In Tirol ist in der Bewältigung der Corona-Krise viel schief gelaufen. Seine Menschen brauchen nun Kraft und Hoffnung – und vor allem politische Aufarbeitung. 

Kommentar von Alfons Kluibenschädl

Als in Oberösterreich lebenden Tiroler macht mich der Blick in die Heimat derzeit gleichzeitig fassungslos, wütend und traurig. In einer Mischung aus Zorn und Wehmut vernimmt man die Nachrichten, dass die grassierende Epidemie die eigene Wiege besonders hart im Griff hat. Und in diesem Wissen, dass man Freunden und Familie nur aus der Ferne die Kraft und den Mut zusprechen kann, muss man auch Klartext sprechen.

Ischgl als Brennpunkt und Drehkreuz der Corona-Krise

Wie sich gerade herausstellt, ist die Situation nämlich zum Teil eine hausgemachte. Denn es war längst bekannt, dass Ischgl zum Viren-Drehkreuz mutierte, als endlich die Verantwortlichen handelten. Und doch durfte Rubel noch acht Tage rollen, ehe man auf die Idee kam, die Menschen im immer noch malerischen, aber längst von Hotelkästen und Einseil-Umlaufbahnen gesäumten Paznauntal zu isolieren. Da hatte sich das Virus bereits von einer überfüllten Apres-Ski-Bar in alle vier Windrichtungen verteilt.

Woran liegt es? Ist es die heilige Kuh des Tourismus, die in Tirol einfach immer an erster Stelle steht? Oder ist es einfach diese Mischung aus Duldsamkeit und Starrsinn, welche alle Instanzen versagen ließ, gepaart mit einer gehörigen Portion Pech? Ich weiß es nicht, aber eines ist gewiss: Die Behörden haben eben nicht richtig gehandelt, egal wie häufig Gesundheits-Landesrat Tilg dieses Mantra beim Exil-Tiroler Wolf noch vorsingt. Denn egal, wie die Geschichte ausgeht: Die schöne Landschaft hin oder her, der Ruf ist einmal dahin.

Ein bisschen Dilettanz im Gebirge

Angefangen von einem Sanitätsdirektor, welcher die Ansteckungsgefahr für Gäste negiert bis hin zu einem Landeshauptmann, der diesen bei der Abreise die Schuld für unmögliche Weiterreise gibt: Es ist in der Tiroler Politik noch nicht angekommen. Dieses eine Mal, als es nicht darum ging, auf irgendwelchen Festen im Trachtenjanker einen auf Piefke-Saga zu machen, hagelte es kollektives Behördenversagen.

Das Resultat ist ein Saustall, bei dem unbekannt ist, wie viele tausend Menschen sich im Land im Gebirge eigentlich angesteckt haben. Die meisten Tiroler, welche angesichts der hohen Lebenshaltungskosten oft gar nicht das Geld besitzen, in zu Nobel-Skistationen umgebauten ehemaligen Bergbauerndörfern die Pistengaudi zu genießen, können nichts dafür. Trotzdem sind sie es, welche die Polizei wieder nach Hause schickt, wenn sie ohne guten Grund auf die Autobahn auffahren wollen.

Politik darf Verantwortung nicht abwälzen

Und so viel ist auch gewiss: Mit ein bisserl Beschwichtigungen ist es nicht getan. Die Causa Ischgl muss lückenlos aufgearbeitet werden. Das ist die Politik seiner Bevölkerung schuldig, die noch nicht weiß, wie schlimm es sie selbst noch treffen wird. Vereint ist man in kollektiver Quarantäne mit seinen Tiroler Brüdern südlich des Brenners, sowie in der Hoffnung, etwas weniger schlimm davon zu kommen wie die Lombarden. Die hohe Politik kann sich eigentlich glücklich schätzen, dass das erlassene Versammlungsverbot einen Aufstand wie einst im Gefolge Hofers formell unterbindet, verständlich wäre er.

Denn auch die Tiroler dürften kräftig sauer sein. Sollte sich die Vermutung freiheitlicher Politiker bewahrheiten, dass es es mutwillige Anweisungen gab, die Skisaison um jeden Preis fortzusetzen, wäre die Schweinerei perfekt. Verantwortliche im Dunstkreis der Mächtigen wären aus Naivität im wahrsten Sinn des Wortes über Leichen gegangen. Den Schaden hätte trotzdem die Wirtschaft, und insbesondere der Tourismus-Sektor, den man zu schützen versucht hätte. Der Rücktritt von Tilg und Landeshauptmann Platter wäre in diesem Fall das absolute politische Minimum an Verantwortung.

Der zähe Menschenschlag wird durchhalten

Denn auch am Sonntagmorgen liefen noch die Bahnen bis zu Platters spätem Moratorium. Unter Umständen verkauften also manche Personen sprichwörtlich die Betten, um mit dem Coronavirus im Stroh zu schlafen. Die Tiroler selbst nehmen es mit einer Portion an Gelassenheit. Immerhin ist man ein zähes Volk, hat schlimmeres hinter sich. Wessen Vorfahren mehrfache bayerische Besatzung ebenso überlebten wie die Fortschickung als Schwabenkinder, dem kaufen ein paar Wochen an Quarantäne nicht die Schneid ab.

Und so bleibt auch ein wenig Hoffnung, welche ich in die geliebte Heimat schicke, die ich selbst gerade nicht bereisen darf. Es werden wieder bessere Zeiten anbrechen, der Tiroler Adler wird nicht ewig als gerupftes Federvieh dastehen. Unsere Freunde brauchen jetzt den Wunsch Gesundheit – und später im übertragenen Sinn Heilung. Dabei soll der Tiroler Sinn nicht vergessen, froh zu bleiben. Oder um es in den Worten meines Lieblingsdichters Hermann von Gilm zu sagen: „Denn du kannst zerrissen werden, beschmutzt kannst du nicht sein!“