Am Mittwoch fand ein Fußballspiel statt – nicht nur irgendeines, in dem zwei Länder aufeinanderprallten. Nein: Es prallten Welten aufeinander. Hier das patriotische Ungarn, das auf der Basis einer neuen Selbstverständlichkeit die Heimatliebe zur Tugend erkor und mit dem politisch-korrekten Zeitgeist nichts anfangen kann. Und dort „die Mannschaft“, eine Söldnertruppe, die offenbar mehr für den Regenbogen als für Deutschland kämpft. Auf dem Platz ging es Unentschieden aus. In der Moral ist es trotz des verpassten Aufstiegs ein klarer Sieg für die Ungarn, ein kleines „Puszta-Córdoba“. Die ungarische Elf ist ganz klar der Sieger der Herzen. 

Kommentar von Alfons Kluibenschädl

Ein Fußballspiel, das für Politik missbraucht wurde

Weil Ungarn auf das traditionelle Familienbild setzt, ist es einmal mehr so etwas wie der Gottseibeiuns Europas. Ein Gesetz, das es verbietet, in Schulen und anderweitig vor Kindern für Trans- und Homosexualität zu werben, ruft das große Empörium hervor. Ohne das Gesetz wirklich zu kennen, stellte man es so dar, als hätte Ungarn gerade schwule Beziehungen unter Strafe gestellt – und machte aus einem Fußballspiel ein Politikum.

Der Münchener Bürgermeister – dort fand das so wichtige Spiel um das Achtelfinale statt – wollte ursprünglich sogar das Allianz-Stadion, also den Spielort, in den Farben der Regenbogen-Flagge erleuchten lassen. Die UEFA verbot ihm dies. Schnell waren dann Aktivisten – konformistische Rebellen, könnten man sagen – vor Ort, die zehntausende Regenbogen-Flaggen verteilten. Das ganze Stadion sollte diese Fahnen tragen, ganz „Schland“ sollte „Pride“ sein. Es ist der feuchte Traum aller „woken“ Weltverbesserer.

Stolz auf den Regenbogen statt stolz auf die Heimat

Zwar schlug das fehl, da sich viele Deutsche dann doch nicht nehmen ließen, lieber ihre schwarz-rot-goldenen Flaggen zu zeigen. Aber zumindest die Schickeria, die etwas darauf hält, immer zu „den Guten“ zugehören, goss Öl ins Feuer. Der vermeintlich konservative CSU-Ministerpräsident Markus Söder tauschte sogar seine bis auf alle Gipfel getragene Bayern-Maske gegen eine Regenbogen-Maske ein. Die übliche Tugendhuberei eben. Und ein bisserl Kontinuität ist ja dabei: Es will schon wieder niemand neben dem Markus sitzen…

Einigen war das Lippen- bzw. Masken-Bekenntnis aber nicht genug – und sie schossen weiter über das Ziel. Einige sogenannte „Fans“ pfiffen während der ungarischen Hymne, völlig respektlos. Einer lief sogar mit der Regenbogen-Flagge auf das Feld. Natürlich mit FFP2-Maske. Wo man sich sonst über Flitzer auslässt, regte sich hier kaum jemand auf: Es war doch für die „gute Sache“, für die auch Torwart und Kapitän Manuel Neuer wieder seine Regenbogen-Armbinde zeigte. Und zwar stets und überall, sogar beim Interview danach.

Verkehrte Welt: Patrioten für Ungarn, Linke für DFB-Elf

Danach ergab sich während des Spiels eine sonderbare Dynamik. Patriotische Deutsche hielten aufgrund ebendieser Tugendhuberei zu den patriotischen Ungarn, hofften auf ein Ausscheiden der „Mannschaft“ (einst „Nationalmannschaft“, aber in Deutschland ist jede Form von Nationalstolz ja pöhse). Viele Lifestyle-Linke, die jedes Mal einen Herzkasperl bekommen, wenn irgendjemand die Worte „stolz“ und „deutsch“ im selben Jahrhundert benützt, wurden hingegen auf einen Schlag plötzlich zu Deutschland-Fans.

Und so war Fußball für 90 Minuten lang Krieg. Nein, kein wirklicher Krieg wie seinerzeit zwischen El Salvador und Honduras mit Waffen und Toten, aber zumindest ein ideologischer Krieg. Die Ungarn, eigentlich krasser Außenseiter, kämpften wacker. Sie kämpften mit allem was sie hatten, gingen zweimal in Führung und boten dem vierfachen Welt- und dreifachen Europameister mehr als nur Paroli. Erst mit viel Glück wendete Leon Goretzka das blamable Aus sechs Minuten vor dem Abpfiff ab. Um die ungarischen Fans zu provozieren, gestikulierte er in Richtung deren Fanblock.

