Probleme auszusitzen und zu verschleppen scheint in den letzten Jahren ein neues Geschäftsmodell vieler Versicherungen geworden zu sein, ärgert sich der 85-jährige Linzer Rentner Alfred Freund, dem die „Allianz“-Versicherung trotz eines anderslautenden Gerichtsurteils nur noch die Hälfte seiner Therapiekosten bezahlt.

von Kurt Guggenbichler

„Dabei hätte ich Anspruch auf den vollen Ersatz“, sagt Freund bei meinem Besuch in seiner Wohnung in der Nähe des Bahnhofs. Der Empfang ist herzlich und freundlich, obwohl es für den Senior eigentlich keinen Grund zu lachen gibt.

„Solche Handstände konnte ich damals noch machen“, sinniert Freund bei unserem Gespräch und schiebt mir dabei ein Foto von einem Griechenland-Urlaub über den Tisch, auf dem er kopfüber in beeindruckender Standfestigkeit am Meeresstrand posiert.

Schmerzen seit Unfall

Mit „damals“ meint er die Zeit vor dem 3. November 2000, einem Tag, der sein bis dahin sehr sportliches Leben grundlegend veränderte. „Bis zu diesem Tag war ich ein leidenschaftlicher Geräteturner, Wasserskifahrer und Radfahrer ohne körperliche Probleme“, sagt er, der früher erfolgreich Mercedes-Lastwagen verkaufte.

Sowohl während seiner beruflichen Tätigkeit als auch danach schaute er immer sehr darauf, fit zu bleiben. Heute muss er sich noch immer um die Zurückerlangung seiner Fitness und Wendigkeit mit aufwendigen Physiotherapien bemühen, weil seine rechte Schulter nach wie vor schmerzt.

Das ist die Folge einer Fahrt mit seinem Rad vor zwanzig Jahren, bei der Alfred Freund von einer Autofahrerin aus dem Radsattel katapultiert wurde.

Noch keine Besserung

Daraufhin wurden die Beklagte und ihre Versicherung, die „Allianz“, vom Gericht dazu verurteilt, für sämtliche Schäden zur Gänze zu haften, die dem Verletzten aus dem Verkehrsunfall erwuchsen und in Zukunft noch erwachsen würden.

Auf diese Erkenntnis im Vergleichsurteil verweist er und wundert sich, dass die „Allianz“ seit vier Jahren ohne weitere Begründung nur noch die Hälfte seiner Therapiekosten bezahlt. Aber mit welcher Berechtigung?

Die „Allianz“ hatte vor vier Jahren zwar ein neues Gutachten erstellen lassen, in der Hoffnung, dass sich die Schmerzen bei Freund gebessert haben könnten und sie nicht mehr länger bezahlen müsste.

Doch herausgekommen ist dabei etwas ganz anderes: Freunds Verletzungen stünden sehr wohl in einem kausalen Zusammenhang mit dem Unfall, und eine Verbesserung könnte letztendlich nur durch eine operative Maßnahme (Implantation einer Schulterprothese) erreicht werden, heißt es in dem Gutachten vom 27. September 2016.

Keine Erklärung

Dennoch kürzte die „Allianz“ dem Rentner die Hälfte seiner Therapiekosten – ohne Angabe von Gründen. Eine dementsprechende Nachfrage und Beschwerde des betroffenen 85-Jährigen, die dieser am 14. Oktober 2019 schriftlich an eine Dame bei der „Allianz“-Versicherung in Wien gerichtet hatte, blieb bis heute unbeantwortet.

„Die schulden mir bis jetzt etwa 2000 Euro“, sagt Freund, der vermutet, dass die Versicherung jetzt nur noch darauf wartet, bis sich das Problem durch sein Ableben von selbst erledige. „Das empfinde ich als Sauerei!“