Bereits vor Österreich und Deutschland hat die Orbán-Regierung erste Lockerungen der Corona-Maßnahmen erlassen. Ein Vor-Ort-Besuch in Budapest zeigt jedoch, dass sich auch der ungarische Staat an den globalen Maßnahmen gegen die Corona-„Pandemie“ umfassend beteiligt.

Von Johannes Schüller

Geschäftiges Treiben kündigt sich entlang der Gassen von Szentendre an. In der rund 25.000 Einwohner zählenden Stadt, die mit ihren Barockensemble, verspielten Gässchen und pastellfarbenen Bürgerhäusern zu den beliebtesten Touristenzielen in Ungarn zählt, dürfen an diesem Pfingstwochenende Gaststätten ihren Außenbereich öffnen.

Zwangsimpfung befürchtet

In den Souvenirläden hat bereits die eine oder andere Verkäuferin mutig ihren Mundschutz abgelegt. Denn am 22. Mai hatte Ungarn die Grenze von fünf Millionen gegen Covid-19 geimpften Personen überschritten – und das bei einer Zahl von rund 9,77 Einwohnern. Fünf Millionen Geimpfte hatte sich die patriotisch-konservative Orbán-Regierung als Grenze für Lockerungen gesetzt.

Sperrstunden, Schließungen der Gastronomie und Maskenpflicht gehören nun zumindest im Freien vorerst der Vergangenheit an. Zur Wiedererlangung einstiger Lebensqualität bedarf es in der Regel eines Schnelltests, einer vollständigen Impfung oder eines Genesenen-Nachweises. Das gilt oftmals auch für die für Budapest so typischen Cafés im Wiener Stil.

Trotzdem füllen sich auch in der ungarischen Hauptstadt langsam wieder die Außenbereiche der Restaurants und Cafés. Bei Verstößen drohen Geldstrafen in Höhe von bis zu 1.000.000 Forint, also rund 2.886 Euro. Für Veranstaltungen sowie Musik und Tanz im Innenbereich ist ein Immunitätsnachweis notwendig. Geimpften 16-18-Jährigen wird es zudem gestattet, Veranstaltungen im Innenbereich ohne erwachsene Begleitung zu besuchen. Bereits Mitte April sprach Ministerpräsident Viktor Orbán von der Möglichkeit, auch Jugendliche in diesem Alter zu impfen, die dafür vorgesehenen Pfizer-Impfstoffe wurden bereits bestellt.

In den Händen der Impffanatiker

Die Behörden seien nun angewiesen worden, genügend Impfstoffe für Jugendliche aufzubewahren, so Orbán im Interview mit dem staatlichen ungarischen Radio „Kossuth“. Diese Entwicklung erfüllt István K. (Name von der Redaktion geändert) mit Sorge. Er fürchtet eine drohende Zwangsimpfung für sein dreijähriges Kind. Denn dies werde bereits in Ungarn öffentlich diskutiert, berichtet der Journalist, der seit kurzer Zeit in Budapest lebt. „Doch wohin soll man heute auswandern?“, gibt er zu bedenken. Die ungarische Regierung hat sich in seinen Augen in besonders großem Ausmaß der Corona-Panik hingegeben. Ungarn befinde sich hoffnungslos in den Händen der Impffanatiker, so die ernüchternde Prognose des Mannes. Auch wenn die Impfung von Kindern tatsächlich öffentlich diskutiert wird, zeigt sich Orbán vorerst zurückhaltend. „Ich gehöre zu den Vorsichtigeren, schließlich geht es um Kinder“, zitiert das deutschsprachige Magazin „Ungarn Heute“ Orbán. „Die wissenschaftliche Debatte wird frühestens am Ende des Sommers zu einem Ergebnis kommen, dann kann es eine Kampagne geben, aber die Eltern können ihre Kinder auf eigene Entscheidung impfen lassen.“ István K. zweifelt an der versprochenen Freiwilligkeit. Über die ungarische Identitätskarte, die auch für in Ungarn lebende Ausländer verpflichtend ist, könne der Staat ohne Weiteres ein Register geimpfter und ungeimpfter Personen erstellen.

Ungarn weltweit führend

Jedoch muss auch er eingestehen, dass es in Ungarn mitunter nicht schwer sei, sich eine Impfbescheinigung beim Arzt seines Vertrauens zu erkaufen. Ungarn stand nach Malta und Großbritannien Ende Mai hinsichtlich der Zahl der vollständigen Impfungen laut „Euronews“ EU-weit an dritter Stelle. Am 27. Mai verkündete Staatssekretär Tamás Menczer sogar stolz, Ungarn sei mit 51,5 % an Corona-Durchimpfungen weltweit führend. Dabei handelte es sich jedoch nur um die Zahl der Erstimpfungen – zum Einsatz kommen in Ungarn neben den EU-zertifizierten Impfstoffen vor allem der russische, entgegen dem Willen der EU bestellte Sputnik V und der chinesische Sinopharm. Zugelassen wurde Sputnik V in Russland sogar vor Abschluss der wichtigen Prüfphase III, während die Wirksamkeit von Sinopharm mangels chinesischer Transparenz kaum konkret ermittelt werden konnte.

„Wir sind das einzige Land in Europa, in dem es keinen Mangel an Impfstoffen gibt, sondern einen Überfluss daran“, zitiert „Ungarn Heute“ indes Orbán. Außenminister Péter Szijjártó (Fidesz) konnte sogar am 28. Mai verlautbaren, dass Ungarn 100.000 Covid-19-Impfdosen nach Kap Verde verschenkt habe. „Wenn wir im Kampf gegen die gesundheitlichen und ökonomischen Folgen der Pandemie keine Hilfe vor Ort leisten, dann müssen wir uns auf eine stärkere Welle illegaler Einwanderer einstellen“, unterstrich Szijjártó. Diese Position dürfte er nur mit wenigen rechts-patriotischen Politikern in Europa teilen.

Opposition verlängert Krise?

Doch im eigenen Land stößt Orbán auch auf viele Unterstützer seiner Impfpolitik. „Die Regierung hat betont, dass Impfungen den einzigen Weg aus der Corona-Krise darstellen“, erklärt die ungarische Journalistin Mariann Őry, Leiterin der Auslandsredaktion der ungarischen Tageszeitung „Magyar Hírlap“, gegenüber dem Wochenblick. Es sei vor allem die vereinte Opposition, die die gegen Corona gerichteten Maßnahmen sabotiere und so die Krise verlängere. Noch ist auch in Budapest der Mund-Nasen-Schutz allgegenwärtig. Doch mit steigender Zahl der Impfungen könnte auch diese Pflicht fallen. Die alte, neue Freiheit müssen sich die Ungarn mit einer noch höheren Impfquote von ihrer Regierung erkaufen. Der Preis dafür könnte sich als sehr hoch erweisen.

Das könnte Sie auch interessieren: