Kirstin Stanzel ist Unternehmensberaterin und leitet eine Kanzlei in Wien. Sie ist entsetzt, wie die Regierung jetzt Kleinunternehmer behandelt. Unbürokratische und effiziente Hilfe sehe anders aus, betont die Expertin Freitagabend im „Wochenblick“-Interview.

Wochenblick: Am Freitag ab 17:00 konnten sich also Unternehmer bei der WKÖ melden, um Unterstützung zu bekommen. Zuerst ging mal die Webseite offline, weil zu viele Zugriffe waren. Aber ganz allgemein: Wird den Unternehmen jetzt wirklich „unbürokratisch geholfen“?
Stanzel: Wie kann man einen Vorgang unbürokratisch bezeichnen, der bereits mit diversen Vorgaben beginnt, ob man überhaupt anspruchsberechtigt ist. Zuerst musste im Einkommensbescheid von 2017 bzw. 2018 nachgeprüft werden, ob man mit dem veranlagten Gewinn überhaupt anspruchsberechtigt ist. Für viele war da die Angelegenheit auch schon zu Ende. Denn auch wenn man jetzt ein erfolgreiches Unternehmen führt bekommt man trotzdem keine Förderung, wenn dies im zuletzt veranlagten Jahr nicht auch so war. Zusätzliche Punkte, wie die Angabe der GLN-Nummer, machten das Leben der Unternehmer auch nicht einfacher. Denn kaum jemand weiß, dass man diese Nummer direkt bei der WKO abfragen muss. Gerade für kleine Unternehmen ist dies ein Tanz am Abgrund. Bekommen sie diese Förderung nicht, dann fehlen ihnen liquide Mitteln. Gleichzeitig haben sie Angst einen Fehler zu machen und im Nachhinein auch noch bestraft zu werden.

Wochenblick: Im Gespräch waren Mietreduktionen während der Ausgangsbeschränkung. Wird das einzuhalten sein?
Stanzel: Momentan geht ja der § 1104 ABGB (Seuchenbestimmung) durch aller Munde. Hier ist jedoch meist der Wunsch die Mutter des Gedanken. Durch die sehr unklaren Weisungen der Regierung und vor allem auch durch das Covid_19 Maßnahmenpaket wurde die Auslegung dieses Paragraphen noch viel schwieriger. Im Seuchengesetz von 1950 fänden wir noch eine klare Regelung, diese gilt jedoch nur noch in den Quarantänegebieten. Generell kann man sagen: nur im Fall einer gesetzlichen Schließung (Betretungsverbot) kann man überhaupt von einer Mietaussetzung ausgehen. Dies würde zB für Friseure gelten, oder auch ein Tanzstudio. In der Gastronomie muss man schon wieder genau hinsehen. Ist das Lokal total gesperrt, kann man auch hier auf eine totale Reduktion pochen, macht man jedoch ein Lieferservice, dann kann man maximal eine Reduktion erfragen. Einen klaren oder einheitlichen Ansatz gibt es leider nicht. Viele Unternehmer werden sich wohl eine Lösung mit dem Vermieter individuell vereinbaren müssen.

Wochenblick: Ist man als Unternehmer nicht für solche Probleme mit einer eigenen Betriebsversicherung versichert?
Stanzel: Ja, viele Unternehmen haben eine Betriebsversicherung abgeschlossen. Oft ist da auch eine Betriebsunterbrechungsversicherung dabei. Unter bestimmten Umständen werden dann im Fall einer Betriebsunterbrechung zumindest die Fixkosten durch die Versicherung weitergetragen. Wie man sich denken kann, sind diese Polizzen natürlich an geltendes Recht gebunden bzw. lehnen sich an dieses an. Bis vor zwei Wochen war also für bestimmte Vorgaben das Seuchengesetz von 1950 maßgebend. Durch das Maßnahmenpaket Covid_19 wurde jedoch dieses Recht ausgehebelt und somit auch die Voraussetzung für den Anspruch an die Versicherung. Davon sind leider gleich mehrere meiner Klienten betroffen.

Wochenblick: Die Firmen erhalten aber 1.000,- Euro Härtefonds. Ist damit Ihren Kunden nicht geholfen?
Stanzel: Leider fallen sehr viele Jung- und Kleinunternehmer vollkommen durch den Rost. Wer im letzten Veranlagungsjahr als Kleinunternehmer (im Sinne der „Sozialversicherungsanstalt der Selbständigen“) geführt wurde, hat zum Beispiel schon einmal gar keinen Anspruch. Ein Unternehmen, das im Jahr 2017 gegründet wurde und aus diesem Grund im Jahr 2017 und 2018 Verluste geschrieben hat, hat auch keinen Anspruch, obwohl es jetzt schöne Gewinne schreibt. Also sind wir weit weg von der Aussage, dass die Unternehmer 1.000,- Euro erhalten. Zusätzlich muss nachgewiesen werden, dass man seine Fixkosten nicht mehr bestreiten kann und der Umsatzrückgang mehr als 50 % beträgt. Auch das ist ein verzerrender Ansatz. Denn wenn ein bilanzierendes Unternehmen im März noch Rechnungen gestellt hat, werden diese zu den Umsätzen gerechnet, auch wenn es diese Beträge situationsbedingt lange nicht oder nie sieht. Also keine Förderung in diesem Monat.
Um aber nicht alles negativ zu sehen muss ich natürlich sagen, dass jeder Cent momentan eine Hilfe ist. Es kommt vielen meiner Klienten und auch mir so vor, als würde man einem Ertrinkenden den viel besungenen Strohhalm zuwerfen. Oder wie man in Österreich auch so schön sagt: „zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel!“