Mit einer unfassbaren Aussage sorgte die ehemalige Leiterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, für ebenso viel Aufsehen wie Kopfschütteln. Angesichts der Corona-Krise spricht sie sich gegen große Feiern zu Weihnachten mit Familie und Freunden aus.

In einem Interview mit dem öffentlich-rechtlichen Deutschlandfunk bezog Käßmann anlässlich von Kontakt-Beschränkungen im Zuge des Lockdowns Stellung zur Frage, ob Menschen ein Anrecht darauf hätten, mit einer Großfamilie oder mit vielen Freunden Weihnachten zu feiern. Darauf antwortete sie: „So ein Recht auf so ein Weihnachtsfest gibt es nicht“. Sie warnte davor, dass bei zu viel Kontakt mit den Liebsten in den Tagen nach den Feiertagen die Corona-Infektionen in die Höhe schnellen könnten.

„Josef und Maria waren nicht im großen Familienkreis“

Dass sich eine ehemalige hohe Würdenträgerin einer christlichen Kirche für derartige Einschränkungen bei einem der höchsten Feste ihres Glaubens ausspricht, ist bereits Neuland. Sie tritt stattdessen für ein rigoroses „Kontaktfasten“ in der Adventszeit ein. Dem aber nicht genug: Denn sie versuchte ihre Ansicht sogar noch mit einer theologischen Erklärung zu untermauern. Die Menschen sollten sich demnach nicht fürchten, denn: „Josef und Maria waren auch nicht in einem großen Familienkreis zusammen in der Ursprungsgeschichte“, sondern „alleine in der Fremde“.

Verständnis brachte sie dabei besonders für Andersgläubige auf, etwa für Muslime, die Weihnachten teilweise feiern würden: „Ich kenne auch mehrere Muslime, die sagen, wir feiern auch Weihnachten, weil es ist für uns inzwischen einfach ein Familienfest geworden […] das ist ein deutsches Familienfest inzwischen geworden, unabhängig von Religionen. Die Botschaft von Weihnachten sei jedenfalls kein „Glanz- und Gloria-Fest“, sondern die Liebe von Menschen zu einander.

Scharfe Kritik an befremdlichen Aussagen

Diese – trotz eines wahren Kernes, nämlich der Abkunft vom ursprünglichen Sinn des Weihnachtsfestes – befremdliche Sichtweise rief prompt auch Unverständnis hervor. Ein Autor des Meinungsmagazins „Tichys Einblick“ warf Käßmann vor, einen „kurzen Blackout“ gehabt zu haben und „die Weihnachtspredigt von letztem Jahr abgespielt“ zu haben. In dem sie sogar als Pfarrerin das Fest freiwillig ausfallen lassen wolle, so der Kommentator sarkastisch, tue sie immerhin Buße – eine christliche Tugend.

Käßmann steht für linke und „progressive“ Positionen

Käßmann sorgte bereits in der Vergangenheit durch ihre Standpunkte immer wieder für Furore. Bekannt ist etwa ihre vehemente Fehde gegen patriotisch gesinnte Deutsche, vor drei Jahren quittierte sie etwa die Forderung der AfD nach einer Politik, die einheimische Familien zum Kinderkriegen animiert mit folgenden Worten: „Zwei deutsche Eltern, vier deutsche Großeltern: Da weiß man, woher der braune Wind wirklich weht.“

Auch zum Einwanderungsthema steht sie für eine linke Position: Sie hält Migration für eine Wurzel des christlichen Abendlandes, eine Kernbotschaft der Bibel sei die Annahme des Fremden. Den Begriff „Leitkultur“ lehnt sie ab, man müsse die kulturellen Unterschiede einebnen. Umstrittene hormonelle Verhütungsmittel wie die Anti-Baby-Pille hält sie indes für ein „Geschenk Gottes“. Außerdem befürwortet sie die gleichgeschlechtliche Ehe.

Unüblicher Lebenslauf von Feierlaune ungebremst

Käßmann selbst war für viele Jahre eine aufstrebende Persönlichkeit innerhalb der evangelisch-lutherischen Kirche, war über lange Jahre Landesbischöfin in Hannover. Zwei Jahre nach einer gerade für christliche Pastoren eher unüblich anmutenden Scheidung von ihrem Mann wurde sie 2009 zur EKD-Ratsvorsitzenden gewählt.

Dort fiel sie dann ironischerweise dadurch auf, dass sie selbst offenbar einem geselligen Beisammensitzen nicht unbedingt negativ gegenüber steht. Nur vier Monate später trat sie von ihren Ämtern zurück – Auslöser waren Berichte über eine Alk-Fahrt mit ihrem PKW.

Dennoch gilt Käßmann als einflussreiche und gehaltvolle Stimme innerhalb der EKD und war Botschafterin des Reformationsjubiläums. Auch Luther war bekannt dafür, den Genüssen des Lebens zu frönen. Umso überraschender wirkt also die Wandlung im Bezug auf die Wertigkeit eines mit üppigen Freuden assoziierten Familienfests.