wildwuchs der 61, 80 oder 247 Geschlechter überhaupt eine korrekte Sprache gibt. Aber so unklar wie die Sprachregelungen vonseiten diverser Gender-Professoren ausfallen, desto einheitlicher fallen jene der Kommunikation der Regierungsmaßnahmen in den Mainstream-Medien aus.

Merkel-Deutschland ist schönes Land…

Ja, ich weiß, das ist eine alte Leier. Werter Leser, genauso wie Sie kann ich mich kaum an meine ersten Einträge, die noch ohne diesen Aufhänger auskamen, erinnern. Daher habe ich mir etwas neues für Sie einfallen lassen, um mein Hausthema in diesem ewigen Hamsterrad spannend zu halten: Heute fokussiere ich mich auf den Blätterwald in jenem Entwicklungsland, in dem dieser Artikel bei Dorfkindern drei Stunden zum Laden braucht.

Dieses Land wird seit anderthalb Jahrzehnten regiert von einer unantastbaren Kanzlerin, deren Macht so weit geht, dass sie die Rückgängigmachung von Wahlen bezwecken kann. Und auch wenn ihre Losung „Wir schaffen das“ Millionen von Arabern und Afrikanern ins Sozialsystem geschleust hat, handelt es sich dabei nicht um den Kongo oder gar Ruanda, sondern um Merkel-Deutschland. Dort hat die Sonnenkanzlerin gerade den Zenit erreicht.

Medialer Denkmalbau: Klotzen statt kleckern

Man hat ihr nämlich ein Denkmal gebaut. Kein mickriges Reiterstandbild auf einem Brunnen, um den man vor den Ausgangsbeschränkungen ohnehin nur lästige Bilder von Rentnern sah, die dort das Dosenpfand für die Hinterlassenschaften der Sandler vom Vortag einsammelten. Nein, es ist ein richtiges, ein weltweites, ein großmediales Denkmal. Denn wie die Welt aus den USA zu berichten weiß: „Sie ist perfekt“.

Ja, das hat dort wirklich ein linksliberaler Kolumnist geschrieben und schlägt sie ironisch als Vizepräsidentin für den demokratischen Herausforderer Joe Biden vor. Und deutsche Medien können gar nicht anders, als dieses Lob zu reproduzieren. Denn damit können sie gleichzeitig auf den bösen Donald Trump eindreschen (Orange Man bad) – und selbst Hofberichte austeilen. Immerhin kam ja auch kürzlich aus Italien „überraschendes Lob“…

Ein jäher Lärm reißt aus dem himmlischen Traume

Wenn ich mir angesichts solcher Jubelarien diese Kanzlerin vorstelle, träume ich immer von einer grazilen Göttin, deren samtener Kleidsaum elegant am Boden entlang schwingt. Eine royale, unfehlbare Aura umhüllt sie, im gleißenden Licht fällt dieser einzelne Tropfen unfassbar reiner Schönheit herab und weint sich als Freudenträne aus meinem Antlitz. Die Troubadoure spielen ein sanftes Cover von „Oh, wie ist das schön“. Es ist pures Glück, welches man fühlt, wenn man ihr schielen und lauschen darf!

Und dann kommt der Paukenschlag und ich wache auf und sehe – Merkel. Eine aalglatte Pragmatikerin, die sich seit über zehn Jahren mehr schlecht als recht durch die vierte große Krise wurstelt – und trotzdem fest im Sattel sitzt. Denn die einzige Partei, welche dies seit Anfang an ordentlich kritisiert – sie kommt im medialen Coronataumel einfach nicht vor. Die größte und de facto einzige Oppositionspartei – die auch als erste konkrete Maßnahmen forderte – wird totgeschwiegen. Außer sie zerfleischt sich gerade selbst.

Die Sonnenkanzlerin und die kleinen Brüder

Angesichts solcher Einseitigkeit kommt man dem Bild der durch kniehohes Gras reitenden Kanzlerin natürlich immer näher. Und obwohl dieses Darstellung eher auf die dynastischen Kommunisten in Nordkorea zutrifft, ist Merkel in Deutschland ebenso unausweichlich wie dauerhaft geworden. Zur Einordnung: Viele Jugendliche, die noch kürzlich fürs Klima hüpften, waren noch Säuglinge, als eine andere Person die Regierungsgeschicke leitete.

Bei so viel Pomp haben wir Alpenbewohner wieder einmal den Kürzeren gezogen und sind einfach wieder einmal nur der kleine Bruder. Schon der Nachname unseres Messias zeigt, wie sehr wir dem nachstehen. Und so ist es natürlich auch irgendwo klar, dass in Bayern abseits der Wiesn-Absage der starke Mann im Maximilaneum natürlich auf Kurz schielt. Während er drüben in Merkels Schatten steht, reicht es hierzulande aufgrund ähnlicher Dynamik immer noch für die Attribute: „bayerisch, streng – und plötzlich Staatsmann.“

Alte Gut-Böse-Schemata bleiben aufrecht

Aber zurück zur eigentlichen Crux mit dem medialen Komplex – denn es gibt auch Negativbeispiele. Und das sind immer die, welche immer schon die Buhmänner der etablierten Mainstream-Presse waren. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob sie nun wie Johnson, Trump oder Bolsonaro vorsichtig oder wie Orbán bestimmt und kompromisslos agierten. Irgendeinen Fehler kreideten sie immer an, den man anderswo nachsieht.

Denn etwa die Stimmen, die das linke Vorzeigeland Schweden für seinen lange laschen Zugang kritisierten, waren auch eher überschaubar. Im Gegenteil, man rezipierte den Ansatz der Herdenimmunität dort als „interessant“. Fast könnte man meinen, es kommt auch in der Krise nicht an, was man sagt – sondern wer es sagt. Die Guten sind Linke oder globalistisch vernetzte Scheinkonservative. Die Bösen sind immer „die Rechten“.

Als Patriot besinnt sich’s leichter

Als Patriot hat man sich aber schon längstens gewöhnt, grundsätzlich die Wiedergeburt des Leibhaftigen darzustellen. Entsprechend lebt man in diesen Tagen jenes gemütliche, weil gewohnte Leben, das sich andere zurücksehnen. Für dieses sind sie freilich auch bereit, den eigentlich logischen Etappensieg der nationalstaatlichen Realität über die Utopie des globalen Dorfes zu leugnen und gaukeln einen deutungsleeren Raum vor, für den ausgerechnet die verhassten „Konservativen“ ihnen die Türen aufhalten müssen.

Ich habe dieses schizophrene Problem, eigentlich in linker Tradition den neuen Menschen erschaffen zu müssen und als „geringerem Übel“ den Kanzlern der Mitte zujubeln zu müssen, also nicht. Ich kann gemütlich meine proverbiale „rückständige“ Lederhosen tragen und mich zuhaus‘ wie jeder anständige Heimatfreund dem fürsorglichen und auch sanften, aber bestimmten Regiment der Herzallerliebsten fügen. Und bei den Menschen, die einem wichtig sind, bezieht man die Kraft, nicht bei der täglichen Pressekonferenz. Denn wie’s so schön heißt: „Passt’s dahoam, passt’s in der Welt.“