Ja, ich habe die Essenz dieses Kommentars bereits in die Überschrift gegeben. Obwohl, eigentlich nicht ganz: Denn in einem titelbesessenen Land muss so viel Zeit sein: Herr Mag. Blümel, treten Sie zurück! Und nehmen Sie ihren Jugendfreund Sebastian Kurz und die ganze türkise Partie am Besten gleich mit! Denn die „Familie“ um Kurz und Blümel macht aus Österreich einen Operettenstaat, den man weltweit aber längst für eine waschechte Bananenrepublik hält. 

Kommentar von Alfons Kluibenschädl

Wie unzählige Österreicher wartete ich mit Spannung auf die Enthüllung von ZDF-Clown Jan Böhmermann. Diesmal sollte es ja ein echter Knüller werden und nicht bloß eine schnöde Werbung für seine Satire-Illustrierte wie beim letzten Mal. Man spekulierte längst mit einer medialen Bombe. Und dann die große Enttäuschung: Denn der Beitrag richtete sich offensichtlich vor allem an das bundesdeutsche Publikum, das mit der Realität bei uns nicht vertraut ist. Denn für das leidgeprüfte Volk hierzulande war wenig Neues dabei.

Auch die schiefe Optik kennt eine „neue Normalität“

Denn wir haben uns offensichtlich längst an die „neue Normalität“ gewöhnt. Nicht nur bei den völlig überzogenen Maßnahmen, bei denen uns Kurz immer an die „letzten Meter“ erinnert. Sondern auch an die völlige Schamlosigkeit, mit welcher die Kurz-Buberlpartie fuhrwerkt, den Staat als Posten-Verschiebebahnhof und als Spielwiese für totalitäre Macht-Fantasien missbraucht. Wir haben uns an Kanzler, die auf die Verfassung pfeifen ebenso gewöhnt wie an einen Finanzminister, der bei einer Razzia seine Frau mit dem Laptop spazieren schickt.

Ebenso gewöhnt haben wir an deren engen Vertrauten, der irgendwo zwischen Versand und Sammlung von 2.500 Penis-Bildern noch die Zeit findet, sich seine eigene Stelle beim staatsnahen Betrieb zurechtzuzimmern. An Versuche, die Justiz umzubauen und Razzien in Behörden zu verbieten ebenso. Als Sahnehäubchen haben wir einen Präsidenten des Nationalrats, der einem Untersuchungsausschuss vorsitzt, indem er selbst eine der Auskunftspersonen ist und die Wahrheitspflicht in selbigem abschaffen will.

Für Deutsche unfassbar, für Österreicher Alltag

Für unsere nördlichen Nachbarn mögen solche Vorgänge Neuland sein und vielleicht für ein paar Lacher sorgen, so zwischen dem ein oder anderen Skandal um seine eigenen Abgeordneten, die ein bisserl an Maskendeals verdienen. Bei uns ist es so, als stellte sich Böhmermann vor einen Serviertisch auf offenem Feld und hielte einen Spiegel auf dessen Rückseite, damit man schön sehen kann, was sich nebst Gedeck darauf befindet. Bei uns ist das längst der „ganz normale Wahnsinn“, der niemand mehr vom Hocker haut.

Die absolute Krönung war hierbei selbstredend die Aktion, die sich Finanzminister Blümel so kürzlich leistete, dass sie es nicht einmal mehr in den Böhmermann-Beitrag schaffte. Denn er ignorierte monatelang eine Anordnung des Verfassungsgerichtshofs, dienstliche Akten an den Untersuchungsausschuss abzuliefern. Das Höchstgericht musste sogar erstmals in 100 Jahren eine Exekution beim Bundespräsidenten anfordern. Aber Bundes-Sascha beließ es bei einem netten Anruf, weil Blümel Besserung gelobte. Auch Kurz gab unlängst bekannt, keine echte Lust auf die Weiterleitung seiner Dienst-Mails zu haben.