Ungarn zu Gast bei Feinden?

Was in einer normalen Welt eine klare Provokation und ein Zeichen äußerst schlechter Gastfreundschaft wäre, brachte die Freunde des Zeitgeistes zum Johlen. wie viel „Haltung“ der Ausgleichs-Schütze doch gezeigt hätte! Grad, dass man ihm nicht gleich auf dem Platz das Bundesverdienstkreuz umhängte! Aus dem „Die Welt zu Gast bei Freunden“ von der Heim-WM im Jahr 2006 wurde 15 Jahre später „Ungarn zu Gast bei Feinden“. 

Und irgendwo wurde sicherlich bis in die Nachtstunden gefeiert, dass die guten Millionäre es dem bösen Attila aus der Steppe so richtig gezeigt hätten. Am deutschen Wesen, ja da solle die Welt genesen. Da gibt’s dann schon mal deutsche Sport-Moderatoren, die „King Goretzka“ gegen die „Nazis“ ausreiten lässt. Erst Stunden später rudert er zurück und erklärt, er meine natürlich nicht alle Ungarn-Fans. Aber es ist bezeichnend: Alles, was sich der Zeitgeist-Alman nicht erklären kann, wird auf die Hitlerzeit reduziert.

Tapfer gekämpft: Ungarn als Sieger der Herzen

Die Ungarn hingegen ließen sich nicht provozieren. Sie machten spielerische Defizite mit Herz, Kampfgeist und Heimatliebe wett. Aufopferungsvoll kämpften sie im Duell David gegen Goliath und brachten den haushohen Favoriten an den Rand einer Schmach. Und obwohl es dann knapp doch nicht reichte, waren die Fans im Stadion mächtig stolz auf ihre Fußballhelden.

Minutenlang applaudierten sie, intonierten in der Kurve die Hymne, um die Spieler – von denen viele bei deutschen Vereinen kicken – zu feiern. Hand aufs Herz für die Hymne der Heimat: Von den Deutschungarn Schäfer und Kleinheisler über das Magyaren-Sturmduo Sallai und Szalai und den sicheren Rückhalt Gulacsi bis hin zum eingebürgerten Négo, einen in Frankreich aufgewachsenen Spieler mit afrikanischen Wurzeln: Alles für Ungarn geben, diesen hehren Worten verliehen sie durch Taten Ausdruck. 

Feindbild Orbán – inmitten deutscher Corona-Diktatur

Dieses stolze ungarische Selbstverständnis geht freilich auch auf seinen Premier Viktor Orbán zurück. Von seinem eigenen Volk geliebt, für den Westen ein ganz böser Mensch. So böse, dass ihn so manche Politikerin schon einmal zum „feigen Diktator“ stempeln kann. Apropos „feiger Diktator“: Während Deutschland weiter die Grundrechte einschränkt und manche Scharfmacher unter Barleys Parteikollegen schon mal vom ewigen Lockdown träumen, gab Orbán sein Corona-Dekret schon vor einem Jahr wieder zurück und lässt sein Volk von der Leine. Und ins prall gefüllte Budapester Stadion, das freilich auch so manchem deutschen Politiker sauer aufstößt.

Unehrliche Tugendhuberei ist abschreckend

Doppelt skurril an der Scharade: Es geht nicht um die Sache an sich. Die Spieler machen sich zum Spielball der Politik, indem sie ein Nischenthema gegen ein eigentlich befreundetes Land instrumentalisieren. Und nachdem das DFB-Team den Kopf gerade noch aus der Schlinge zog: Das Traum-Viertelfinale Österreich gegen Ungarn ist zwar endgültig vom Tisch. Aber ich versuche, das restliche EM-Turnier zu genießen.

Und vielleicht ist ja auch bald die ganze deutsche Tugendhuberei um das Schwulen-Panier schon wieder Geschichte. Mit ein bisserl Glück schickt England nämlich DFB-Teamchef Löw schon in der nächsten Runde in Frührente. Im Gegensatz zu den letzten 30 Jahren drücke ich der „Mannschaft“ diesmal definitiv keinen Daumen. Nicht einen. Oder, um es mit den Worten des Präsidenten der Deutsch-ungarischen Gesellschaft zu sagen:

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