Ein Bild aus Tagen, als ein Ausflug nach Bayern noch ein Katzensprung und keine Unmöglichkeit war.

Es war die Widerstandsgeste des vergangenen Wochenendes: Eine Gruppe unbeugsamer Tiroler ließ sich von den Frotzeleien der Bundesregierung samt regionaler Ausreisebeschränkungen nicht beirren und fuhr den weiten Weg nach Wien.

Eine zentrale Figur dahinter ist Andreas Thurner: Der Imster baute seine Firma von den kleinen Anfängen zu einer regionalen Größe in der Transport-Branche auf – in nur 16 Jahren. Als die Maßnahmen immer willkürlicher wurden, entschied er, mit demselben Tatendrang dagegen aufzustehen und für Alternativen zu sorgen. Im Wochenblick-Exklusivinterview erzählt er von seinen Motivationen und Zielen.

Wochenblick: Wie kamen Sie dazu, Ihre Stimme gegen die Maßnahmen der Bundesregierung zu erheben? Was war die Initialzündung für Ihren Widerstand?

Thurner: Da gibt es eine wirtschaftliche und eine menschliche Ebene. Unsere Firma blickte auf das erfolgreichste Jahr ihrer Existenz, wir investierten extra in neue Omnibusse. Mit den Beschränkungen im Frühjahr brach die Auftragslage aber ein. Wir mussten teilweise Familienväter entlassen – ich konnte deshalb tagelang nicht schlafen. Dann musste ich – in der Nähe ist ein Altersheim – beobachten, dass alte Menschen einsam sterben müssen, ohne dass ihre Kinder und Enkel hingehen dürfen. Da ist es mir zu weit gegangen: Der Umgang mit den alten Menschen, aber auch, dass man sogar die Kinder zwingt, Masken zu tragen – das ist einfach ein Wahnsinn.

Mainstream-Medien stellen die Maßnahmenkritiker gerne als Querulanten und „Corona-Leugner“ dar. Was entgegnen Sie solchen Unterstellungen?

Eigentlich stimmt das gar nicht. Wir sind alle brave Steuerzahler, tun auch überall mit. Aber jetzt ist der Bogen total überspannt. Ich will einfach das Menschenrecht verteidigen, dass jeder Mensch eigenverantwortlich sein darf. Was jetzt geschieht, ist nicht mehr richtig. Es ist auch nicht nachvollziehbar. Wenn alles so gefährlich ist, müsste es in Tirol tausende Tote geben.

Viele waren in Sorge, als im März plötzlich 35 Ordensschwestern nach Zams ins Krankenhaus kamen, weil einige von ihnen schon über 100 Jahre alt waren. Glücklicherweise ist keine davon verstorben. Für viele sind solche Geschichten der Grund, dass der Glaube an die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen zur tatsächlichen Gefahr nicht mehr gegeben ist.

Aber ich habe auch kein Problem mit Menschen, die Corona für äußerst gefährlich halten. Es soll einfach jeder so halten dürfen, wie er es für richtig hält: es braucht Eigenverantwortung. Aber so wie es jetzt ist, wird der Mensch nur mehr unterdrückt und gefügig gemacht.

Wie haben Sie den Demotag in Wien erlebt? Gab es besondere Schikanen der Staatsmacht? Welche Vorkehrungen traf Ihre Gruppe im Vorhinein?

Mittlerweile weisen wir alle Teilnehmer an, bei jeder Kontrolle mitzufilmen. Das hat auch mit der Erfahrung früherer Fahrten nach Wien zu tun. Ältere Menschen bekamen da kein Wasser und keine Jacken, wurden wie der letzte Dreck behandelt. Mich versuchte man damals sogar herum zu schubsen und zu Boden zu ringen. Seitdem wir mitfilmen, will die Polizei aber nur mehr unsere Dokumente sehen.

Am letzten Samstag wurden wir mehrfach kontrolliert, vor Wien ging es dann so richtig los. Schon auf der Autobahn kamen sie mit zwölf VW-Bussen an und begleiteten uns nach Auhof. Als sie feststellten, dass alle 59 Passagiere einen negativen Test mitführten, wollten sie uns – der Bus hat insgesamt 62 Sitze – wegen der Abstandsregeln die Weiterfahrt verweigern.

