Die Vertreibung der Deutschen aus Böhmen und Mähren ist oft ein Tabuthema. Millionen verloren ihre Heimat, als die Rote Armee samt ihrer Helfershelfer in tausenden Racheakten wütete. Das mutige Buch „Blutiger Sommer 1945“ des Tschechen Jiří Padevět macht die verdrängte Gewalt sichtbar.

Von Alfons Kluibenschädl

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Es ist die bisher umfangreichste Dokumentation der sogenannten „wilden Vertreibung“ im Sommer 1945. Das von den Kommunisten gepflegte Narrativ einer „gerechten Strafe“ für die deutschsprachige Zivilbevölkerung verhinderte jahrzehntelang eine Aufarbeitung und Versöhnung der Nachbarländer. Das bereits 2016 im tschechischen Original publizierte Buch ist mittlerweile in einer liebevoll gestalteten deutschen Übersetzung vom Leipziger Kleinverlag Tschirner & Kosová lieferbar.

Detaillierte Aufarbeitung

Das über 700-Seiten-starke Buch besticht aber nicht nur durch seinen Umfang, auch durch die klare Struktur. Nach Regionen und darin nach Orten – beziehungsweise in Prag nach Straßenzügen – sortiert, arbeitet es die Gräueltaten minutiös auf, zählt die jeweiligen Daten auf und gibt Opfern ihren oftmals vergessenen Namen zurück. An Kartenausschnitten erkennt der Laie, wo man gerade umgeht.

Reichhaltiges Bildmaterial hilft bei der Einordnung der Geschehnisse. Dabei besticht der Autor gerade durch nüchterne, sachliche, lexikalische Aufarbeitung. Er kommentiert die Geschehnisse nicht, lässt Fakten und Bilder für sich sprechen: gerade in Zeiten wertender Historien-Dokus und romanartiger Sachbücher eine seltene Wohltat.

Der Autor zeichnet ein klares Bild des Grauens

Padevět gelingt hiermit ein großer Wurf. Die Liebe zum Detail und zur gewissenhaften Arbeit setzt sich bis in die Belege fort: In 1.689 Fußnoten findet der Leser interessante Zusatzinfos, weiterführende Literatur und Querverweise auf die oft unübersichtlichen Archive. Der Autor scheute keine Mühen, um ein möglichst klares Bild des Grauens zu zeichnen – trotz der Belastung, eigene Landsleute immer wieder unter den Tätern zu finden.

Das umfangreiche Werk stellt die brutale Vertreibung eindrucksvoll dar und kann dabei alle Zielgruppen abholen – vom Historiker über den belesenen Bürger bis hin zum Laien mit Vertriebenen-Hintergrund, der vielleicht nur etwas über jene Dinge wissen möchte, die der eigene Großvater aus traumatischer Erfahrung nicht schildern wollte oder konnte. Das Buch ist mit stolzen 50 Euro zwar nicht billig – aber eindeutig jeden Cent wert!

Zum Buch: „Blutiger Sommer 1945 – Nachkriegsgewalt in böhmischen Ländern“ von Jiří
Padevět, Verlag Tschirner & Kosová, Leipzig 2020. 736 S., 52,20 Euro

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