Unter den deutschen Sinti sorgen die Diskussionen rund um die Umbenennung von Zigeunersauce, Zigeunerrädern und dem Zigeunerschnitzel für Kopfschütteln. Sie wollen, dass der Zigeunerbegriff erhalten bleibt. Zu Recht: Die Vielfältigkeit der unterschiedlichen Zigeunervölker erfordert den Überbegriff.

Von Bernadette Conrads

Der politisch korrekte Kapitalismus treibt seit dem Aufkommen der Black Lives Matter-Debatte seltsame Blüten. So gab kürzlich der Großkonzern hinter Kelly’s bekannt, seine „Zigeunerräder“ in „Zirkusräder“ umzubenennen. Auch Knorr ereifert sich im Spiel ums politisch-korrekte Marketing benennt die „Zigeunersauce“ in „Paprikasauce“ um.

Hat denn niemand die Zigeuner gefragt?

Von den politisch-korrekten Sprachdoktoren und Marketinggenies in den Großkonzernen befand es offenbar niemand der Mühe wert, die Zigeuner selbst nach ihrer Meinung zu befragen. Das zeigt, wie ignorant die politisch Korrekten selbst im Umgang mit Minderheiten vorgehen.

Die Sprachenzeitung Deutsche Sprachwelt holte dieses Versäumnis kürzlich nach und veröffentlichte eine entsprechende Stellungnahme der Vertretung der deutschen Sinti.

Darin weistn die Deutsche Sinti-Allianz die überbordende Sprachhygiene entschieden zurück. Ihre Mitglieder würden sich immerhin selber als Zigeuner bezeichnen. Sie wollen diesen Überbegriff für ihre weitere Volkszugehörigkeit in wertfreier Form beibehalten, erklärte Manfred Drechsel von der Deutschen Sinti-Allianz gegenüber Deutschen Sprachwelt.

„Eineinhalbtausend Jahre alte historische Bezeichnung“

Mit Kopfschütteln verfolge die Mehrheit ihrer Mitglieder die aktuelle Diskussion. Drechsel verteidigt den Begriff, der für ihn und die Sinti einen wichtigen Überbegriff für alle Zigeunervölker darstellt: „Eine Zensur oder Ächtung des Begriffs Zigeuner, durch wen auch immer, sollte und darf es nicht geben“

Auf eigenen Grabmalen werde die Bezeichnung „Zigeuner“ häufig als Inschrift gewählt. Sinti, die den Nationalsozialismus überlebten, hätten die Bezeichnung selbst verwendet.
Daher solle man auf „die eineinhalbjahrtausend Jahre alte historische Bezeichnung“ nicht verzichten.

Die Sinti-Vertreter gaben gegenüber der Deutschen Sprachwelt eine Erklärung gegen die „Sprachüberwachung“ und „Sprachhygiene“ ab.

Die Erklärung der Sinti im Wortlaut:

„Es gibt in dem Millieu, die Saucen etc. umbenennen möchten, scheinbar die falsche Vorstellung, einem ‚Antiziganismus‘ entgegenzutreten. Die Sinti Allianz Deutschland lehnt diese Form der Sprachhygiene ab, auch jegliche Form der Sprachüberwachung. Die Mehrheit der Sinti, die wir vertreten, verfolgt diese unwürdige ‚Saucendiskussion‘ kopfschüttelnd. Es ist richtig, die Bezeichnung Zigeuner wird von uns selbst verwandt. Selbst Überlebende der Nazi-Diktatur benutzen diese Bezeichnung in ihren Biographien als Überbegriff, und auf Grabmalen wird die Bezeichnung Zigeuner häufig als Inschrift gewählt. Zum Begriff Zigeuner vertreten die Angehörigen der Sinti Allianz Deutschland aus Respekt vor allen anderen Zigeunervölkern die Auffassung, dass mangels eines von allen Zigeunervölkern akzeptierten neutralen Überbegriffs auf die eineinhalbjahrtausend Jahre alte historische Bezeichnung Zigeuner nicht verzichtet werden kann – sofern diese wertfrei benutzt wird. Eine Zensur oder Ächtung des Begriffs Zigeuner, durch wen auch immer, sollte und darf es nicht geben.“

Zigeuner: Mehr als nur Sinti und Roma

Es gibt wesentlich mehr Volksgruppen, die sich einerseits selbst als Zigeuner definieren und andererseits auch von ihrer Umgebung als solche definiert werden.

Jenische in der Schweiz (1928)

Neben den bekannten Gruppen der Roma und Sinti gibt es ein Vielzahl an Zigeunervölkern. Viele von ihnen wollen nicht als Roma bezeichnet werden, verstehen sich aber durchaus als Zigeuner. Beispiele dafür sind die Jenischen in der Schweiz und die Aschkali im Kosovo. In Irland finden sich die Traveller, in Serbien die Dorgovci und in Rumänien und Bulgarien die Rudari.

Am Beispiel der Aschkali zeigt sich die Vielfältigkeit der unterschiedlichsten Zigeunergruppen.
Obwohl sich die Aschkali ebenso wie die Roma überwiegend dem Islam zugewandt sehen und eine ähnliche Lebensweise vollziehen, werden sie von den – ebenso überwiegend muslimischen – Roma abgelehnt. Unter den Zigeunern gelten die Aschkali als besonders hellhäutig im Vergleich zu den Roma. Wie bei allen Zigeunergruppen, ranken sich um ihre Herkunft die Mythen. Entgegen der Roma, deren Herkunft oftmals in Indien vermutet wird, sollen die Aschkali aus Ägypten stammen.

Zensur löst kulturelle Konflikte nicht

Auf die Ausdrucksweise „Sinti und Roma“ auszuweichen, bietet jedenfalls keine Möglichkeit, um die Zigeunerbezeichnung zu umgehen. Natürlich sind Zigeuner oftmals der Ablehnung von Gesellschaften ausgesetzt. Das Aufeinanderprallen ihrer kulturellen Vorstellungen mit jenen westlicher Gesellschaften, führt oft zu Konflikten und gegenseitigem Unverständnis. Die Zensur des Begriffs wird diesen Konflikt jedoch nicht auflösen.