Dem Friedhof verdankt das Welser Neustadtviertel sein Leben. Zur Zeit wird der Gottesacker, der auch die größte Parkanlage der Stadt ist, umfassend renoviert. Ein Spaziergang durch die letzte Ruhestätte für bislang schon 200.000 Menschen gerät auch zur Exkursion für Stadtgeschichte.

Eine Reportage von Kurt Guggenbichler

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Ob er auch Verstorbene besuchte? „Nein, Verstorbene aus meiner Familie liegen hier nicht“, sagt der etwa 60-jährige Mann, mit dem ich auf dem Welser Friedhof beim Betrachten einer alten Familiengruft ins Gespräch gekommen bin.

Idylle an der Osttangente

„Ich gehe hier aber gern spazieren, weil es da ruhiger ist als in so manchen Parks“, erklärt er mir ungefragt: „Ich wohne gleich in der Nähe…“ Auch der 69-jährige Welser Alexander Barthou kann vom Balkon seiner Wohnung aus auf die Westmauer des Friedhofs schauen, an der der Verkehr auf der Osttangente unablässig vorüberrauscht.

Die Totenruhe stört er nicht, da die Mauern des 1886 errichteten Friedhofs wie Lärmschutzwände wirken. Auch Barthou liebt die Ruhe auf diesem durchaus idyllischen Gottesacker, in dessen Erde bereits sein Vater, seine Mutter und seine Schwester Isabell ruhen.

Isabell ist schon 1964 gestorben. „Irreparabler Gehirntumor“, sagt Barthou und seufzt: „Sie war erst 13!“ Andere, oft nur wenige Jahre ältere Mädchen als sie, aber noch mehr Burschen, sind in den letzten Kriegsmonaten in Wels gestorben. Niemand weiß das besser als Isabells Bruder, der Geschäftsführer des Österreichischen Schwarzen Kreuzes.

Ein leerer Sarkophag

Als ich mit ihm über den Friedhof gehe, macht Barthou mit dem Arm eine weit ausholende Geste und zeigt in Richtung der vier Kriegsgräberanlagen, wo Bombenopfer, Flüchtlinge, Soldaten und KZ-Tote begraben liegen. Von den insgesamt 18.500 Grabstätten auf dem 13,6 Hektar großen Areal sind etwa eineinhalb Tausend Gräber mit Kriegsopfern belegt.

Besonders ins Auge fällt bei unserem Rundgang der Sarkophag von Johann Charvát, einem Major des Bundesheeres der 1. Republik, der bei der Niederschlagung des NS-Juliputsches im Jahr 1934 auf dem Pyhrnpass ums Leben gekommen ist.

Seine sterblichen Überreste hatte man oberirdisch in einem dickwandigen Steinsarg vorm Denkmal für die Gefallenen der Weltkriege platziert. Doch heute sei dieser Sarg leer und fungiere nur noch als eine Art Denkmal, erläutert Barthou, womit die Erinnerung an den Kommandanten der 3. Kompanie des in Wels stationiert gewesenen Alpenjägerregiments Nr. 8 bewahrt werde.

Wo Charvát nun wirklich bestattet ist, weiß man nicht so genau. Wenn es stimmt, was man so hört, soll er gar nicht so weit entfernt von seinem Denkmal in geweihter Erde liegen – wie viele andere Welser auch, die einmal bedeutend waren.

So gerät auch jeder Besuch im Friedhof, der „die größte Parkanlage der Stadt“ ist, wie Vizebürgermeisterin und Friedhofsreferentin Christa Raggl-Mühlberger nicht ohne Stolz feststellt, auch zu einer Exkursion in Stadtgeschichte.

Die Namen der Toten, die auf den großen Marmortafeln der Gruften und großen Grabanlagen entlang der Friedhofsmauern eingemeißelt sind, haben noch heute einen guten Klang in Wels. Doch der Zustand so mancher Gräber dieses Bürgeradels steht oft im Gegensatz zu deren gutem Ruf, was viele Passanten verwundert, weil es bei der Pflege kaum ums Geld gehen dürfte.

Ironie des Schicksals

Sehr wohl ums Geld geht es jedoch bei der von Raggl-Mühlberger in Angriff genommenen Friedhofsrenovierung, die sich die Stadt trotzdem 144.000 Euro kosten lässt. Denn eine pietätvolle Verabschiedung von Verstorbenen in einem stilvollen Ambiente müsse schon möglich sein, betont die Friedhofsreferentin und Herrin über 8.000 Familien-, 1.500 Wand-, 6.000 Reihen-, 1.500 Urnen- und 1.500 Sondergräber sowie 40 Grüfte.

Pro Jahr gebe es rund 500 Bestattungen, doch mit den vorhandenen Grabstellen, so heißt es, werde man auch künftig das Auslangen finden. Das war nicht immer so: Weil die Vorgängerfriedhöfe im Stadtgebiet nach der zweiten Hälfte des vorvorigen Jahrhunderts zu klein geworden sind, beschloss die Stadt, auf dem damals noch weitgehend unbebauten Heide-Areal nördlich der Bahn einen neuen Gottesacker zu bauen.

Ironie des Schicksals: Ausgerechnet mit der Errichtung einer neuen Heimstätte für die Toten begann es drumherum lebendig zu werden – das war die Geburtsstunde des Neustadtviertels. Bereits um die Jahrhundertwende gab es dort 85 Wohnhäuser und eine Fabrik, die Spar-Herde erzeugte.

Um diese Zeit war auch die Idee aufgetaucht, in der Neustadt eine Kirche mit den Ausmaßen eines Domes zu errichten. Elf Jahre später war er Realität wie auch das schon lange zuvor errichtete Krankenhaus und damit die Menschen aus der Kernstadt auch schnell dorthin gelangen konnten, wurde 1916 die Karlsbrücke gebaut.

Gut genutzter Gottesacker

Bis dahin hatte es dort nur einen beschrankten Bahnübergang gegeben, der schon 1907 von 16 beobachteten Stunden exakt sechs Stunden, 30 Minuten und 52 Sekunden geschlossen war. Doch bereits zu Beginn des vorigen Jahrhunderts haben wöchentlich 46.397 Zivilisten, 5.820 Soldaten, 4.099 Fuhrwerke und 191 Stück Vieh diese Passage in die Neustadt genutzt.

Wie viele Leichentransporte auf den neuen Friedhof darunter waren, wurde nicht gezählt. Doch seit seiner Eröffnung sollen dort schon mehr als 200.000 Menschen zur letzten Ruhe gebettet worden sein.