Ulrike Wall (61) versteht die Sorgen und Nöte des Pflegepersonals in Oberösterreich.

Im „Wochenblick“-Sommergespräch wartet die FP-Bereichssprecherin für Soziales, Ulrike Wall, mit einer besonderen Forderung auf: Auch Mädchen sollen zu Zivildienst oder Bundesheer! Doch vor allem das Thema Pflege liegt der 61-Jährigen besonders am Herzen.

Ein Interview von Chefredakteur Christian Seibert

„Wochenblick“: Frau Landtagsabgeordnete, bis zum Jahr 2025 sollen in Oberösterreich 1.600 Fachkräfte in der Pflege fehlen. Wie begegnet man diesem Problem?
Grundsätzlich ärgert es mich, dass man dieses Problem derart lange verschleppt hat. Bereits bei meinem Eintritt in den Landtag vor knapp zehn Jahren habe ich es auf die Tagesordnung gebracht. Hätten wir als FPÖ nicht ständig durch Anfragen im Landtag auf diesen Missstand hingewiesen, wären diese Zahlen noch länger im Dunkeln geblieben. In Anbetracht der brisanten Situation erwarte ich mir vom SPÖ-geführten Sozialressort jährlich unaufgefordert einen Bericht über die aktuelle Entwicklung an den Landtag. Dass die Möglichkeit geschaffen wurde, 16-Jährige in die Altenbetreuungsschule des Landes Oberösterreich aufzunehmen, ist ein positiver Ansatz. Dies ist jedoch kein Ersatz für die „Pflege-Lehre“, die wir seit vielen Jahren fordern! Und auch das Freiwillige Soziale Jahr sollte man ausbauen. Ich wünsche mir darüber hinaus auch eine „allgemeine Dienstpflicht“ – auch für Mädchen!

Also sollen auch Mädchen sowie Burschen einen Dienst an der Gesellschaft leisten?
Genau! Mädchen oder Burschen sollen entweder den Wehrdienst oder den Zivildienst ableisten. Wir sehen aus der Erfahrung des Zivildienstes, dass viele junge Männer im Sozialbereich „hängen bleiben“. Das würde auch dem Fachkräftemangel entgegenwirken.

Die „Petition gegen den Pflegenotstand in OÖ“ haben mittlerweile 1.800 Menschen unterzeichnet. Wie stehen Sie dazu?
Ich verstehe die lauten Rufe des Pflegepersonals! Viele sind frustriert, dass sie nicht so mit den Pflegebedürftigen umgehen können, wie sie es gelernt haben. Wenn die Fachkräfte nicht die Zeit haben, sich beispielsweise Demenzkranken zu widmen, ist es natürlich frustrierend. Das Problem ist hier der Personalschlüssel aus dem Jahr 1998. Damals waren die Pflegebedürftigen noch in besserem Zustand, weil durch die demographische Entwicklung die Menschen immer älter werden und auch die Demenzerkrankungen massiv zunehmen. Deswegen drängen wir auch darauf, dass die Pflegegeld-Einstufungen bei Demenzerkrankungen evaluiert werden.

Was kann man darüber hinaus unternehmen, um einen „Pflegenotstand“ zu verhindern?
Wir brauchen viel mehr Tagesbetreuungsmöglichkeiten. Es gibt eine große Lücke zwischen der 24-Stunden-Betreuung und den mobilen Diensten, die stundenweise kommen. Alternative Betreuungsprojekte müssen stärker gefördert werden, z.B. die Betreuung von Pflegebedürftigen auf Bauernhöfen im Rahmen des Projektes „green care“. Auch sollten Ehrenamtliche stärker in die Altenbetreuung eingebunden werden. Vorrangig ist, die häusliche Pflege zu unterstützen. 80 Prozent der Betroffenen werden immer noch zuhause betreut. Das erspart dem Staat rund drei Milliarden Euro pro Jahr! Ich setze mich daher für einen Bonus, insbesondere bei höheren Pflegestufen, ein und für ein transparentes Fördermodell für Kurzzeitpflege.

Derzeit gibt es 21.000 Demenzerkrankte in OÖ. Diese Zahl wird sich in 20 Jahren jedoch verdoppeln!

Das Thema Demenz ist derzeit in aller Munde. Die Neuerkrankungen scheinen rasch voranzuschreiten. Wie dramatisch ist die Situation?
Wir haben laut Gebietskrankenkasse in Oberösterreich derzeit 21.000 Demenz-
erkrankte. Diese Zahl wird sich jedoch in den nächsten 20 Jahren verdoppeln! Deswegen fordern wir eine Demenzstrategie. Einerseits um zu helfen, dass Demenzerkrankte stabilisiert werden. Aber wir brauchen auch präventive Maßnahmen, um dieser Krankheit zu begegnen.

Wie sieht Demenz-Prävention konkret aus?
Die Krankheit ist nicht heilbar, aber wir hatten in einem Unterausschuss im Landtag zu dem Thema interessante Experten eingeladen. Der richtige Umgang mit Demenzerkrankten ist ganz wesentlich, damit sich die Erkrankten besser fühlen. Wenn sie entsprechend gefordert und gefördert werden, wird die Lebensqualität gesteigert und der Prozess des Voranschreitens der Demenz verlangsamt.

Ihre Freizeit verbringt Ulrike Wall am liebsten in der Natur – wie hier im eigenen Garten.

Immer wieder hört man von Einzelfällen, bei denen Pfleger ihre Patienten schlecht behandeln. Wird genug kontrolliert?
Die Kontrollen durch die Fachaufsicht des Landes oder etwa der Volksanwaltschaft sind meines Erachtens ausreichend. Es gibt darüber hinaus eine weisungsfreie Stelle, die Patienten und Pflegevertretung, die Sprechtage in den Bezirkshauptmannschaften abhält. Ich würde mir stattdessen einen Heim-Ombudsmann wünschen, der Vorort den Pflegebedürftigen, Angehörigen, aber auch dem Personal zur Verfügung steht.

Wir möchten natürlich auch den Menschen hinter der Politik vorstellen. Wie verbringen Sie Ihren Urlaub?
Ich war eine Woche mit dem Hausboot unterwegs im Saar-/Moselgebiet an der Grenze zwischen Deutschland und Frankreich. Und im August geht’s dann noch für eine Woche zum Wandern und Radfahren ins Almtal.  Kraft schöpfe ich aus der Natur! Außerdem bin ich leidenschaftliche Gärtnerin.