Eines hat sich auch in die Krise nicht geändert: in vielen Familien ist eine neue Tatort-Folge am Sonntag ein so sicherer Fixpunkt wie das Amen im Gebet. Wer sich das gestrige Machwerk verinnerlichte, durfte sich über plumpe Propaganda als inszeniertes Spektakel freuen. 

Tagebuch-Eintrag von Alfons Kluibenschädl

Vor lauter Ausgangsbeschränkungen, vermeintlich geschlossenen Grenzen und nationalen Schulterschlüssen hätten wir es beinahe vergessen: Der Feind steht rechts. Und wie jeder aufmerksame Zuseher wusste: Der letzte Tatort über „böse Rechte“ ist schon Monate her. Also höchste Zeit, den deutschsprachigen Raum wieder einmal auf das herbei fantasierte größte Virus einzuschwören: Den übel grassierenden Rechtsextremismus.

Tatort-Persiflage der Vorlagen ohne Einfallsreichtum

Ob der Durst nach solchen Erzählungen an der Politik liegt – die sich auch in Coronazeiten am meisten vor „rechter Gewalt“ fürchtet – oder an der blühenden Fantasie staatlich alimentierter, linksradikaler Stiftungen, bei denen schon Zöpfe völkisches Gedankengut andeuten, weiß niemand. Aber der Einfallsreichtum der NDR-Drehbuchschreiber dürfte allenfalls zu wünschen übrig lassen. An der Uni Göttingen ist nämlich gerade so etwas wie das Vierte Reich ausgebrochen. Schuld ist neben einer konservativen Professorin auch eine aktivistische rechte Jugendgruppe.

Aus deren Mitte stammt das Mordopfer, Marie Jäger. Sie beschützt die nicht nur in der Sexualität der AfD-Fraktionschefin Alice Weidel nachempfundenen künftigen Verfassungsrichterin vor einem linksextremen Farbanschlag, sondern hatte auch eine Affäre mit ihr. Modell standen für Maries Vlog „National feminin“ wohl neurechte Frauenrechts-Gruppen wie 120db, Lukreta oder auch der ehemalige Blog „Radikal feminin“. Bei vermeintlich erfundenen Wutbürger-Twitternamen erwischte man sogar teils echte Nutzerkonten…

Fiktiv-satirische Gustostückerl aus dem Paulanergarten

Die „Junge Bewegung“ ist den Identitären so einfallslos und farblos nachempfunden, dass es himmelschreiend ist. Abgesehen von einer mit Paint schlecht fabrizierten Collage aus dem Lambda und einem germanischen Valknut als Logo stimmen sogar Schriftarten auf deren Material teilweise überein. Ganze Slogans von „Wehr dich, es ist dein Land“ über „Komm in die Bewegung“ bis zu „Wir sind die Jugend ohne Migrationshintergrund“ sind Kopien. Aus dem „großen Austausch“ wurde dafür die „große Ersetzung“ – wie geistreich!

Klotzen statt kleckern war Devise. Mit einer Stilsicherheit, die man nur in Satire-Formaten vermuten konnte, streckt einer Protagonisten der schwarzen Ermittlerin sein Leiberl mit der Aufschrift „#Remigration“ ins Gesicht. In einem späteren Einzel-Verhör zischt er ihr überhaupt entgegen: „Hau ab! Afrika braucht dich!“ Es ist eine überspitzt stereotype Bemerkung, die nur mehr vom Volksschulkind der Kollegin übertroffen wird. Denn dieses vergewissert sich bei der Mutter: „Diese Faschos, die kriegt Ihr doch in den Griff, oder?“

Spoiler-Alarm: Keine große Überraschung beim Mörder

Ich habe mir lange überlegt, ob ich die Auflösung spoilern soll oder nicht. Andererseits ist sie so offensichtlich, dass es wohl niemandem den Spannungsbogen raubt. Als Mörder kommt natürlich nur „immer der Rechte“ infrage, wie die Junge Freiheit feststellte. Zwar sind Migranten für die Hälfte aller Frauenmorde verantwortlich. Aber die Straßenseite wechselt man halt doch eher aus Angst vor rabiaten Rechtspopulisten, ist doch klar…

Täter ist freilich jener Harry-Potter-Verschnitt, der Martin Sellner darstellen soll. Er stalkte in der TV-Version nämlich die spätere Tote, während seine Verlobte schwanger zuhause saß. Nachdem die bisexuelle Aktivistin sich in einen „stramm linken“ Vlogger verschaute, schlitzt er ihr im Wald einfach die Kehle durch, um nicht aufzufliegen. Und, egal wie man zu Sellner steht: Lebende Personen durch fiktive Umschrift zum Hallodri, Stalker und Mörder machen – dieses starke Stück verstörte dann sogar ein Mitglied der ÖVP-Jugend.

