Der Tod des Afroamerikaners George Floyd führte zu viel Anteilnahme - und zu teils gewalttätigen Protesten sowie einer breiten gesellschaftlichen Debatte.

Vor knapp zehn Monaten kam der Afroamerikaner George Floyd im US-Bundesstaat Minneapolis infolge eines Polizeieinsatzes ums Leben. Wütende Randale der „Black Lives Matter“-Anhänger, gepaart mit Zerstörung und Vandalismus in vielen Städten der USA, waren die Folge.

von Kornelia Kirchweger

Der Auftakt zum Prozess gegen den weißen Ex-Polizisten, Derek Chauvin, spießt sich bereits. Demonstranten skandierten vor dem Gerichtsgebäude: „keine Gerechtigkeit, kein Frieden“.

Neuer Anklagepunkt gefährdet Zeitplan

Chauvin wird Mord zweiten Grades (absichtliche Tötung, aber ohne Vorsatz) und Totschlag zweiten Grades vorgeworfen. Der Staatsanwalt brachte kurzfristig eine weitere Anklage, Mord dritten Grades, ein. Dagegen berief der Anwalt des Angeklagten. Der zuständige Richter, Peter Cahill muss die Entscheidung des Berufungsgerichtes nun abwarten, was Wochen dauern könnte.

Damit gerät der Zeitplan für das Hauptverfahren, am 29. März, ins Wanken. Cahill will nun mit der Auswahl der Jury beginnen, wofür er drei Wochen eingeplant hat. Denn unparteiische Geschworene aus Minneapolis in einem Fall zu finden, der die ganze Nation erschüttert hat, wird nicht einfach sein. Die Staatsanwälte lehnen das ab, solange die Anklage nicht geklärt ist.

Richter Cahill verschob die Auswahl der Jury nun bis Dienstag. Das Gericht in Minneapolis ist mit Betonsperren und Zäunen abgeriegelt. Im Gerichtssaal dürfen, auch wegen der Corona-Regeln, nur Familienmitglieder des Angeklagten und des Opfers sitzen. Für Journalisten gibt es einen Videostream in einem anderen Gebäude.

Hunderte Anti-Rassismus-Demonstranten streuten am Montag Blumen auf den Asphalt und verteilten mit Kunstblut beschmierte Spiegel, die Passanten aufforderten über Floyds Tod zur „reflektieren“.

Bis zu 40 Jahre Gefängnis

Der 44jährige Beschuldigte Chauvin wird wegen „Mordes zweiten Grades“  angeklagt, was zu einer Gefängnisstrafe von 40 Jahren führen könnte, ebenso wegen Totschlag. Den übrigen drei, an dem Einsatz gegen Floyd beteiligten Ex-Polizisten, wird Beihilfe zur Last gelegt. Ihr Verfahren ist für 23. August geplant. Bei einer Verurteilung drohen auch ihnen langjährige Haftstrafen.

Die Anwälte von Chauvin, der am Tag nach Floyds Tod aus dem Polizeidienst entlassen wurde, argumentieren: er habe die Amtshandlung gemäß seiner Ausbildung korrekt abgeschlossen, um die Kollegen bei der Verhaftung von Floyd zu unterstützen. Dieser wurde verdächtigt, mit einem gefälschten 20 Dollar-Einkaufsschein in einem Supermarkt bezahlt zu haben.

Im Video einer Augenzeugin ist ein mit Handschellen gefesselter Floyd zu sehen, der sich dagegen wehrt, in ein Polizeiauto zu steigen, weil er Platzangst habe. Chauvin drückte minutenlang das Knie auf Floyds Hals, der wiederholt sagte, „ich kann nicht atmen“. Als später Videomaterial aus der Bodycam eines der beteiligten Polizisten an die Öffenlichkeit geriet, sahen sich beide Seiten der Debatte in ihrer Sichtweise bestätigt.

Schwer krank, Corona und Drogen

Der Gerichtsmediziner entschied, Floyds Tod (Herzinsuffizienz) sei Mord, der zum Teil durch die Festhaltung der Polizei verursacht wurde. Floyd hatte eine Herzkrankheit, Bluthochdruck, und Sichelzellen-Merkmale, Anzeichen für eine Blutkrankheit, von der vor allem Afroamerikaner betroffen sind. Laut Autopsiebericht war Floyd auch Corona-positiv.

In seinem Blut wurden Rückstände von Metamphetamin (Crystal Meth), Cannabis und Fentanyl gefunden. Letzteres kann u.a. zu Hyperventilation führen. Anwälte des Angeklagten sprechen von einer Überdosis Fentanyl als Hauptursache für Floyds Tod. Floyds Familie befasste einen unabhängigen Prüfer, der als Todesursache „Erstickung durch anhaltenden Druck“ anführte.