Ein Jahr nach der Auflösung des „Dschungels von Calais“, eines illegal von Migranten errichteten Grenzcamps, versuchen jetzt viele Illegale die Grenze nach Großbritannien über den französischen Hafen von Ouistreham zu passieren. Sie machen dort Jagd auf LKWs oder Wohnwägen, um – darauf versteckt – mitzufahren.

Ein Bericht von Kornelia Kirchweger

An die hundert Migranten aus Sudan und Eritrea campieren wild, im Wald, neben dem Hafen von Ouistreham, rund 300 km küstenaufwärts von Calais. Sie schlafen in verrotteten Zelten, unter Decken oder Kartons. Abends sieht man Lagerfeuer. Am Tag verstecken sie sich in Straßengräben, hinter Bäumen oder nah an der Straße liegenden Gebäuden.

Migranten errichten neue Lager

Dort lauern sie auf Laster und Wohnwägen, die nach England fahren. Sie versuchen, auf diese Fahrzeuge aufzuspringen, um so mit der Fähre nach England zu kommen.

Augenzeugen berichten: Sobald ein Laster an der Ampel stand, versuchten die Migranten auf das Fahrzeug zu springen. Nicht immer gelingt das. Es gab auch schon Verletzte, die ins Krankenhaus gebracht werden mussten. Die Migranten wissen genau, wann die Fähren nach England übersetzen und planen ihre Zeit dementsprechend.

Betroffene warnen einander vor Gefahr

Auch britischen Urlaubern fällt auf, dass immer mehr Illegale im Hafen herumlungern. Jene, die in Wohnwägen unterwegs sind, warnen einander zur Vorsicht, wenn sie sich Ouistreham nähern.

In einem eigens eingerichteten Internet-Forum beschreiben Nutzer die Verstecke der Migranten und wie sie sich an die Fahrzeuge heranpirschen. Ein anderer Nutzer berichtete, dass sich ein Migrant in einen Wohnwagen schlich und dann laut klopfte und hinauswollte, weil es in die falsche Richtung ging.

Ein Video dokumentiert, wie Migranten LKWs, die in Richtung England fahren, jagen:

Calais-Schleifung hat Problem nur verschoben

Die meisten der Illegalen in Ouistreham sind aus Calais gekommen. Denn viele lehnten es nach der Schleifung des Lagers ab, in Versorgungszentren an verschiedenen Orten Frankreichs zu gehen. („Wochenblick“ berichtete) 8.000 Personen machten freiwillig mit.

Trotz der strengen Sicherheitsvorkehrungen wurden seither 30.000 versuchte Übertritte von Calais aus registriert. Die meisten ohne Erfolg. Die Illegalen weichen daher auf andere Häfen, etwa Dieppe, Cherbourg oder eben Ouistreham aus.

Eskalation der Gewalt befürchtet

Man befürchtet jetzt die Entstehung einer neuen Transitroute nach England per Schiff und die Eskalation von Gewalt – wie etwa in Calais. Dort errichteten Migranten Straßenblockaden, schlugen LKW-Fahrer nieder oder prügelten einen gar zu Tode.