Dutzende unterschwellige Framing-Versuche später…

Dazwischen bleiben natürlich einige andere Kuriositäten: Die größte Sorge der Ermittler, als Maries linker Neo-Lover zwischendrin auf „Felix Raue“ einsticht, ist nämlich, dass Fotos der Presse diesen zum „Märtyrer“ machen könnten. Zum solchen wird dafür der erwähnte linksradikale verhinderte Farbbeutel-Attentäter, dieser wird vom Polizeiauto angefahren, landet im Koma und verstirbt. Allerdings nicht bevor sein Vater die schwarze Kommissarin im Krankenhaus schüttelt und sie als „dummes Bullenschwein“ bezeichnet.

Dass diese zur Heldin des Streifens gerät, ist so geschenkt wie das „Hackchat“-Passwort, das zur Aufdeckung des Falles führt. Zu diesem Zeitpunkt hat man die beiden Ermittlerinnen übrigens aufgrund der überbordenden Unfähigkeit schon vom Fall abgezogen. Unterschwellig bekommt also die Polizei, die auch Chatnachrichten ausdruckt (!) und bei Hausdurchsuchungen zwischen Frauenklamotten wühlt, auch ihr Fett weg. „Hass im Kopf“ trifft also auf „Kottan ermittelt“ – bloß im modernen Anstrich.

Ästhetische Wiedergeburt und ausbleibende Erziehung

Aber es gibt auch gewisse Lichtblicke: Denn bei allem plumpen Verriss samt blutleerer Kopie schafft es der „Tatort“, den Aktivisten eine gewisse Coolness anzudichten. Als das Banner für die tote Marie just während der Pressekonferenz (auf der Treppe, wo sonst) vom Gebäude gehängt wird, mag sich so mancher denken: „Jugendlich und provokant – genau so einen Aktionismus braucht’s auch mal von rechter Seite“. Was mindestens seit einem Jahr als unberührbar ‚widerlich‘ galt, bekam eine kurze ästhetische Wiedergeburt.

Und dort setzt auch die Kritik so mancher linker Kommentatoren ein. Sie bemängeln, dass die Karikatur die Truppe nicht genug einzuordnen vermag. Die Fragen, welche die NDR-Verdrehung offenlässt, sind andere. Etwa, worin die konservativen Ansichten der Richterin angeblich „rechtsradikal“ wären. Oder auch, ob das „kantige“ Bild der rechten Studenten nicht wirklich eine Renaissance derartiger Gruppen einleiten könnte. Jene, die echte Erziehungsaspekte über die „Gefahr von rechts“ erwarteten, wurden dafür enttäuscht.

Ironische Kreativität und Herrschaft des Spektakels

Noch etwas hat der „Tatort“ vermocht. Denn der ungewollt satirische Aspekt der Folge war so deutlich, dass die Macher den Beschimpften schon vorab ein Geschenk auf dem Silbertablett bereiteten. Findige junge Rechte sicherten sich Twitter-Handles der „Jungen Bewegung“ samt Figuren. In herrlicher Selbstironie ließen sie ihrer Kreativät freien Lauf. Es bewahrheitete sich die strategische Weisheit: Wo Fakten nichts mehr ausrichten, erobert wenigstens Humor ein wenig den vor-politischen Raum.

Allerdings nur ein wenig, denn es zeigt sich auch die Herrschaft des Spektakels in Reinform. Wie ein rechter Publizist richtig feststellt: „Der Durchschnittszuschauer wird davon nicht ‚indoktriniert‘, sondern einfach nur unterhalten.“ Und am Ende betrieben gerade die über allen guten Geschmack Verzerrten wahrscheinlich die beste Werbung für das Machwerk. Das gibt Narrativen, von denen man vorab wusste, dass sie so feindlich wie lachhaft sind, eine Plattform, die sie eigentlich nicht verdienen.

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