Seit zehn Tage stehen weite Teile des Lebens in Österreich still, in manchen Orten sind die Straßen menschenleer. Während sich die Österreicher kaum mehr aus den eigenen vier Wänden trauen, bewegt das Innenministerium plötzlich Asylanten quer durchs Land…

Tagebucheintrag von Alfons Kluibenschädl

Wie sehr Not derzeit erfinderisch macht, zeigte eine Episode am gestrigen Mittwoch. Auf einem 120 mal 80 Centimenter großen Esstisch türmen sich Utensilien, welche die Herzallerliebste und meine Wenigkeit fürs Home Office brauchen. Sitzordnung natürlich säuberlich im rechten Winkel, sodass niemand Betriebsgeheimnisse des jeweils anderen ausspionieren kann. Und während die Weiblichkeit gerade ein Meeting über Zoom abhalten darf, schreibe ich unter düsteren Klängen aus dem Kopfhörer an einem Artikel.

Überall Berichte über allerlei Neuankömmlinge…

Fast ebenso dicht aneinander dürften jene fünfzehn Asylwerber, die am Montag im malerischen Wildon in der Südsteiermark ankamen, im Taxi gesessen sein. Dasselbe kann wohl für jene 40 Neuankömmlinge gelten, die am selben Tag mit einem Bus nach Ossiach gekarrt wurden. Und nur, weil eine 450 Insassen fassende Halle in Leoben jetzt nur mehr Platz für 150 Asylanten schaffen soll, darf man davon ausgehen, dass der Sicherheits-Abstand von einem Meter nur auf dem Papier existieren wird. Ein von Steyr nach Linz verlegtes Roma-Lager ist da sowieso nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Ja, Sie lasen richtig: Während Gottkanzler Kurz uns weismacht, man nehme keine neuen Migranten auf und sein Innenminister Nehammer den alle Grenzen schließenden Scharfmacher mimt, füllen sich plötzlich längst verlassene Asylheime erneut. Angeblich sind das nur interne Umverteilungen. Aber auch das wirft Fragen auf, gerade für mich als gebürtigen Tiroler. Einige meiner Freunde können dort derzeit den eigenen Partner nicht sehen, weil dieser in einem anderen Ort wohnt. Migranten werden dafür quer durch die Prärie verschoben wie Bauern übers Schachbrett.

Migranten außer Landes bringen – nicht hereinholen

Man könnte hier einige Fragen stellen. So wäre ein nationaler Notstand ja auch tauglich, längst abgelehnte Asylwerber mit Verweis auf ihre eigene Sicherheit außer Landes zu bringen. Die AUA würde sich vielleicht auch freuen, müsste noch nicht alle Piloten in Kurzarbeit schicken. Aber der Umstand, dass Europa das Seuchengebiet, das Epizentrum der Corona-Pandemie ist, hat sich offenbar noch nicht weit genug herumgesprochen – Grüne und NEOS fordern ja weiter die Ansiedelung Hunderter aus griechischen Lagern…

Ein mindestens ebensogroßes ‚Geschmäckle‘ bietet der – möglicherweise zufällige – Umstand, dass ein schwarzer Innenminister bislang nur an Gemeinden mit rotem oder blauen Bürgermeister überstellte. Egal ob Wildon, Ossiach, Leoben oder Spital – jene Telefone, die heiß laufen, sind immer die der Gemeinde. Und in einer Zeit, wo einen die Polizei schon ermahnt, wenn man in systemrelevanten Branchen im Dienstauto keinen Meter Abstand zum Arbeitskollegen hält, entlädt sich dort eher Zorn als im fernen Wien. Zumal Demonstranten gegen die Lage ohnehin mit saftigen Geldstrafen rechnen müssten.

Leere Straßen und debattierende Rentner

Sei es darum, zumindest die Österreicher halten sich teils penibel genau an Maßnahmen, welche die Regierung in ihren täglichen PR-Gebetsmühlen-Konferenzen besingt. Bereits letzte Woche war ich zu journalistischer Recherche im Auto unterwegs und stellte fest – die Landstraßen im autoverliebten Innviertel waren leer wie eine Kartbahn im Regen. Dafür kamen einem im Drei-Minuten-Abstand Sattelschlepper einer Supermarkt-Kette entgegen, um Versorgungsengpässe jenseits des Klopapiers zu verhindern.

Manchmal freilich treibt die Hörigkeit der Österreicher an ihre Obrigkeit auch sonderbare Stilblüten. Am Rieder Hauptplatz, keine 100 Meter von einem abgesperrten zwei mal zwei Meter großen Spielplatz entfernt, unterhielten sich kürzlich zwei befreundete Rentner über die Situation. Lautstark schalten sie einander darüber, dass es gerade für alte Menschen jetzt das Gebot der Stunde sei, zuhause zu bleiben. Besonders der liebe Bekannte möge da keine sturen Dummheiten machen. Die Ironie dürfte beiden nicht aufgefallen sein…

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