Wanderer, kommst du nach Hallstatt, dann wartet auf dich ein Schauspiel, das man auf so engem Raum selten erlebt. Damit sind nicht die Soleleitungen, das alte Beinhaus und der liebliche Ortsplatz gemeint. Es ist der Ansturm an Asiaten, es sind die durchwegs englischsprachigen Hinweistafeln, durchwachsen von Tafeln mit chinesischen Schriftzeichen.

Ein Bericht von Georg M. Hofbauer

Doch der Besucher, der schnell vom Attersee hinüber zum Hallstättersee gefahren ist, natürlich mit Schiff angereist, wie es sich gehört: Der sitzt einem ganz falschen Eindruck auf. Asiatinnen, Asiaten strömen aus dem Waggon, stürmen das Schiff, um überzusetzen. Wird da noch ein Platz für den Autor sein? Es ist Platz – aber nur ganz knapp.

Ganzjahres-Attraktion

Drüben angekommen, an diesem Wintertag: Gedränge, wie in der Salzburger Getreidegasse. Bumm, ein voller Erfolg. Hallstatt kann sich freuen, in einer an sich toten Saison, so viele Gäste zu haben. Irrtum Nummer zwei! Kommen wir zu Irrtum drei: Als ich mit dezenter Bewunderung mit einer älteren Andenken-Verkäuferin Kontakt aufnehme und bemerke, da sei doch ganz schön was los, erwischt sie mich eiskalt.

„Hier ist derzeit sehr wenig los“, schreckt sie den nicht-asiatischen Besucher vom Attersee aus seiner Denke auf. „Das ist derzeit noch gar nichts: Im Sommer, da gibt es hier kein Durchkommen mehr“, ergänzt sie und rückt eine Schneekugel zurecht.
Kommen wir zur nächsten Fehleinschätzung: Hallstatt freut sich über den enormen Ansturm, über die gut laufenden Geschäfte, über die vollen Wirtsstuben, kurzum über die Ganzjahres-Attraktion.

„Es ist der blanke Horror“

„Es ist der blanke Horror für uns. Ich flüchte im Sommer und auch an starken Tagen im Winter mit meinem Hund Diego auf die Alm, wo ich eine Hütte habe. Hier halte ich es nicht mehr aus.“ Diese Einschätzung kommt von Bürgerlisten-Obfrau Siegrid Brader, die für 28 Prozent der Hallstätter spricht. 2015 ist die Bürgerliste von Null weg auf diesen Wert gekommen, da muss ein großer Leidensdruck vorhanden sein, sonst gibt es so einen Blitzstart nicht.

Und Siegrid Brader, die praktizierende Energetikerin, packt über die rasante Entwicklung von Hallstatt innerhalb von drei, vier Jahren aus. Wo anfangen, bei der Touristenplage, der man nicht mehr Herr wird? Die auch kein Segen mehr sein kann. Nicht einmal für die Gemeindekasse. Es begann harmlos 2012: Mit der medial gehypten Eröffnung der Hallstatt-Kopie in der suptropischen chinesischen Provinz Guangdong, in der Stadt Boluo.

Der Horror überwiegt

Der heimische Bürgermeister war damals noch stolz auf die Beachtung Hallstatts in Asien. Spielfilme heizten das Thema zusätzlich an und inzwischen schwappt die Reiselust, das Original sehen zu wollen, stark in den russischen und osteuropäischen Raum hinein. Was am Sprachengewirr der fotografierenden Paare, Pärchen, Gruppen unschwer zu bemerken ist.

Den Status Quo bringt Siegrid Brader unaufgeregt, aber in der Bedeutung des Gesagten dramatisch auf den Punkt: „Die Entwicklung ist inzwischen schon mehr ein Horror als ein Glück.“ An starken Tagen marschieren 10.000 Menschen durch den Ort mit gerade einmal 750 Bewohnern. Es gibt Staus, es parken hunderte Busse vor dem Ort, nichts geht mehr.

Brauchen dringend Abhilfe

Selbst die Feuerwehr kann nicht mehr ausfahren. „Wenn wirklich was passiert, dann brennt der ganze Ort ab“, so die Obfrau. „Wir brauchen dringend Abhilfe, wir wollen eine Linie hineinbringen und ein Limit setzen für den Besuch des Ortes. Wir brauchen professionelle Hilfe, so schlimm ist es inzwischen.“

Und der Boom geht weiter, während noch um Regelungen und Beschränkungen gerungen wird: 25 Prozent Steigerung pro Jahr.

Komplett anders sieht die Situation an diesem Winter-Tag der Ticket-Verkäufer beim Beinhaus: „Das ist ein Segen für den Ort, viele andere würden sich so ein Geschäft wünschen. Wir im Waldviertel haben Orte, da gibt es überhaupt nichts, keine Gäste, kaum noch Einheimische und keine Infrastruktur.“

Konsumation minimal

Das Stichwort Waldviertel ist gut, meint Siegrid Brader auf die Aussage angesprochen: „Menschen, die nicht das ganze Jahr hier leben, können das nicht beurteilen. Der Ort erstickt, es ist zu viel für uns. Und die meisten kommen mit eigenen Lunch-Paketen, bestenfalls 20 Prozent kehren in einem Wirtshaus ein, die anderen verlassen den Ort meist ohne jede Konsumation.“ Am 8. Februar ist die nächste Gemeinderatssitzung in Hallstatt: Hier wird sich zeigen, ob Limits, Steuerungs-Maßnahmen angedacht werden, Arbeitsgruppen gebildet und ob es zu dem Thema bald Einigkeit gibt.

Vor einem Sommer mit einer weiteren Steigerung hat die Bürgerlisten-Obfrau so richtig Angst und wird wohl viel auf der Flucht sein. Im Ort werden dann täglich rund ein Dutzend ferngesteuerte Drohnen (trotz Verbotes) bis in die Zimmer in oberen Stockwerken hineinfilmen. Werden Türen geöffnet und Stuben betreten, weil ja viele glauben, das wäre ein riesiges Freilichtmuseum und es werden dicht am Ufer die Boote und Plätten mit den Schaulustigen im Viertelstundentakt vorbeiziehen. Und jeden noch nicht gefilmten Winkel fotografieren…