Das schlimmste ist, wenn sie immer wieder sagen: „Ihr habt in Wien nichts verloren.“ Das geschieht sicherlich in einem Auftrag. Aber wir sind freie Leute und Menschen und uns reichen die Sanktionen und wir wollen nur in Frieden unserer Hauptstadt ein Zeichen setzen.

Wie konntet ihr dann trotzdem weiterfahren und an der Kundgebung – bekanntlich unter großem Applaus anderer Spaziergänger – teilnehmen?

Das hat einerseits mit dem Zweck unserer Fahrt zu tun – wir waren unter dem Vorwand am Weg, eine Wallfahrt zu veranstalten. Das heißt: Beten und singen. In sozialen Medien gibt es Videos, in denen man sieht, dass wir das Vaterunser und den Rosenkranz beteten. Wir sind das heilige Land Tirol und tiefgläubig. Wir wollten nur in Frieden zeigen, dass es uns reicht. Bei unserer Gruppe sind politische Parolen nicht erwünscht. Wir wollen einfach freundliche Gesichter und ein Lächeln sehen. Aber auch das genehmigt die Polizei ja eigentlich nicht.

Die Beamten vor Ort wiesen wir zudem darauf hin, dass ihre Abstandsregeln für unsere Rechtsform nicht gelten. Wir haben schon vor längerer Zeit unter Unterstützung einer lokalen Bürgerinitiative das „Thurner-Institut“ als Verein gegründet, unser Auftrag ist die Forschung. So konnten wir auch mithilfe einer Kufsteiner Ärztin eine eigene Teststraße aufbauen – und uns eine halbe Stunde vor der Ausreise testen lassen. Bei der nächsten untersagten Demo werden wir wieder friedlich für unsere Anliegen einstehen.

So wie bei der großen Kundgebung in Innsbruck am heutigen Samstag, für die ihr ja Tirol gar nicht einmal verlassen müsst? Fürchtet ihr euch nicht vor drakonischen Geldstrafen oder, dass sich die Jugendwohlfahrt wie angekündigt einschaltet, wenn Kinder teilnehmen?

Genau. Wir werden um 14.30 Uhr bei der Triumphpforte sein. Wer möchte, kann bei uns gerne eine Mitgliedschaft abschließen – unser Rechtsraum ist uns ja beschieden, egal was die Polizei sagt. Das mit den Strafandrohungen ist uns bewusst – aber sie können ja gerne strafen und Willkür walten lassen. Eine Anzeige zu schreiben steht ihnen zu, es ist nur mehr unnötige Schreibarbeit für sie.

Aber die Familien – zumindest jene in meiner Gruppe – kommen ja zum Beten und für einen Spaziergang. Hier möchte ich trotz des Verbotes den Leuten mitgeben, dass möglichst viele am Landhausplatz stehen und in Frieden aufstehen sollen. Es trauen sich noch viel zu wenige, etwas für das Land zu tun. Jeder schimpft, jeder meckert, aber niemand will etwas tun. Ich möchte, dass die Menschen in Frieden ein Zeichen setzen. Ich halte gerne meinen Kopf dafür hin.

Die Absage der Kundgebung wurde auch damit begründet, dass das Motto „Mander es isch Zeit“ just am 211. Todestag des Freiheitskämpfers Andreas Hofer „missbraucht“ würde und einer friedlichen Versammlung entgegenstünde. Gibt es eine umstürzlerische Absicht?

Ganz im Gegenteil. Gerade vor dem großen Gedenktag bin ich sogar an die Schützen herangetreten und habe ihnen ein Anliegen unterbreitet. Dazu muss man verstehen: Mit Ausnahme von ein paar Auswanderern in Peru gibt es die Tiroler Schützen weltweit nur einmal. Ich hätte es begrüßt, wenn fünf oder sechs Kompanien zum Landhausplatz gekommen wären. Und zwar, um unserem Landeshauptmann die Ehre zu erweisen, eine Salve für ihn zu schießen, mit der Aussage, dass die Tiroler hinter ihm stehen. Sodass er sich traut, eigenständig zu dirigieren, statt nur der Vorbereitung aus Wien zu folgen. Es geht nicht gegen etwas – sondern für die Entscheidungskraft unserer Politiker.