Der Präsident und die halbherzige Exekution

Und plötzlich war alles möglich, was zwei Monate lang nicht ging – dutzende Kartons, die sicherlich nicht am selben Tag erst gepackt wurden und offenbar so viel Material enthalten, dass man zwei Fußballfelder damit bedecken könnte. Dass unser Herr Bundespräsident die Exekution nicht durchführte hat aber einen Beigeschmack: Denn nun bleibt die höhere Geheimhaltungsstufe aufrecht. Das heißt, sogar das Zitieren aus einem Pressespiegel in den Akten könnte strafbewehrt sein.

So oder so, egal was noch herauskommt – auch bei seinem Strafverfahren rund um einen mutmaßlichen Postenschacher gilt die Unschuldsvermutung – wäre gut Blümel beraten, ein bisserl Restanstand zu beweisen und den Hut zu nehmen. Als wir vor einigen Monaten aufdeckten, dass der Kurz-Intimus in seiner Diplomarbeit ein Loblied auf Vordenker der Dollfuß-Diktatur singt, hielten wir es für brisant. Heute ist das angesichts strafrechtlich relevanter Vorwürfe fast schon wie ein Tropfen auf den heißen Stein.

Türkise Skandale, so weit das Auge reicht

Die Liste der Skandale rund um die türkise Regierungsmannschaft wird immer länger. Von den Ermittlungspannen in Nehammers Innenministerium vor dem Terroranschlag in Wien und seinen längst als Unwahrheit entlarvten Anwürfe gegen friedliche Demonstranten gegen seine Regierung über das „Kaufhaus Österreich“-Fiasko bis hin zum ins familiäre Vorfeld einer zentralen Kurz-Mitarbeiterin reichenden „Hygiene Austria“-Skandal mit umetikettierten FFP2-Masken: Sie ist schier endlos.

Von unzähligen schiefen Optiken wie dem wohl aus der Kammerumlage der geschundenen Betriebe bezahlten Personenkult für WKO-Chef Mahrer ist da noch nicht einmal die Rede. Einzig die nicht besonders gut in die „Familie“ integrierte Ex-Arbeitsministerin Aschbacher opferte man nach ihrer Plagiats-Affäre in einem letzten Anflug bzw. Anschein politischen Verantwortungsbewusstseins. So quasi, als wäre es die Absolution für die Aufdeckung künftiger, allfälliger Schweinereien.

Blümel ist rücktrittsreif – und Kurz eigentlich auch

Nachdem danach der grüne Gesundheitsminister Anschober mit dem Handtuchwurf an der Reihe war, verlangte das Gesetz der Serie nun eigentlich einen türkisen Kopf. In jedem normalen Land wäre das seit dieser Woche Blümel nach der Fülle an Anschuldigungen gegen seine Person. Aber bislang möchte er es aussitzen: Er weiß wohl auch, fällt er, wird es auch für seinen Busenfreund Sebastian allmählich knapp. Dessen Heiligenschein, dem der versammelte Mainstream jahrelang hinterherhechelte – und es teils noch tut – verblasst mit jeder Enthüllung mit üppigem Geschmäckle.

Dennoch sei gesagt: Noch ist es nicht zu spät um im Sinne des Ansehen unseres Landes besser vorgestern als heute den Hut zu nehmen. Noch ist es nur ein mittelmäßig begabter deutscher Komiker, der nur die türkise Realität beleuchten muss, um daraus eine halbe Stunde Satire zu zimmern. Noch sind es nur ein paar ausländische Blätter, die den Niedergang Österreichs sehen. Aber die letzte Ausfahrt ist schnell verpasst. Daher, Herr Blümel: Tun Sie unserem Land den Gefallen und treten Sie zurück! Und vielleicht, ganz vielleicht sind sie damit dann auch ein Vorbild für ihren Freund Sebastian.

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