Gestern war es so weit: Ich musste, erstmals nach sechs Wochen, zu physischer Besprechung ins 80 Kilometer entfernte Linz fahren. Normalerweise ein ganz alltäglicher Trip – der mit den Maßnahmen der Regierung inzwischen aber einen besonderen Beigeschmack bekommt.

Tagebuch-Eintrag von Alfons Kluibenschädl

Auf der einen Seite merkt man, dass die schlimmsten Einschränkungen langsam wieder weichen – Läden sperren wieder auf, eine Marschroute für die weitere Öffnung ist bekannt. Auch die Herzallerliebste muss wieder häufiger auch höchstpersönlich auf der Arbeit erscheinen. Aber das, was die „neue Normalität“ von der wirklichen „normalen Normalität“ noch unterscheidet, lässt sich gerade aus der „Provinz“ im Innviertel leicht feststellen – gerade bei vermeintlich gemütlichen Regionalzug-Fahrten.

Nebel-Genuss in fast leeren Zügen

Ich steige am gestrigen Morgen also in den Zug, der anstatt mit vier Waggons als Einzel-Triebwagen ausrückt. Sofort läuft mir dank der Maske trotz Anti-Nebel-Sprays meine Brille an, ich übersehe eine Treppe im Zug und knöchle zu ersten Mal um. Einen feinen Sitzplatz zu finden fällt hingegen leicht, denn bis Neumarkt-Kallham, wo drei weitere Personen zusteigen, sind wir gerade einmal zu fünft. Als ich aus journalistischem Interesse nachzähle, falle ich über dieselbe Treppe – manche lernen es wohl nie.

Passagierin Nummer acht ist eine ältere, sympathisch aussehende Dame, die wiederum erstmal ein wenig auf die Vorschriften pfeift. Ihre Maske trägt sie beim Einstieg, allerdings um den Hals. Irgendwo in Wien, wo man fürs Vokabellernen auf der Bank schon saftige Bußgelder kassiert, hätte sich längst ein Blockwart berufen gefühlt. Im ländlicheren Teil Oberösterreichs ist das egal, weil die ominösen 20 Quadratmeter hat jeder dreimal für sich, wenn’s reicht. Bis dahin schwitze ich trotz trüber Witterung wie beim Saunabesuch.

Odyssee kreuz und quer durchs Bundesland

Diese Szene – in Linz sind wir ein geschlagenes Dutzend Fahrgäste – sollte aber nicht die kurioseste sein, die mich an diesem Tag als leidenschaftlicher Öffi-Pendler ereilen sollte. Denn als ich mich auf die Rückfahrt machen wollte, stellte ich fest, dass mein üblicher Direktzug nicht stattfindet. Da ich früher als üblich fertig war, entschied ich mich, sogar den früheren Zug zu nehmen. Und machte die Rechnung ohne Wirt.

Denn der Anschluss-Zug ab Neumarkt fand schlicht und ergreifend nicht statt – die Ausdünnung des Angebots ist Grund dafür. Während sich normale Leute jetzt wieder in ihr Büro zurückziehen würden, entschied ich als Zug-affiner Journalist, die Odyssee, die manche Mitmenschen wohl seit Wochen miterleben, nachzuempfinden. Also fahre ich über Schärding gen Ried. Reisezeit: zwei Stunden und drei Minuten, absolut alltagstauglich.

Alleine auf weiter Flur – und trotzdem Maskenpflicht

Während der erste Zug dabei annehmbar gefüllt war, sah es im zweiten ganz anders aus. Über weite Strecken teilten wir uns den Zug zu zweit, jeder hatte ein Abteil für sich. Aber ganz selbstverständlich gilt auch hier die Maskenpflicht, auch wenn weit und breit kein Mensch sitzt, an dem menschlich eine Ansteckung geschehen könnte. Den Nebel an der Brille habe ich wiederum mittlerweile halbwegs in den Griff bekommen.

Fehlen darf an der ganzen Szenerie natürlich nicht, dass immer und überall eine Ansage oder Anzeige parat steht, die an die Maskenpflicht erinnert. Aber es könnte schlimmer sein, denn zwischen den Zügen erhasche ich einen Blick auf den Ersatzfahrplan. Dieser weist aus, dass am ganzen Tag fünf Züge diese Strecke fahren. Zwischen halb fünf in der Früh und ein Uhr Mittag klafft dort eine Lücke.

Fahrplan für die „normale“ Zeit danach

Und das führt mich auf einen anderen Punkt zurück, der mich seit Wochen nicht loslässt. Nämlich den Teil, dass die Grünen ernsthaft überlegen, die Corona-Hilfen nur an solche Betriebe auszuzahlen, die ihnen ökologisch genug sind. Was das in einer Region heißt, in der die ÖBB allfälligen Pendlern in systemrelevanten Branchen die einzige brauchbare Verbindung kappen, brauche ich wohl nicht auszuführen.

Aber die gestrigen Erlebnisse hatten auch ein versöhnliches Ende, denn beim Ausstieg traf ich auf einen Bahnwärter, der mich frohen Mutes ins kurzes Gespräch verwickelte, als er sah, wie entnervt ich meine Maske abnahm. Er ließ mich auch wissen, dass ab 11. Mai wieder der normale Fahrplan ansteht. Schwitzen und Blindflug sind zwar auch dann Teil der „neuen Normalität“, aber man muss ja auch die positiven Seiten sehen, ehe ich am Heimweg völlig erschöpft noch ein drittes Mal umknicke.

Kein Umdenken in der „neuen Normalität“

Diese „neue Normalität“ dürfte allerdings kein wirkliches Umdenken bereithalten. Denn schon jetzt scharren die „üblichen Verdächtigen“ in den Startlöchern. Linksgerichtete Journalisten gaukeln deutungsleere Räume vor und wollen die Zeit nach der Krise genau falsch herum „ändern“. Sie loben den Einsatz von Migranten und vergessen auf den Traditionsmetzger, der ebenfalls den ganzen Tag mit der Maske verkaufen muss. Systemrelevante Arbeit erster und zweiter Klasse eben…

Und auch die Rückkehr des Konsums hat seine Tücken. Seit voriger Woche sah man die Leute, die wahlweise in der Autokolonne vor dem Durchfahrschalter einer US-Schnellkost-Kette standen oder fußläufig am Dönerstand. Die „neue Normalität“ unterscheidet sich dort kaum von der alten. Nur der Dorfwirten, der muss noch zwei Wochen geschlossen halten. Aber man muss auch das Positive sehen: Das Feierabendbier darf man dort dann immerhin mit drei Freunden und auf Reservierung genießen. Prost und Mahlzeit!