Eigentlich heißt es im Volksmund, dass der Schütze „von der Feldmesse in der Lederhose mit der Platzpatrone im Gewehr zum Bierzelt“ gehe. Aber mit den heutigen Traditionsvereinen ist das nicht zu machen. Sie verweisen einfach darauf, dass sie sich für „keinen politischen Zweck“ hergeben. Dabei ist das eigentlich ein Teil ihres Auftrages – und jeder weiß, dass sie sich für tatsächliche politische Zwecke sehr wohl einspannen lassen. Mittlerweile hebt mir am Telefon kein Hauptmann mehr ab. Eines ist klar: Altlandeshauptmann Wallnöfer wäre längst nach Wien gefahren und hätte dort scherzhaft mit den Schützen gedroht, um die Anliegen der Tiroler zu untermauern.

Es wäre jedenfalls ein höchst symbolträchtiges Beispiel gewesen: Traditionell und bestimmt, aber friedlich. Wie wichtig ist es, mit symbolischen Aktionen auf die Untragbarkeit der aktuellen Situation hinzuweisen?

Sehr wichtig. Ein nächster Versuch könnte beispielsweise sein, dass wir – auch als Busunternehmer – in Kufstein die Nord-Süd-Achse blockieren. Diese ist eine wichtige Lebensader, aber spätestens nach der bayerischen Grenzsperre dürfen ja nicht einmal mehr Korridorfahrten in die östlichen Bundesländer durch.

Die Logik wäre, auf die Absurdität hinzuweisen: Wenn das Virus so gefährlich wie beschrieben ist und wir in Tirol all die ganz gefährlichen Mutationen haben, dann dürften ja LKW-Fahrer auch nicht mehr durchfahren. Der Transitverkehr darf passieren, aber die Menschen sperrt man ein – und das in einem Urlaubsland, das auf Gäste von auswärts angewiesen ist. Vielleicht würde das beim Umdenken helfen.

Sie sprachen vorhin davon, dass Sie das „Thurner-Institut“ ins Leben gerufen haben. Ist dies nur ein Mittel zum Zweck, um ein Mittel gegen die Schikanen der Obrigkeit zu haben? Oder verfolgt es auch längerfristige Ziele? Was wollen sie den Menschen sonst noch mitgeben?

Es ist nur der Startschuss zu einer Vielzahl von Projekten. Gerade die aktuelle Krise mit all ihrer Unvorhersehbarkeit hat gezeigt, wie wichtig es ist, dass die Menschen eigenverantwortlich sein können. Ich habe den festen Plan, aus dem aktuellen Schwung etwas mitzunehmen. Wir wollen den Menschen etwas „Hilfe zur Selbsthilfe“ bieten und ihnen die Grundlagen der Selbstversorgung näherbringen.

Viele Menschen wissen heute nicht einmal mehr, wie es ist, sein eigenes Brot zu backen. Sie wissen nicht, wie man – vielleicht sogar mit alten, vergessenen Sorten – eigene Lebensmittel anbaut. Wir möchten den Menschen, die auf eigenen Beinen stehen wollen, ein Angebot bieten. Ein Hof auf dem Land in unseren schönen Bergen soll entstehen, wo die Menschen in Seminaren die Grundlagen des einfachen Lebens lernen können. Schließlich ist auch das ein Schlüssel zu Glück und Gesundheit und dieses Wissen gilt es zu bewahren.

Um diese nachhaltigen Ziele verwirklichen zu können, sind wir als Verein natürlich um jede Spende und jeden Mitgliedsbeitrag dankbar. Wir wollen mit dem Thurner-Institut ja ein soziales Projekt auf die Beine stellen, damit die nächste Krise die Menschen nicht unvorbereitet trifft und sie nicht nur auf die Willkür von Oben angewiesen sind und reagieren können, sondern unabhängig agieren können.

Vielen Dank für das Gespräch!