Seit Mitternacht gilt in den Niederlanden der „totale Lockdown“. Länger als der geplante Shutdown in Deutschland, der voraussichtlich am 10.01. endet, obwohl er erst am Mittwoch beginnt, sollen alle Geschäfte und Einrichtungen, die nicht überlebenswichtig sind, in den Niederlanden bis zum 19. Januar 2021 schliessen.

Von Alina Adair

Noch ehe der niederländische Premierminister Mark Rutte die strengen Regeln am Montagabend verkündete, brach in den Niederlanden ein Kaufrausch aus. Menschen strömten in Scharen in die Läden und kauften, was noch möglich war. Während sonst in der Vorweihnachtszeit jedoch Wert auf Geschenke gelegt wurde, waren beliebte Waren diesmal Lebensmittel und vor allem das neue weiße Gold: WC-Papier.

Herzzerreißende Szene waren landesweit zu sehen

Mitarbeiter unserer Redaktion, die in den Niederlanden wohnen, berichten von Nervenzusammenbrüchen bei Friseusen, die in ihren Geschäften standen und hemmungslos weinten. Es sollen sogar Überfälle auf Lebensmitteleinkäufer in Amsterdam stattgefunden haben. Regale in Supermärkten waren binnen Minuten leer geräumt. Senioren standen auf Balkonen von Pflegeheimen und weinten erbärmlich, als sie erfuhren, dass sie wieder für fünf Wochen von der Außenwelt abgeschnitten werden.

Nachdem die Nachricht bekannt wurde, dass ein totaler Lockdown geplant wird, füllten sich die Innenstädte in den Niederlanden rasant. Alle gingen einkaufen und füllten ihre Vorräte auf. Es war eine angespannte Stimmung, die mit vorweihnachtlicher Freude nichts mehr zu tun hatte. Die Menschen benahmen sich, als ginge es um das nackte Überleben. Als große Überraschung wurden am Montag die Grenzkontrollen wieder aufgenommen. Jedes Fahrzeug, das aus Deutschland einreisen wollte, wurde angehalten und kontrolliert – was während der Migrationskrise 2015 als unmöglich galt! Die Fahrzeuge durften am Montag einreisen, doch wurde darauf hingewiesen, dass ab Mitternacht neue Regeln gelten.

Um 19 Uhr trat Mark Rutte, der in Holland so beliebt ist wie Merkel in Deutschland, vor die Kameras. In einer kurzen Ansprache an die Nation verkündete der Premierminister die neuen Verbote und Einschränkungen, die ab Mitternacht in Kraft traten.

Protest mit Feuerwerk

Noch während der Rede hörte man im Hintergrund Demonstranten, die gegen die Pläne der Regierung lauthals protestierten. Die Rede war kaum beendet, da gingen die ersten Feuerwerksraketen in den Himmel. In den Niederlanden war vor wenigen Tagen erst Feuerwerk an Silvester untersagt worden. Seitdem wird jeden Abend von 20:00 bis 20:15 Uhr landesweit zum Protest geknallt und auch tagsüber kann es passieren, dass man in einen Feuerwerksschauer läuft, der gerade hochgeht. Die Regierung hatte angekündigt, dass der Besitz von Feuerwerk in diesem Jahr mit hohen Geldbußen bis zu 1.000 Euro geahndet wird. Wer entgegen des Verbots Feuerwerk verkauft, dem könnten sogar bis 50.000 Euro Bußgeld angedroht werden. Trotz der Drohungen knallen die Niederländer weiter und lassen sich das Feuerwerk nicht verbieten.

In Rotterdam sammelten sich direkt nach Ruttes Rede zahlreiche verärgerte Holländer, die ihren Unmut über den Lockdown äußerten. Die niederländische Regierung konterte mit einem massiven Polizeiaufgebot.

Auch vor dem Haus von Mark Rutte sammelten sich erboste Demonstranten.